Sturzprophylaxe: Wieder sicherer stehen

Stolperfallen aufdecken, die Beinmuskulatur für mehr Halt kräftigen: Unterwegs mit drei Aktivisten, die Senioren standsicher machen möchten
von Kai Klindt, 04.10.2017

Ziel sichere Arzneitherapie: Apothekerin Stefanie Koch (rechts)

W&B/Wolfram Scheible

Bodybuilder. Stuntman. Möbelpacker. An solche Berufe denkt man, wenn Christian Satzl vor einem steht. Der Zwei-Meter-Mann mit der Figur eines Athleten trägt Sportshirt, kurze Hose und Wanderstiefel. Auf einen Außendienstler der Sozialkasse tippt man eher nicht. Satzl ist für die Berufsgenossenschaft der Landwirte, Forstbetriebe und Gärtner unterwegs. Sein Auftrag: Unfälle in Haus und Hof verhüten – und ganz besonders die Altbauern gegen Stürze wappnen.

Fährt Satzl durch sein Revier im nördlichen Oberbayern, passiert er Orte wie Oberhinzing, Gammelsdorf oder Kleingundertshausen. Es ist altes Bauernland, viele Familienbetriebe gibt es hier, von denen ein großer Teil vom Hopfen lebt. Die haushohen Gerüste aus Holzmasten und Maschendraht, an denen sich das Gewächs emporhangelt, zeichnen ein Muster in die Landschaft.

Auf dem Hof in Geisenfeld aber, Satzls erstem Ziel für heute, steht die Milch im Mittelpunkt. Drei Generationen kümmern sich um 60 Kühe, braun geschecktes bayerisches Fleckvieh. Resi S., die 80-jährige Altbäuerin, rollt das Milchtaxi, eine Art Eiswagen, zu den Kälbern, die schüchtern aus ihren Boxen lugen. Christian Satzl sieht sofort, wo die Gefahr lauert. Die Schuhe! Resi S. trägt beige Slipper, "weil man da so bequem reinschlüpfen kann, ohne sich zu bücken". Der Mann von der Kasse rät zu festen Arbeitsschuhen – die gebe es auch ohne Schnürsenkel.

Sturzquellen: Lose Fliesen, hohe Kanten

"140.000 Hüftbrüche haben wir pro Jahr." Den Satz bringt Christian Satzl an, wo immer er kann. "Jeder zweite Betroffene ist danach in seiner Mobilität eingeschränkt." Ob Resi S. schon einmal hingefallen sei? Sie nickt: "Im Stall." Eine Rampe aus Beton führt hinauf zum Gang mit den Futtertrögen. Wasser aus einem Wandschlauch hält die schiefe Ebene sauber – und nass. "Hier muss man ja ausrutschen", befindet der Experte und empfiehlt einen Gitterrost als Auflage – eine günstige Lösung.

Satzl wird noch viele Stolperfallen finden: lockere Fliesen auf der Treppe zur Wohnung der Altbäuerin. Eine hochstehende Teppichkante im Wohnzimmer, in dem ein Foto von Tochter Christa als Hopfenkönigin an der Wand hängt. Schlechtes Licht im Flur – tückisch, wenn man nachts rausmuss!

Die Landleute hören ihm zu, denn er ist einer von ihnen. Satzl ist im Nebenberuf Bauer; auf seinen Feldern wachsen Mais und Weizen. Er weiß nur zu gut, dass sich Sturzrisiken nie zu 100 Prozent ausschalten lassen. Schon gar nicht auf einem Bauernhof. Nach einem frostigen Winter stehen Betonplatten schon mal ab. "Wir müssen die Älteren so fit machen, dass Schwellen für sie keine Gefahr bedeuten." Bei jedem Ortstermin trommelt Satzl daher für die Teilnahme an Kursen, die die Berufsgenossenschaft mit den Landfrauen, dem Deutschen Turnerbund und den Altersmedizinern des Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhauses unter dem Motto "Trittsicher durchs Leben" auf die Beine stellt.

Kraft, Koordination, Gleichgewicht: Darauf kommt es an, wenn man standsicher bleiben will, weiß auch Waltraud Schlegel. An einem sonnigen Vormittag steht die 67-Jährige mit einer kleinen Schar von Seniorinnen im Gemeindesaal der Nürnberger Himmelfahrtskirche.

Beinmuskeln für mehr Sicherheit

"Das linke Bein nach vorne heben", ruft Schlegel. Gar nicht so einfach. Die Damen haben sich eine blaue Kunststoffmanschette um den linken Unterschenkel geschnürt. Darin stecken Eisenstäbe, mal mehr, mal weniger, die für Ballast sorgen – und für eine stärkere Wirkung des Trainings. "Gute Beinmuskeln stabilisieren uns, wenn wir ins Straucheln kommen", ermuntert Schlegel.

