Wie eine Schulung Asthma-Patienten hilft

In Kursen lernen Betroffene, besser mit Asthma zurecht zu kommen. Schwere Atemnot-Anfälle lassen sich so meist vermeiden

von Annette Bieber, 02.09.2015

Asthma-Schulung: Auch der Umgang mit einem Aerosol will gelernt sein


Helmut P. macht den Kahn: Hüftbreit steht er da, den Oberkörper nach vorn gebeugt, die Hände auf den Oberschenkeln. "Schaut gut aus", lobt Physiotherapeut Christian Stoll den 72-jährigen Asthmapatienten und ermuntert die anderen Kursteilnehmer: "Die Torwarthaltung üben wir gleich noch mal, weil Sie so bei einem Asthmaanfall mehr Luft kriegen."

Es ist Dienstagabend, 19 Uhr. Die Teilnehmer der Patientenschulung "Asthma" proben den Ernstfall: so als ob der Körper von Husten geschüttelt und das Atmen zum Kampf würde. Nach dem "Torwart-Training" geht es an die Wand: "Lehnen Sie sich locker wie ,Joe Cool‘ irgendwo an", fordert Stoll alle im Raum auf. "Auch diese Position nimmt Spannung aus Brustkorb und Bauchdecke und ist überall durchführbar."

Neues über die Krankheit lernen

Für Helmut P. und seine Mitstreiter geht der sechsstündige Kurs rund um die Lungenerkrankung langsam zu Ende. Zwei Abende lang haben sie in einer Münchner Facharztpraxis die Schulbank gedrückt. Auf dem Stundenplan stand "NASA", das Nationale Ambulante Schulungsprogramm für Asthmatiker. "Hier lerne ich viel Neues über meine Krankheit und wie ich sie in den Griff kriege", meint der 72-Jährige. Er blieb bisher von einem schweren Asthmaanfall verschont, und das soll mithilfe des Trainings auch so bleiben.

Asthma ist eine chronische, entzündliche Erkrankung der Atemwege. Bei einem akuten Anfall verkrampfen und verengen sich die Bronchien. Die Patienten können die eingeatmete Luft nicht mehr richtig ausatmen und leiden unter Atemnot und Erstickungsanfällen. "Wer richtig behandelt wird und es lernt, seine Krankheit zu akzeptieren und zu kon­trollieren, der kann besser damit leben", macht Professor Dr. Heinrich Worth von der Deutschen Atemwegsliga Betroffenen Mut. "Wichtig ist, dass der Patient seine Krankheit genau kennt, um aktiv an ihrer Bewältigung mitzuarbeiten." 

Asthma besser in den Griff bekommen

Auch Helmut P. arbeitet am Selbstmanagement. Krampfartige Hustenattacken und Kurzatmigkeit machten ihm erstmals vor fünf Jahren zu schaffen. Aufmerksam hört er jetzt zu, wenn Schulungsleiter Dr. Frank Powitz und sein speziell ausgebildetes Team erläutern, wie man den aktuellen Schweregrad des Asthmas feststellt und selbstständig mithilfe des medikamentösen Stufenplans auf Veränderungen bei den Beschwerden reagiert. Wie man richtig inhaliert oder mögliche Auslöser im Alltag meidet.

Geschulte Asthma-Patienten, das belegen Studien, haben seltener Atemnotattacken, die zudem weniger ausgeprägt sind. "Die Zahl der akuten Verschlechterungen sinkt", weiß Lungenspezialist Worth aus langjähriger Erfahrung. "Sie haben ihre Erkrankung besser im Griff und müssen seltener deswegen ins Krankenhaus." Und wenn es doch einmal zu einem Asthmaanfall kommt, wissen sie und ihre Angehörigen, was zu tun ist.

Interesse an Patientenschulungen wächst

Patientenschulungen, wie sie in Krankenhäusern, Reha-Kliniken oder ambulant bei Fachärzten angeboten werden, vermitteln das nötige Wissen. Die Kosten für die ambulante Schulung tragen in der Regel die Krankenkassen, vorausgesetzt, die Patienten nehmen an einem sogenannten Disease-Management-Programm (DMP) teil. Diese speziell strukturierten Trainings bieten Profis längst nicht nur Asthmakranken an, sondern auch Menschen mit anderen chronischen Leiden wie Diabetes, COPD oder koronarer Herzerkrankung.

Das Interesse am Selbstmanagement wächst, beobachtet Peter Willenborg vom AOK-Bundesverband. Beispiel Asthma: Der Anteil der Patienten, die eine solche DMP-Schulung besuchten, erhöhte sich laut Willenborg von 2006 bis 2010 von knapp 30 auf mehr als 50 Prozent. Ein Gewinn für alle Beteiligten, rechnet Heinrich Worth vor, der viele Jahre die Klinik für Herz- und Lungenerkrankungen am Klinikum Fürth leitete: Mit jedem Euro, der in eine Patientenschulung investiert wird, ließen sich die Behandlungskosten um drei Euro senken.

In der Apotheke gut beraten

Das letzte "Torwart-Training" ist schon Jahre her, die Inhalation längst Routine? Unbemerkt schleichen sich oft Fehler beim Inhalieren ein. Vereinbaren Sie in Ihrer Stammapotheke einen Termin, und überprüfen Sie in Ruhe Ihre Inhalationstechnik. Eine Studie belegt: Vor der Beratung in der Apotheke wandten 79 Prozent der Patienten ihre Inhalationsmedikamente nicht richtig an, danach waren es 28 Prozent.

Von anderen Patienten lernen

Auf den Tischen im Münchner Schulungsraum liegen Peak-Flow-Meter, mit deren Hilfe Asthmapatienten regelmäßig ihre Lungenfunktion überprüfen, und diverse Inhalationsgeräte. Ob Pulver­inhalator oder Dosieraerosol: Schulungsexpertin Elisabeth Grziwa erklärt anschaulich deren Handhabung.

Auch Helmut P. hat zu Übungszwecken alle seine Hilfsmittel mitgebracht. Seine Medikamente, das Peak-Flow-Meter, aber auch seine Ehefrau. "Ich möchte einfach den gleichen Kenntnisstand haben wie mein Mann", sagt Ursula­ P. "Außerdem interessieren mich die Erfahrungen der anderen Patienten." Von Leidensgenossen erfuhr sie zum Beispiel, wie bedrohlich ein Asthmaanfall sein kann, und hat spontan mit ihrem Mann beschlossen, künftig noch gewissenhafter auf die Einhaltung der Medikamentendosis zu achten. "Nachlässigkeit", resümiert Ursula P., "lohnt sich nicht."

Genau das macht den positiven Effekt einer Gruppenschulung aus. "Die Patienten", ist Asthmaexperte Worth überzeugt, "lernen von gleichartig Betroffenen nun mal sehr viel."


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