Tipps für das Gespräch mit Arzt und Apotheker

Sprechende Medizin: Eine gute Kommunikation mit Arzt und Apotheker trägt nachweislich zum Heilungserfolg bei. Wie Patienten selbst dazu beitragen können

von Kai Klindt, 27.12.2017
Arzt mit Patientin

Erklärt der Arzt die Therapie, ziehen Patienten sie eher durch


Sechs, setzen! So ungefähr fiele das Urteil aus, würde Franz Gröning seinen letzten Besuch bei einem Orthopäden benoten. Der Berliner hatte sich die rechte Schulter geprellt, als er bei der Erntehilfe für Freunde vom Apfelbaum gefallen war. "Ich hörte nur: Wir röntgen Sie", erzählt Gröning. Danach bekam er ungefragt eine Schmerzsalbe verpasst. "Der Arzt machte keine Anstalten, mich einzubeziehen oder mir zu erklären, wie die Behandlung aussieht", ärgert sich der 69-Jährige.

Gröning hat einen geschulten Blick für den Umgang von Ärzten mit ihren Patienten. Seit 15 Jahren schauspielert er im Simulationspatienten-Programm der Berliner Charité für Studenten, die sich im ärztlichen Gespräch üben. Mal mimt er den Verkäufer, dem immer wieder die Luft wegbleibt, mal den Alt-68er-Lehrer, der trotz überstandenen Schlaganfalls nicht vom Rauchen lassen will. Wie gut gelingt es den Nachwuchsmedizinern, sich in so verschiedene Patienten einzufühlen?

Heilkraft des Gesprächs

Mehr als 100 Stunden Kommunikationsschule stehen auf dem Lehrplan der Charité-Studenten – vom ersten Semester an. Auch an anderen Universitäten ist das Thema heute Pflicht. Wie der Arzt mit den Patienten redet, ist kein Nischenfach mehr.

Das Gespräch bildet eines der wichtigsten Werkzeuge der Medizinerzunft: Allein damit kann der Arzt nach Schätzungen etwa 70 Prozent der Diagnosen stellen. Mittlerweile weiß die Forschung: Klappt die Kommunikation zwischen Arzt und Krankem, verlaufen chronische Leiden wie Bluthochdruck und Diabetes milder, der Patient bleibt eher bei der Stange und ist zufriedener.

Patienten suchen Rat in der Apotheke

Auch Pharmazeuten bekommen es in Studium und Weiterbildung zunehmend mit dem Thema zu tun. Darin spiegelt sich der Wandel des Apothekerberufs, meint Pia Webler, Apothekerin und Kommunikationstrainerin aus Gießen: "Zur Arzneiversorgung gehört heute die Anleitung und Begleitung der Patienten." Außerdem suchen immer mehr Kunden bei leichten Beschwerden Rat in der Apotheke – ohne zuvor zum Arzt zu gehen. Eine Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt: Was eine gute Apotheke ist, machen Senioren in erster Linie daran fest, wie das Personal auf sie eingeht.

Nur: Wie gelingt gute Kommunikation? "Alle Seiten sind in der Verantwortung", sagt Professorin Marie-Luise Dierks aus Hannover. Ärzte und Apotheker also, aber – darauf legt die Forscherin Wert – auch der Patient.

Hörstunde statt Sprechstunde

Für den Arzt lautet die wichtigste Aufgabe: zuhören. Diese Botschaft bringt Dr. Ulrich Schwantes, Hausarzt und Professor für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Brandenburg an, wo immer er mit Kollegen spricht. Laut Studien unterbrechen Ärzte ihre Patienten im Schnitt nach etwa 10 bis 20 Sekunden für eine erste Zwischenfrage. Sie sind darauf getrimmt, "möglichst rasch zu einer Diagnose zu kommen", weiß Schwantes. Bei einem Projekt mit Berliner Hausärzten drehte er die Abfolge um: Die Patienten konnten so lange reden, wie sie wollten. "In der Regel kommen die Leute innerhalb von etwa einer Minute auf den Punkt. Der Arzt verliert keine Zeit." Im Gegenteil: Indem sie den Patienten ausreden lassen, spüren die Mediziner mitunter die Ursachen der Beschwerden schneller auf. 

Auch Körpersprache zählt

Geduld, Einfühlungsvermögen, verständliche Sprache, nachvollziehbare Argumente: Es kommt im Arztgespräch auf vieles an, weiß Dr. Rolf Kienle, verantwortlich für das Kommunikationstraining an der Charité. Fixe Regeln gibt es nicht: Ein guter Arzt erkennt, wie die Situation ist und was der Patient braucht.

Scheinbare Kleinigkeiten können eine große Rolle spielen. "Zum Beispiel, dass der Arzt zur Begrüßung aufsteht", betont Kienle. Eine zugewandte Haltung mit Augenkontakt kommt bei den Patienten besser an, als wenn der Blick des Doktors auf dem Bildschirm haftet.

