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So funktioniert die Chemo daheim

Krebstherapie: Zuhause behandelt werden – das klappt immer besser, dank intensiver Beratung durch Apotheker und Pflegeprofis. Worauf es ankommt.

von Raphaela Birkelbach, 12.07.2019
Tabletten auf der Hand

Die Chance, dass sie sein Leben retten, liegt bei etwa 30 Prozent, schätzt Harry S. aus Niedersachsen. Ganz weit hinten im Küchenschrank hat er die klobigen Tabletten versteckt. Seiner Enkelin dürfen sie nicht in die Hände fallen. "Die sind ja pures Gift für sie", sagt der 71-Jährige. Seit vier Jahren nimmt eine bösartige Geschwulst im Darm Besitz von seinem Körper, seinem Fühlen und seinem Terminkalender.

Wie oft ist der Ehemann, Vater und Opa mit dem Taxi zur Chemotherapie in die onkologische Arztpraxis gefahren. Vier Behandlungszyklen liegen hinter ihm, die fünfte Prozedur steht er gerade durch. Doch heute hat Herr S. kein Taxi geordert. Keine Fahrten in die Praxis, keine Infusionen. Der Rentner greift zu einem Glas Wasser. Schnell runter mit den Dingern, die hoffentlich den Darmkrebs töten. "Tabletten sind mir lieber", sagt er.

Eine Wahl, die der Rentner vor ­einigen Jahren nicht gehabt hätte. Krebstherapie ist im Wandel begriffen: Neu entwickelte Wirkstoffe greifen immer zielgerichteter entartete Zellen an. Mehr als die Hälfte der in den vergangenen fünf Jahren neu zugelassenen Onkologika müssen heute nicht mehr als Infusion gegeben werden, sondern lassen sich schlucken. Zunehmend öfter verordnen Ärzte die Antitumormedizin deshalb als Tablette oder Kapsel – für daheim.

Mehr Zeit, weniger Pikser

Patienten können das Rezept in jeder öffentlichen Apotheke einreichen. 2017 händigten die Pharmazeuten Krebskranken rund zwei Millionen Packungen aus. Das zeigt: Die Arzneimittelexperten sind zusehends in die Versorgung und Beratung der Tumorkranken einbezogen. Zu deren Nutzen: "Sie müssen weniger oft in die Klinik oder Chemoambulanz", erklärt Klaus Meier von der Deutschen Gesellschaft für Onkologische Pharmazie (DGOP) in Hamburg. Konkret bedeutet das: mehr Freizeit, Therapie im vertrauten Umfeld und keine Pikser für die Infusion.

Harry S. genießt die Vorzüge –  und kämpft. Die ganze Palette an Nebenwirkungen habe er durch, erzählt er. Durchfall, Erbrechen, Hautprobleme, Schwäche, Schmerzen. Nun bekommt er neue Tabletten. "Ich bin froh, mit Frau Bornemann eine gute Beraterin an meiner Seite zu haben", sagt er. Die Fachapothekerin für onkologische Pharmazie und Palliativ­­pharmazie sowie Psychoonkologin betreut im Rahmen von Apothekervisiten ambulante Krebspatienten. Darüber hat Herr S. sie auch kennengelernt. Heu­te ist die Arzneimittelexpertin aus dem nahen Göttingen eigens zu ihm nach Hause gekommen. "Herr S. muss über seine neue Medizin genau Bescheid wissen."

Krebsmedizin zum Einnehmen verlangt verstärkte Beratung. Der Patient muss davon überzeugt sein und die Tabletten verlässlich schlucken, trotz möglicher Nebenwirkungen. "Genau die richtige Dosis für jeden Patienten zu finden ist schwer", erklärt Bornemann. Was, wenn ein Mittel nicht wirkt? Ist es zu hoch oder zu niedrig dosiert? Spricht der Krebs nicht darauf an? Oder nimmt der Patient es falsch oder gar nicht ein?

Ob eine häusliche Chemo überhaupt infrage kommt, entscheidet der behandelnde Onkologe. "Zuhause ist der Patient aber allein damit", gibt DGOP-Vorsitzender Klaus Meier zu bedenken. Das erfordere vom Kranken ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit: den komplexen Einnahmeplan beachten, Lebensmittel darauf abstimmen, Wechselwirkungen mit anderen Wirkstoffen be­denken, Nebenwirkungen managen. "Schon auf dem Weg vom Onkologen nach Hause vergessen manche die Empfehlungen", warnt Meier. Und es bestehe die Gefahr, dass im Lauf der Zeit die Therapietreue nachlasse.

Beratung nutzen und einfordern

Umso mehr ist der Rat von Arzneimittelfachleuten gefragt. Die Chemotherapeutika besorgen sich Patienten in der Regel in ihrer Stammapotheke, erläutert Dr. Dorothee Dartsch. Die Apothekerin schult Kollegen in patientenorientierten Themen und leitet für die DGOP die Initiative "Orale Krebstherapie", die die Fachgesellschaft zusammen mit der Deutschen Krebsgesellschaft ins Leben rief. "Wir wollen die Kollegen in der Beratung auf diesem speziellen Gebiet unterstützen."

