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Wie chronische Wunden wieder heilen

Ob offenes Bein oder Druckgeschwür: Bei einer chronischen Wunde braucht jeder Patient eine andere Therapie, damit die Haut sich wieder schließt

von Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 07.12.2016
Bettlägerige Seniorin

Bei der Behandlung von chronischen Wunden ist ein Spezialist gefragt


Pflaster gegen Kummer hat Zeynep Babadagi nicht dabei, doch manchmal lindert die ausgebildete Wundtherapeutin aus Duisburg Seelenpein bereits, wenn sie sich den Mundschutz umbindet. In Stillarbeit behandelt sie nässende Stellen an Knöchel, Zeh oder Gesäß. "Diese Zeit nutzen die Menschen gerne, um über sich zu reden."

Wunden: Chronisch nach acht Wochen

Wunde Punkte kommen plötzlich zur Sprache: Schmerzen, Scham, Angst, Einsamkeit. Entwickelt sich eine Verletzung zur Dauerbaustelle, steigt der Leidensdruck. Hartnäckige Hautdefekte quälen in Deutschland bis zu vier Millionen Menschen, schätzen Experten. "Zeigt eine Wunde nach acht Wochen keine Heilung", erklärt Krankenschwester Babadagi, "nennen wir sie chronisch."

Zeynep Babadagi

Die Leiterin eines ambulanten Pflegedienstes weiß: Herkömmliches Heftpflaster reicht dann nicht. Gefragt ist spezielles Know-how, um die individuell richtige Wundauflage auszuwählen und die Therapie auf den Patienten abzustimmen. "Der Patient muss verstehen, warum sich seine Wunde entwickelt hat", betont die Wundtherapeutin.

Schorf unter der Lupe

Patienten mit ins Boot holen will auch Dr. Karl-Christian Münter aus Hamburg. "Wir dürfen sie nicht alleinlassen", fordert der niedergelassene Allgemeinmediziner und Phlebologe, der sich wie Zeynep Babadagi in dem Expertenverbund "Initiative chronische Wunden" engagiert.

Dr. med. Karl-Christian Münter

Wundmanagement ist Puzzlearbeit. Dazu gehört, Schorf und Wundflüssigkeit unter die Lupe zu nehmen, einen Abstrich auf Keime zu machen und die Stelle genau zu vermessen. Ziel all der Mühe ist herauszufinden, "welches Grundleiden dahinter steckt", betont Münter. Manchmal erkennt er den wunden Punkt sofort: "Ein bettlägeriger Patient entwickelt ein Druckgeschwür, wenn er sich nicht bewegt und Haut zu lange aufliegt."

Ursachen der Wunde behandeln

Um Durchblutungsstörungen auszuschließen, untersucht der Arzt auch die Gefäße. Bei Venenschwäche etwa staut sich Blut und Flüssigkeit ins Gewebe zurück, und die Haut geht leicht auf. Oder Diabetes bremst die Wundheilung aus – mit einer Blutuntersuchung lässt sich das leicht herausfinden.

Gut, wenn das Grundübel feststeht und angegangen wird – etwa mit Insulin gegen zu hohen Blutzucker oder einem Druckverband bei Venenschwäche. Zudem gilt es, die offene Hautstelle zu schließen, sonst drohen schwere Infektionen. Nicht jedem Kranken ist die regelmäßige Inspektion der Wunde in einer  Arztpraxis zuzumuten. Bei Bedarf verordnen Mediziner eine häusliche Therapie – das Startsignal für den Hausbesuch eines mobilen Wundtherapeuten wie Zeynep Babadagi.

Spezial-Auflage für jeden Wundtyp

Aus der Vielzahl von Verbänden stets den passenden zu finden, ist eine Herausforderung. Schließlich sieht jedes Geschwür anders aus. Mal groß, mal klein, mal verkrustet, mal eitrig, tief oder oberflächlich, der eine Defekt quält am Knöchel, ein anderer am Steiß. Die Duisburger Krankenschwester gibt sich dennoch zuversichtlich: "Es gibt heute wirksame Wundauflagen!" Manche saugen Sekret auf, andere regen die Zellneubildung an oder weichen Schorf auf.

Zaubern aber kann ein Wundmanager nicht. Bis sich intakte Haut bildet, vergehen meist Wochen bis Monate, Rückschläge inbegriffen. Regelmäßig muss der Experte inspizieren, die Therapie anpassen und individuelle Sorgen berücksichtigen. Schmerzen beim Verbandswechsel? "Vorbeugend eingenommen, kann ein Medikament sie lindern", sagt Wundtherapeutin Babadagi. Andere Patienten bitten um Tipps gegen üblen Wundgeruch. Mancher möchte einfach in den Arm genommen werden. "Alleinlebende manipulieren bisweilen ihre Wunden, um öfter Besuch bekommen",  berichtet die Therapeutin aus NRW.

Sabine Wölfer

Dass eine Wunde sich endlich wieder schließt, dazu können auch Angehörige viel beitragen. Etwa, indem sie nur einen Pflegedienst mit qualifizierten Wundexperten beauftragen. Oder den Kranken motivieren, gegen seine Venenschwäche anzugehen. Wer den Profis helfen will, kann den Verband abwickeln oder die Kompressen und die Pinzette zurechtlegen. Oder Laien lassen sich von den Fachleuten zeigen, wie man einen Druckverband anlegt. Von Hausmitteln wie Kohlblätter oder Honig sollten Angehörige  jedoch die Finger lassen, warnt Babadagi, "sonst drohen schlimme Entzündungen".

Umfeld des Patienten ist gefragt

Augenmerk ist immer gefragt. "Bittet jemand wegen einer Verletzung am Finger immer wieder neu um ein Pflaster, schaue ich mir das genau an", betont Sabine Wölfer aus Bad Reichenhall. Die Apothekerin fragt dann nach Diabetes oder anderen Leiden, auch nach der Einnahme von Blutverdünnungsmitteln. "Bei Auffälligkeiten schicken wir den Patienten sofort zum Arzt."

Kunden mit hartnäckigen Hautdefekten gibt die Apothekerin wertvolle Tipps mit auf den Weg: Welche Creme schützt, wenn die wunde Stelle zu ist? Wie wirken Pflaster mit Silberbeschichtung? Welche Inkontinenzhilfsmittel sind bei einem Geschwür am Steißbein sinnvoll? Und ist nicht frische Luft besser zum Heilen? "Nein", sagt Wölfer. "Die Wunde sollte geschützt und feucht sein." So heilt sie besser ab. Mit dem Hautdefekt gehen der Schmerz und die Seelenpein. Ein Pflaster gegen Kummer ist dann gar nicht mehr gefragt.


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