Erst im vergangenen Jahr hat sich die Nürnbergerin zur Anti-Sturz-Trainerin ausbilden lassen. Der Mix aus Kraftaufbau und Balanceschule, ein Programm aus Neuseeland, soll vor allem Älteren nützen, die schlecht beieinander sind. Das Risiko zu stürzen sinkt um ein Viertel, fanden Forscher heraus. Das Seniorenamt der Stadt Nürnberg will das Angebot flächendeckend in die Stadtteile bringen. Man setzt dabei auf ehrenamtliche Aktivisten.

Seiltanzen auf dem Boden

Waltraud Schlegel dürfte eine Idealbesetzung sein. Ein Berufsleben lang hat sie im Büro gearbeitet, aber ihr Herz schlägt für Gesundheitsthemen. Vor wenigen Wochen erst hat sie im Gemeindesaal einen Vortrag gehalten: "Obst und Gemüse als Heilmittel". Man kennt sie im Viertel.

"Ich habe selbst schon in meinem Staudenbeet gelegen", erzählt die Übungsleiterin in der Runde. Alle haben den einen oder anderen Sturz hinter sich. Selbst wenn die Sache glimpflich ausgeht, bleibt die Angst vor dem nächsten Mal.

"Jetzt gehen wir wieder auf den Strich", witzelt Schlegel. Auf dem Linolboden hat sie ein Seil drapiert. Anna Rupprecht (Name von der Redaktion geändert) balanciert darauf, den Blick nach vorn, ihre rechte Hand sucht bei der Trainerin Halt. Noch drei Meter, zwei Meter, einen Meter. Geschafft! Die fünf Frauen im Hintergrund klatschen Beifall. "Nie hätte ich gedacht, dass diese unspektakulären Übungen so hilfreich sind", strahlt Rupprecht. "Durch den Kurs fühle ich mich sicherer." Schließlich möchte die 82-Jährige noch lange in ihrem Gemüsegarten wirtschaften können. "Alles Bio", sagt sie stolz.
Morgens eine Mineralstofftablette – ansonsten kommt Anna Rupprecht ohne Medikamente aus. Viele in ihrem Alter brauchen mindestens fünf Mittel am Tag. Je mehr Tabletten aber, desto höher die Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren.

Sturzrisiko Punkt für Punkt prüfen

Stefanie Koch kennt sich da aus. Die junge Apothekerin aus Tuttlingen kümmert sich um die Arzneiversorgung von Pflegeheimen vor Ort. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich DIN-A4-Ausdrucke. Für jeden Bewohner faxen die Heime einen Medikationsplan in die Apotheke. Koch sieht genau hin. "Melperon-Lösung", ein Mittel gegen Unruhe, steht auf einem der Formulare, und die Apothekerin weiß: Das bedeutet Sturzgefahr. "Kritisch sind besonders Mittel, die auf das zentrale Nervensystem wirken." Dazu zählen etwa Schlaftabletten und einige starke Schmerzmedikamente. Manche Mittel entspannen obendrein die Muskulatur – riskant für gebrechliche Menschen. Koch achtet auch auf den Zeitpunkt der Einnahme. Entwässernde Tabletten am Abend? Da treibt man den Patienten im Halbschlaf aus dem Bett.

"Jeden Sturz ernst nehmen"

Bei Ärzten und Pflegern finde sie mit ihren Argumenten zunehmend Gehör, sagt Stefanie Koch auf dem Weg ins Bürgerheim, das fünf Minuten zu Fuß den Hang hinauf liegt. Im Wohnbereich 3 bereitet Lianne Funkler ein Tablett mit Arzneitropfen vor. Stürzen vorzubeugen sei ein großes Thema für das Heim, erklärt die Altenpflegerin. Viele Bewohner leiden unter Bewegungsstörungen, etwa durch Parkinson oder einen Schlaganfall. "In den letzten fünf, sechs Jahren hat sich aber viel verbessert. Kaum jemand hier bekommt noch Beruhigungsmittel."

Schwindel, Benommenheit, wackliger Gang: Auf solche Warnsignale achtet man in diesem Heim, weiß Koch. Bei Senioren, die zu Hause leben, sei das anders. "Wenn jemand hinfällt, wird das oft aufs Alter geschoben." Ihr Wunsch: "Jeden Sturz ernst nehmen und mit Arzt und Apotheker nach der Ursache fahnden."


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