Inkontinenz: Der Weg zur passenden Therapie

Wer Blase oder Darm nicht kontrollieren kann, zieht sich meist verschämt zurück. Doch wer die erste Hürde nimmt und offen darüber spricht, findet effektive Hilfe
von Raphaela Birkelbach, 18.09.2017

Stiller Ort: Viele Therapieansätze bei Inkontinenz

ddp Images/Maksym Bondarchuk

Annemarie G. hat für das heikle Thema ein gutes Händchen: Geschickt knibbelt die 74-Jährige ein kleines Loch in die weiße Papierwand, nur ihre Augen lugen fröhlich hindurch. Am Ende ein zügiges Reißen – und ratsch: In voller Größe steht die Rentnerin vor einem und lacht in die Kamera. Die Idee der Fotoproduktion für den Senioren Ratgeber gefällt ihr. "Damit zu symbolisieren, ein Tabu zu durchbrechen, warum nicht?", findet die zierliche Frau aus Pfaffing.  

Schließlich ist das genau ihr Thema. Das Bekenntnis "Ich bin stuhlinkontinent" kommt der Leiterin der Kontinenz-Selbsthilfegruppe in Tulling leicht über die Lippen. Für viele ihrer Leidensgenossen trifft das nicht zu. Rund neun Millionen Menschen in Deutschland mühen sich eher heimlich damit ab, dass Darm oder Blase nicht mehr funktionieren. Vermutlich sind es mehr, sagt Dr. Eva-Maria Hußlein vom Bayerischen Beckenbodenzentrum am Isarklinikum in München. "Viele gehen sehr spät zum Arzt", weiß die Frauenärztin.

"Inkontinenz ist kein Schicksal"

Umfragen stützen ihre Beobachtung. Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Senioren Ratgeber spricht mehr als die Hälfte der über 60-Jährigen erst dann mit einem Mediziner darüber, wenn es nicht mehr anders geht. Ein Verhalten, das rasch in die Isolation führt und den Blick auf die Realität versperrt. "Die Patienten sind immer erstaunt, wenn ich ihnen klarmache, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind", erzählt die Expertin vom Beckenbodenzentrum.  Jeder zweiten Frau, rechnet Hußlein vor, passiere mindestens einmal im Leben so ein Malheur, vielen weitaus häufiger.

Trotzdem spricht niemand darüber. Diese Scham. Der Kontrollverlust. Das Gefühl, schmutzig zu sein. Andere Patienten schweigen, weil sie Inkontinenz für eine typische Alterserscheinung halten, bei der sowieso nichts hilft. Falsch. "Inkontinenz ist kein Schicksal. Jeder kann was dagegen tun", hält die Münchner Medizinerin unermüdlich dagegen. Sie rät zum Arztbesuch. Doch schwächelt plötzlich die Blase, kann das auch ein Warnsignal sein und auf Diabetes oder Parkinson hindeuten. 

Viele Therapiemöglichkeiten

In den meisten Fällen steckt jedoch etwas viel Harmloseres dahinter: ein schwacher Beckenboden oder eine nervöse Blase. Mit spezieller Gymnastik, Blasentraining, Tabletten oder einer Operation lassen sich diese Malaisen oft beheben. Auch der Apotheker kann helfen. "Es gibt fast immer eine Lösung", verspricht die Münchner Kontinenzspezialistin. "Entweder zu 100 Prozent oder die Beschwerden bessern sich." Auch das ist ein Erfolg, so Hußlein. "Läuft bei einer Frau ständig die Blase, ist es ein enormer Fortschritt, wenn schon eine dünne Vorlage ausreicht."

Eigene Inkontinenz akzeptieren

Welch eine Erleichterung, wenn wieder Lebensfreude den Alltag taktet – statt ständig ans Wechseln der Einlage zu denken. "Machen Sie sich auf den Weg. Sprechen Sie Inkontinenz offen an", ermuntert Angelika Sonnenberg alle, die aus Scham schweigen. "Nur wer das Handicap für sich selbst akzeptiert", weiß die Leiterin der Kontinenz-Selbsthilfegruppe im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Köln, "findet die Kraft, sich zu outen."

Annemarie G. hat das getan – obwohl ihr Schließmuskel am Darmausgang nach einer misslungenen Operation für immer defekt ist. "Deswegen habe ich aber meinen Körper nicht abgelehnt", erzählt die Stehauffrau aus Bayern. Selbst nach jahrelanger Arztodyssee und manch bitterer Stunde blieb sie tapfer. Ein Glück, "beim Proktologen erfuhr ich von Analtampons, die den Darm zuverlässig dicht halten. Ich probierte sie aus und lernte, damit umzugehen." Heute geht sie wieder vergnügt wandern und sogar schwimmen. Der beste Coach auf dem Weg in ihr neues altes Leben: Ehemann Franz.

