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Seltene Sorten im Gemüsebeet

Von der Langenauer Bohne bis zum sibirischen Grünkohl: Biobauer Woldemar Mammel erzählt, warum gerade Hobbygärtner selten gewordene Gemüsesorten anpflanzen sollten.

von Orla Finegan, 29.03.2019
Setzling

Herr Mammel, jetzt im Frühling ist wieder Zeit, den Balkon oder den Garten zu bepflanzen. Was ist besser, Nutzpflanzen oder Blumen?

Mammel: Das ist natürlich Geschmacksache. Blumen sind auch wichtig, damit Insekten angelockt werden. Auf diese Insekten sind dann wieder die Nutzpflanzen angewiesen, damit sie bestäubt werden. Von daher empfiehlt es sich, eine schöne Mischung im Garten zu haben. Aber es gibt natürlich auch viele Nutzpflanzen, die schön blühen. Zum Beispiel der sibirischer Grünkohl, den kann man im Winter stehen lassen und der blüht im zweiten Frühjahr schön gelb.

Sibirischer Grünkohl – kann ich den im Gartencenter kaufen?

Ich würde eher im Internet schauen. Es gibt verschiedene Saatguthersteller, die sich auf altes Saatgut spezialisiert haben. Zum Beispiel bei Vereinigungen wie "Dreschflegel" (www.dreschflegel-saatgut.de). Die verschicken Sorten, die eigentlich nicht mehr auf dem Markt sind. Was ich auch empfehlen kann: Es sprießen überall Saatgutmärkte aus dem Boden. Sie finden meistens in den Monaten statt, in denen man die Gartenplanung macht, also zwischen Februar und April. Wir hoffen, dass sich diese Märkte weiter verbreiten, damit man auch von Hobby-Vermehrern Saatgut bekommen kann, die Pflanzen anbauen, die eigentlich nirgends mehr auf dem Markt zu finden sind.

Woldemar Mammel, 76 Jahre, ist studierter Biologe und hat 1975 auf der Schwäbischen Alb zusammen mit seiner Frau einen Biobauernhof aufgebaut. Dort kultivierte er seine Begeisterung für seltenes Saatgut und war 2014 Gründungsmitglied des gemeinnützigen Vereins "Genbänkle", der sich dem Erhalt seltener Pflanzen verschrieben hat.

Das klingt, als hätte sich der Saatgutmarkt in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert.

Die einstige Sortenvielfalt ist extrem zusammengeschrumpft. Vor 100 Jahren gab es nicht diese Spezialfirmen für Saatgut, die nur noch wenige Sorten anbieten. Das sind zwar gute Sorten. Aber die eigene Vermehrung und Züchtung im Garten gibt es eben kaum noch. Früher gab es in Ulm 80 Gemüsesorten, wo "Ulm" im Namen vorkam. Also zum Beispiel Ulmer Spargel, Ulmer Artischoke  oder eine weiße Rübe namens Ulmer Ochsenhorn. Von diesen 80 Gemüsesorten sind nur noch drei oder vier vorhanden. Daran sieht man, wie groß der Verlust an Sorten ist.

Warum ist das ein Problem?

Wir brauchen diese genetische Vielfalt für Neuzüchtungen. Man weiß nicht, in welche Richtung wir plötzlich züchten müssen, wenn sich beispielsweise das Klima verändert. Und dann fehlen die Eigenschaften, die eigentlich notwendig wären. Und wir sind froh, wenn wenigsten eine Sorte noch die gefragten Gene hat – zum Beispiel eine Krankheits-Resistenz oder eine Resistenz gegen Trockenheit.

Sie haben vor einigen Jahren den Verein Genbänkle mitbegründet. Der Verein vernetzt Sortenretter untereinander, also Menschen, die noch seltenes Saatgut vermehren. Wäre der Sortenerhalt nicht eigentlich eine Aufgabe für die Wissenschaft?

