Unfallopfer: „Sie sehen wieder Perspektiven“

Nach einem Unfall leiden Schwerverletzte oft noch lange unter den Folgen. Wie lässt sich ihre Lebensqualität verbessern? Nachgefragt bei Unfallchirurg Bertil Bouillon
von Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 26.11.2015

Gespräch zwischen Ärztin und Patientin: Auch unangenehme Tatsachen ansprechen

istock/Alexander Raths

Herr Professor Bouillon, man könnte meinen, Schwerverletzte erhoffen sich vor allem Trost. Sie konfrontieren einen Patienten aber lieber mit der Wahrheit ...

Stimmt. Wir reden mit ihm behutsam, aber offen – etwa darüber, dass er erst in einem Jahr wieder laufen kann.

Entmutigt das nicht zu sehr?

In dieser heiklen Phase ist es wichtig, Verletzten und Angehörigen einen realistischen Rahmen aufzuzeigen, in dem sich machbare Fortschritte erzielen lassen. Das hilft am besten, die Belastungen zu verarbeiten.

Professor Bertil Bouillon ist Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie, Kliniken der Stadt Köln

W&B/Aleksander Perkovic

Wie gut sind heute die Überlebenschancen? 

Bei fast 90 Prozent, dank verbesserter Notarzteinsätze, OP-Methoden und modernster Intensivmedizin. Wichtig ist, dass der Schwerverletzte gleich in ein Trauma-Zentrum kommt.

Sie haben mit Kollegen in einer Studie beobachtet, dass Verletzte später Probleme haben, zurück in den Alltag zu finden.

Rund zwei Drittel der Studienteilnehmer haben sich damit schwergetan. Viele Patienten leiden später oft stark darunter, bestimmte Dinge nicht mehr tun zu können.  

Nennen Sie doch mal Beispiele.

Ich erinnere mich an einen Taxifahrer, der lebensgefährlich verletzt war. Er hat darunter gelitten, dass er wegen seiner lädierten Fußwurzel kein Auto mehr fahren konnte. Andere Patienten verlieren beim Unfall einen Finger und können nie mehr Klavier spielen.   

Was hilft, die Handicaps zu verkraften? 

Große Trauma-Zentren haben inzwischen Psychologen im Team. Untersuchungen belegen, dass das hilft. Die Patienten kehren seelisch besser ausgerüstet in ihren Alltag zurück. Allerdings hält der Effekt nur etwa zwei Jahre an. Ich wünsche mir daher, dass Patienten auch in der Rehabilitation mehr psychologische Hilfe erhalten.

Sind die Reha-Kliniken darauf vorbereitet?

Viele von ihnen sind zu wenig auf die ganz spezielle Situation von Unfallopfern eingestellt. Nur nach Schema Hüfte behandeln, was leider oft passiert, reicht nicht. Der Kranke muss mehr individuelle Hilfe erhalten, sein Schicksal zu meistern.   

Nicht jeder will gleich zum Psychologen.

Es gibt auch niedrigschwellige Angebote. Viele Reha-Kliniken arbeiten zum Beispiel mit Menschen zusammen, die nach einem Unfall im Behindertensport tätig sind. Wie diese über ihr Leben mit Handicap erzählen, macht verzweifelten Patienten oft Mut. Sie sehen wieder Perspektiven. Da passieren ganz tolle Dinge.

Viele Unfallopfer klagen über schlechte therapeutische Begleitung nach der Reha.

Patienten brauchen Ansprechpartner, die sich ganzheitlich um ihre Belange­ kümmern. Egal ob es sich dabei um medizinische Versorgung oder sozialrechtliche Fragen handelt. Deswegen arbeiten wir im Traumanetzwerk verstärkt mit niedergelassenen Unfallchirurgen und Orthopäden zusammen.

Brauchen ältere Schwerstverletzte Extra-Hilfe, um wieder auf die Beine zu kommen?

Sie sind besonders gefährdet, pflegebedürftig zu werden. Das Tempo der herkömmlichen Reha überfordert Senioren schnell. Gute Hilfe bieten Alterstraumatologie-Zentren, die sich auf gebrechliche Patienten spezialisiert haben. Es gibt bundesweit bereits 20 zertifizierte Kliniken. Da tut sich gerade viel.

Hilfe nach dem Unfall

Viele Unfallkliniken haben sich dem "TraumaNetzwerk DGU" der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie angeschlossen, um die Versorgung Schwerverletzter zu verbessern. Kontakte finden Sie unter www.dgu-traumanetzwerk.de


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