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Wie Gerüche bei Demenz helfen

Eine ehrenamtliche Demenzhelferin spaziert mit Patienten durch den Kräutergarten Bad Heilbrunn. Den Betroffenen beschert das seltene Glücksmomente

von Angelika Jakob, aktualisiert am 06.07.2016
Kräutergarten

Sinnesfreude: Blütenduft weckt bei Demenzpatienten oft Erinnerungen


Was vorher war, was demnächst sein wird und was sein könnte oder gewesen wäre, wenn: Damit haben die an Demenz Erkrankten, die Isabell Hagen jeden Freitag betreut, nichts mehr zu schaffen. Klingt gut, ist aber ein Problem, wenn man nicht gerade ein meditierender Yogi ist, der nur für eine bestimmte Zeit das Sein im Hier und Jetzt erreichen möchte. Ängste, Verunsicherung, die Ahnung, dass ihnen die Wirklichkeit immer mehr entgleitet, quälen die Kranken immer wieder.

Anker in die Vergangenheit

Doch heute ist ein besonderer Tag, ein Tag, an dem sich das Hier und Jetzt schön und unbeschwert anfühlt: Mit vier Frauen der Gruppe besucht die ehrenamtliche Demenzhelferin den Kräutergarten Bad Heilbrunn. Der üppige Park im bayerischen Oberland lässt ihre Schützlinge die Verunsicherung für zwei Stunden vergessen. Durch die Kräuter finden sie kleine Anker in die Vergangenheit. Es gibt so viel zu sehen, zu schmecken und zu schnuppern!

"Schön, dass du da bist ...", singt die 36-jährige Isabell Hagen mit den Damen zur Einstimmung. Das Liedchen aus dem Kindergarten freut die kleine Gruppe, dann rollt sie los. Auch die vier Helferinnen, die die drei Rollstühle schieben und Frau S. mit dem Rollator betreuen, genießen den Ausflug. Sonnenstrahlen spielen mit dem Grün der Pflanzen und locken süße und herbe Düfte aus den Kräuterbeeten am Wegrand.

"Das kenne ich"

Frisch oder modrig, scharf oder lieblich - solche Worte fehlen den Dementen, und ihre Sinne lassen sie oft genug im Stich. Aber Frau H. strahlt, als sie ein paar Pfefferminzblättchen zwischen den Fingern zerreibt. "Das kenne ich", sagt sie und: "Gut." Pflücken zum Probieren ist im Kräutergarten Heilbrunn erlaubt.

Ein großer Busch Salbei leuchtet graugrün im nächsten Beet. Auf seinen pelzigen Blättern funkeln Tautropfen. Vorsichtig liebkost Frau M. ein weiches Blättchen, beißt darauf, schnuppert, und dann fällt ihr ein, dass sie früher damit Kartoffeln gebraten hat. "Ja und einen Likör haben wir gemacht", steuert Frau S. bei. "Und Salbeimäuse: Das ist Salbei im Bierteig!"

Besonders Frauen reagieren auf die Düfte

Plötzlich sind sogar komplizierte Wörter da, wo das Gedächtnis vorher nur einfache Begriffe wie "gut" und "schön" freigab. "Frauen haben fast immer angenehme Erinnerungen an Kräuter, sie können diese mit dem Kochen und Essen in Zusammenhang bringen. Männer sprechen nicht so darauf an", weiß Isabell Hagen aus Erfahrung.

Der Salbei beschäftigt die kleine Gruppe lange: Das Kraut duftet intensiv, und eine jede kennt es, auch die Begleiterinnen spielen begeistert mit. Gerichte, die mit Salbei zubereitet werden, fallen allen acht Frauen ein. Aus der Begeisterung erwächst die Idee, beim nächsten wöchentlichen Gruppentreffen gemeinsam mit Salbei zu kochen.

Liebstöckel beflügelt Fantasie   

Frau F. mag es deftig, sie wird lebendig, als sie wildes Maggikraut zwischen ihren Fingern zerreibt. Es erinnert sie an Schweinebraten und Knödel. "Das kenne ich", sagt sie, und wer weiß, vielleicht denkt sie dabei an ein Sonntagsessen mit der Familie oder eine holzgetäfelte Wirtsstube, oder vielleicht überschwemmt sie einfach nur ein wohliges Gefühl. Genauso wie bei den wilden Brombeeren. Als Kind hat sie jede gepflückt und sich mit vollen Händen in die Backen gestopft. Das ist lange her, ob die Erinnerung daran noch lebt?

Isabell Hagen pflückt einige Handvoll an einer Brombeerhecke. Vorsichtig wie kleine Fremdkörper nimmt Frau M. eine Beere nach der anderen aus Isabells Hand und steckt sie in den Mund. Der Geschmack ist kräftig und sauer. "Die Sinne brauchen starke Reize. Woran die alten Menschen sich am ehesten erinnern, sind Kindheitsgefühle, Essen, die Zeit als junge Erwachsene", erklärt Isabell Hagen. "Brombeerpflücken im Wald ist immer eine angenehme Erinnerung."

Beete auf Streichelhöhe

Nach einer Stunde braucht die Gruppe eine Pause von den vielen Eindrücken. Kapuzinerkresse in leuchtenden Farben, Frauenmantel, Dill, Estragon, Liebstöckel, Oregano, Minze, Salbei-Rezepte: Das ist viel für Menschen, die ihre Sicherheit normalerweise in den immer gleichen, reizarmen Abläufen finden. Frau Hagen hat selbst gemachte Kräuterlimonade zur Stärkung für die zweite Runde mitgebracht.

Einige Hochbeete ermöglichen es den Rollstuhlfahrerinnen, mit der Natur auf Tuchfühlung zu gehen, die duftenden Pflanzen anzufassen und zu streicheln. Die Gewächse fühlen sich weich oder struppig, pelzig oder glatt, lappig oder steif an. Ob Frau M., Frau S. oder Frau F. das genießen, zeigen sie nicht.

Von Ängsten abgelenkt

Sie verziehen keine Miene, weder zu einem Lächeln noch unwillig. Doch Isabell Hagen kennt ihre Gruppe, die sie seit einem halben Jahr ehrenamtlich jeden Freitag betreut. "Auf jeden Fall bleibt ein gutes Gefühl hängen, sie erleben den Moment, und die schönen Eindrücke lenken sie von ihren Ängsten ab", weiß sie.

Zum Abschluss gibt es Kräuterquark, Brot und Salat in der Cafeteria des Parks. "Was hat Ihnen besonders gut gefallen?", fragt eine der Betreuerinnen. Ratlose Blicke. Die Frauen sind doch schon längst wieder im Hier und Jetzt, und das heißt: Essen und Trinken. War da etwas vorher? Ja, aber was genau? Großes Grübeln, bis Frau F. zum ersten Mal lächelt und eine unschlagbare Antwort gibt: "Alles zusammen!"


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