"Es geht nicht allein darum, was gesagt wird, sondern auch, wie", meint Pia Webler. "Das hat Einfluss darauf, ob ein Patient sein Medikament nimmt oder nicht", schärft die junge Apothekerin ihren Kollegen auf Fortbildungen ein. Wissenschaftler fanden heraus: Menschen lassen sich eher von einem Präparat überzeugen, wenn der Apotheker die Angabe "häufige Nebenwirkungen" in Zahlen übersetzt: dass das Problem bei höchstens einem von zehn Patienten auftritt.

Arztbesuch: Daran sollten Sie denken

1. Checkliste

Ein Arztbesuch setzt die meisten von uns unter Stress. Dagegen hilft Struktur: Notieren Sie auf einem Zettel die Fragen, die Ihnen wichtig sind.

2. Vier-Ohren-Prinzip

Bei schwierigen Arztterminen – wenn es etwa um eine einschneidende Diagnose oder die Entscheidung über eine Behandlung geht – ist es oft gut, einen Angehörigen dabeizuhaben.

3. Regie führen

Nur Mut: Sagen Sie dem Arzt, worüber Sie mit ihm sprechen möchten. Fragen Sie im Laufe des Gesprächs nach, wenn Ihnen etwas unklar bleibt. Formulieren Sie in Ihren Worten, wie Sie das Gesagte auffassen: "Verstehe ich Sie richtig, dass ..."

4. Und was jetzt?

Prüfstein am Ende des Gesprächs: "Weiß ich, wie es nun weitergeht?" Falls nicht, haken Sie nach. Erkundigen Sie sich ruhig beim Arzt nach weiteren Informationsquellen – etwa im Internet.

Worte sind Medizin

Speziell beim Arzt befinden sich Menschen häufig in einem Ausnahmezustand. Nervosität und Unsicherheit legen sich wie Mehltau über den Patienten – und machen ihn besonders empfänglich für Begriffe mit schlechtem Klang: "Schmerz", "Übelkeit" oder "Risiko".

"Selbst wer sagt: Es tut überhaupt nicht weh, treibt beim Patienten das Adrenalin nach oben", erklärt Professor Ernil Hansen von der Universität Regensburg. Umgekehrt könnten Wörter wie "Beistand" oder "Fürsorge" beruhigen. Der Anästhesist und Kommunikationsforscher rät Ärzten zu einer wohltuenden Wortwahl. Statt "Wo haben Sie Schmerzen?" könne man auch fragen: "Welcher Körperteil braucht heute unsere besondere Aufmerksamkeit?"

Zur Apotheke? So machen Sie mehr daraus

1. Vorbereiten

Auch für die Apotheke hilft ein Spickzettel, so Studien. Überlegen Sie: Was wollten Sie (immer schon) über Ihre Mittel wissen? Was würde Sie davon abhalten, Ihre Tabletten zu schlucken? Sprechen Sie Ihren Apotheker an: Er möchte, dass Sie nur Medikamente nehmen, die Sie auch nehmen wollen.

2. Diskretion, bitte!

Es juckt am Po, oder Sie suchen Rat zum Thema Blasenschwäche? Jede Apotheke verfügt über eine Beratungsecke für vertrauliche Gespräche.

3. Alles klar?

Mit den Jahren fällt die Handhabung von Arzneien oft schwer. Ob Augentropfen oder Schmerzpflaster: Lassen Sie sich die Anwendung zeigen.

4. Lotsendienst nutzen

Wo gibt es einen guten Orthopäden? Welcher Verein bietet Seniorensport an? Apotheker kennen sich vor Ort meist bestens aus.

Selbstbewusste Patienten

Im Gegenzug können die Patienten ebenfalls zu einer guten Atmosphäre beitragen. Wer statt "Ich" auch mal "Wir" sagt, signalisiert dem Arzt Zusammenarbeit. Das findet bei den Medizinern Anklang, ermittelten US-Psychologen kürzlich. Demnach kommen Ärzte auch besser mit Patienten ins Gespräch, die nach vorn blicken statt zurück.

Patienten sollten eine aktivere Rolle einnehmen, wünscht sich Marie-Luise Dierks. Vor zehn Jahren gründete die Expertin an der Medizinischen Hochschule Hannover die "Patienten-Universität". Mediziner und Studenten informieren Laien zu Gesundheitsthemen – und bieten sich im Anschluss für Gespräche unter vier Augen an. Solche Vorbereitung zahlt sich beim Arztbesuch aus, beobachtete Dierks: Die Teilnehmer, meist um die 60, "sind selbstbewusster, lassen sich nicht mehr so leicht abspeisen, haken öfter nach".


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