Weltweit gibt es ein paar Zentren, die Saatgut aufbewahren. Für Laien ist es aber schwer zu sehen, was dort überhaupt vorhanden ist. Nur durch Zufall hat Klaus Lang in der Genbank des St. Petersburger Wawilow-Institut die schwäbische Alblinse gefunden, die es bei uns nicht mehr gab. Unser Bestreben ist es also, dass die Sorten nicht einfach in den Genbanken verschwinden. Dort werden sie zwar in Kühlräumen aufbewahrt und nach 10 bis 20 Jahren wieder ausgepflanzt, damit sie keimfähig bleiben – eine Auseinandersetzung mit dem Klima findet da aber nicht statt. Die Saat ist dort lebendig begraben. Die bessere Sortenerhaltung ist es natürlich, wenn sie auch tatsächlich angebaut werden.

Warum finde ich diese seltenen Sorten dann nicht im Supermarkt?

Der größte Teil dieser Sorten ist für den gewerblichen Anbau kaum geeignet – die Tomaten sind nicht fest genug und können nicht gelagert werden. Man muss sie vom Stock pflücken und essen. Das funktioniert nur in Hobbygärten bei Leuten, die es aus Lust und zur Selbstversorgung machen. Diese Leute sind wichtig.

Welchen Vorteil habe ich als Hobbygärtner, wenn ich eine seltene Sorte anbaue?

Auf den Saatgutmärkten werden samenfeste Sorten gehandelt. Ich kann den Samen wieder gewinnen und aussäen und bekomme die gleich Sorte nochmal. Bei den Hybrid-Sorten bekomme ich zwar gute Pflanzen, aber wenn ich daraus Saatgut gewinne, weiß ich nicht, was dabei rauskommt – es sind keine einheitlichen Sorten mehr. Bei Hybrid-Sorten bin ich also immer von der Züchterfirma abhängig. Mit den samenfesten Sorten bin ich völlig unabhängig und kann über Generationen hinweg die gleiche Sorte vermehren und erhalten. Außerdem werden die Früchte nach und nach reif und ich kann jede Woche ein bisschen ernten, statt alles auf einmal.

Welche Sorten eignen sich für Einsteiger?

Kreuzblütler wie der sibirische Grünkohl sind nicht ganz einfach, aber bei Bohnen ist es leichter, weil sie sich selbst bestäuben. Da bleibt das Saatgut reiner, als wenn ein Insekt einen Kreuzblütler mit einer verwandten Pflanze bestäubt. Bohnen und Tomaten sind der Renner bei den Leuten, die auch selbst Saatgut gewinnen. Bei Möhren oder Grünkohl muss man meist erst ein Jahr lang warten, erst im zweiten Jahr kommen sie zur Blüte.

Haben Sie eine Lieblingsbohne?

Ich esse für mein Leben gern Bohnen, die einen richtig guten Geschmack haben. Die großen Bohnen, zum Beispiel Feuerbohnen, sind mir fast am liebsten. Da gibt es die Schwabenbohne, die in verschiedenen Formen hier in Mitteleuropa gehandelt wird – zum Beispiel auch als steirische Bohne. Sie ist rötlich und hat schwarze Flecken. Aber es gibt auch eine tolle, neu-aufgetauchte, alte Sorte: Die Langenauer Bohne. Im 18. Jahrhundert haben Auswanderer sie mit ins Banat, das heutige Rumänien genommen, dort ist sie vor kurzem wieder aufgetaucht, nachdem sie hier als ausgestorben galt.

Suchen Sie auch ganz gezielt nach verschwundenen Sorten oder sind es immer Zufallsfunde?

Gerade suchen wir nach alten Bohnensorten, die nicht mehr gängig sind und auch nicht im Handel erhältlich werden. Wir suchen nach Bohnen, die einzelne Hobbygärtner noch von ihren Großeltern "vererbt" bekommen haben. Wie zum Beispiel "Röllele". Das sind so runde, kleine Bohnen, die wie Kugeln aussehen. Sie werden auch Rugala genannt. Die waren früher weit verbreitet, aber mittlerweile werden sie nur noch von wenigen Leuten vermehrt.

Wer solche Röllele daheim hat, soll sich also beim Genbänkle melden?

Ja, auf der Seite vom Genbänkle (www.genbaenkle.de) kann man sich beispielsweise als Sortenretter registrieren. Dann können andere, die diese Sorte anbauen wollen, Kontakt aufnehmen. Wie eine Tauschbörse.


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