Inkontinenz-Selbsthilfegruppe: Normal wie ein Schnupfen

Gerade ältere Frauen zögern eine klärende intime Aussprache mit dem Partner lange hinaus. "Dabei höre ich danach von so vielen: ‚Wäre ich doch früher damit herausgerückt‘", berichtet Krankenschwester Sonnenberg. Der Partner helfe auf seine Weise: "Männer suchen oft pragmatischer nach Lösungen und ermutigen ihre Frauen, Hilfsangebote zu nutzen."

Zum Beispiel den Besuch einer Selbsthilfegruppe. Vor zehn oder zwölf Fremden über seine nasse Hose sprechen? Für viele zunächst unvorstellbar. Doch das unkomplizierte Miteinander und Gespräch in der Gruppe senke die Hemmschwelle meist schnell, erläutert die engagierte Krankenschwester. "Wir sprechen über alles so normal wie über eine Erkältung."

Informationen sind das A und O

Seine Sorgen auf Augenhöhe mit anderen teilen nimmt nicht nur Last von der Seele. Ob Tipps zu Vorlagen, öffentlichen WC-Anlagen oder bewährten OP-Methoden, eine gut vernetzte Gruppe tauscht wertvolles Insiderwissen aus, meint Sonnenberg. Selbst derjenige, der nicht über sich erzählen mag, profitiert. "Er kann zu dem Treffen kommen, sich Informationen einholen und wieder gehen."

Geht er mit einer Adresse im Gepäck, ist viel gewonnen, findet Dr. Andrea Hocke vom Zentrum für Geburtshilfe und Frauenheilkunde der Universität Bonn. "Patienten wissen oft nicht, an wen sie sich wenden sollen", erlebt die Leiterin der Gynäkologischen Psychosomatik. Wer ahnt schon, dass Urogynäkologen oder Fachleute im Beckenbodenzentrum genau auf diese Probleme spezialisiert sind?

Die erste Hürde nehmen

Ständigen Harndrang, Kot im Schlüpfer oder Belastungen im Sexualleben anzusprechen, kostet Überwindung. Oberärztin Hocke merkt es unsicheren Patienten schnell an. Einfühlsam macht sie ihnen bewusst, dass sie als Ärztin täglich über solche Dinge spricht. "Das ist Teil meines Berufs." Meist geht sie deshalb von sich aus auf die Verschämten zu. "Kaum frage ich nach, ob beim Husten Tröpfchen in der Hose landen, höre ich Kieselsteine purzeln", erzählt Hocke. Spätestens dann sei der Bann gebrochen.

Sonja Soeder vom Deutschen Beckenbodenzentrum im Alexianer St.-Hedwig-Krankenhaus in Berlin knüpft an den Vertrauensbonus an. Den Satz "Ist ja gar so nicht schlimm hier" hört die leitende Physiotherapeutin häufig. Viel Erleichterung schwinge da mit. "Patienten sind froh, die erste Hürde genommen zu haben und endlich handeln zu können." Sie machen unter fachlicher Anleitung Atemübungen, lassen sich über OP-Methoden, Hilfsmittel und Ernährung beraten oder lernen, ihren Beckenboden besser zu spüren.

Inkontinenz-Therapie braucht Zeit

Je nach Ursache dauert es unterschiedlich lange, die vertrackte Situation wieder gut in den Griff zu bekommen. "Den Beckenboden zu stärken dauert aber oft Monate", mahnt die Berliner Physiotherapeutin ihre Schützlinge zu Geduld. In ihrer Ansage steckt jedoch auch eine gute Nachricht: "So geben sie sich mehr Zeit. Das nimmt ganz viel Druck raus."

Besonders Männer stehen unter Zugzwang, wenn sie nach einer Prostataoperation oder nach einem Schlaganfall plötzlich das Wasser nicht halten können. "In die Situation Inkontinenz stürzen sie gänzlich unvorbereitet", registriert die Beckenbodenspezialistin. Anders als Frauen sind sie den Umgang mit Vorlagen überhaupt nicht gewohnt. Auch in diesen Fällen erfährt Sonja Soeder immer wieder aufs Neue: Je offener die überforderten Männer mit ihrer Not umgehen und sie ansprechen, umso eher fühlen sie sich wieder als Herr ihrer eigenen Lage.

"Man muss sich trauen", sagt Annemarie G., Mauern des Schweigens einzureißen, hat sich die Leiterin einer Kontinenz-Gruppe zur Lebensaufgabe gemacht. Sogar vor der Kamera geht sie ihren Pappenheimern mit gutem Beispiel und Freude voran.


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