Kern der Initiative ist es, das pharmazeutische Personal in Apotheken rund um die Krebsmedizin zu schulen. Sie bekommen Zugang zu einer Datenbank, die über alle Medikamente informiert. Das hilft, Krebskranke gezielt zu beraten, ihnen Infoblätter und individuelle Einnahmepläne für die Chemo daheim mitzugeben. Rund 200 Apotheken nutzen derzeit das kostenlose Angebot der Fachgesellschaft – Tendenz steigend, so Dartsch in Anbetracht vieler positiver Rückmeldungen. "Der Bedarf ist da, denn Krebs wird immer mehr zu einer chronischen statt tödlichen Erkrankung."

Patienten sollten das spezielle ­Beratungsangebot in der Apotheke zu ihrem eigenen Nutzen einfordern, rät Dartsch. "Wer keine ­befriedigende Auskunft bekommt, sollte in einer anderen Apotheke nachfragen." Noch gibt es kein Honorar für diese Beratung, sagt Dartsch. "Aber es ist für die Krebskranken wichtig zu wissen, worauf sie bei ­ihrer Behandlung achten müssen – das ist die Motivation für uns Apotheker."

Harry S. studiert mit Apothekerin Bornemann den Einnah­meplan. Für jeden Tag der kommenden Wochen ist ein Feld für die Dosierung seiner Tabletten vorge­sehen. "Besonders hilfreich finde ich, dass Herr S. täglich seine Befindlichkeit und die aufgetretenen Nebenwirkungen dort eintragen kann", sagt Bornemann. "Das hilft dem Arzt sehr, den Erfolg der Therapie besser einzuschätzen und sie vielleicht anzupassen."

Alltag genießen, Zeit gewinnen  

Ob Übelkeit, Durchfall oder wunde Mundschleimhaut: Gegen fast alle Beschwerden gibt es Hilfe aus der Apotheke. "Viele Patienten meinen, sie müssten all das bei einer Chemo einfach aushalten. Doch das müssen sie nicht", betont Bornemann, die seit 20 Jahren Krebskranke betreut. Harry S. litt anfangs auch still; heute befolgt er dankbar die Ratschläge seiner Apothekerin, wenn ihn Durchfall, Muskelkrämpfe oder Appetitlosigkeit quälen. "Frau Bornemann hat mir angeboten, dass ich sie Tag und Nacht anrufen kann. Das habe ich zwar noch nicht gemacht. Aber wenn ich das brauche, tue ich es."

Lebensqualität, auch darum geht es bei der Behandlung Krebskranker. Wenn Ewald Schneid über seine Arbeit erzählt, spricht er vom Treckerfahren, von der Enkelin im Hof oder einem Frühstück mit Grapefruitsaft. Dabei ist er Krankenpfleger im Universitätsklinikum Augsburg. "Ich fühle mich in den Alltag meiner Pa­tienten ein. Ich will wissen, wie die Tabletten darin Platz haben", erklärt der Fachassistent für orale und subkutane Chemotherapie.

Schon Kleinigkeiten hilfreich

Schneid und sein Team betreuen im Klinikum Augsburg in speziellen Sprechstunden Krebskranke, die ihre Medizin zuhause einnehmen. "Wir sind gern beim ersten Gespräch dabei, wenn der Onkologe über die Arznei aufklärt", erzählt der Fachpfleger. Auch wenn danach Nebenwirkungen Probleme bereiten, berät er, was da­gegen helfen kann.

So wie neulich. Eine ältere Dame klagte über Ausschläge an Hand­rücken und Unterarmen. Warum nur dort? Schneid erfuhr, dass sie oft vom Balkon ihrer Enkelin beim Spielen zusieht. Dabei lehnt sie sich mit bloßen Armen über die Brüstung. "Ihre Haut reagiert wegen der Krebstherapie empfindlich auf die Sonne", sagt er. Heute genießt die Frau den Blick auf ihre Enkelin mit Creme und langärmeligem Pulli.

Oft bremsen schon Kleinigkeiten die Nebenwirkungen aus. Ein Sonnenhut schützt beim Treckerfahren. Der Grapefruitsaft wird weggelassen, weil er die Wirkung der Krebsarznei hemmt. "Uns ist wichtig, dass der Patient seinen Alltag genießen kann und Zeit gewinnt", betont Schneid. Harry S. weiß nicht, wie lange er noch leben wird. Mit Kerstin Bornemann hat er einen Deal aus­gehandelt: Ein einziges Mal darf er die Tabletten weglassen – an seinem 50. Hochzeitstag. "Da will ich feiern."  


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