Antibiotika gezielt einsetzen

Die wertvollen Medikamente werden so häufig genommen, dass sie immer schlechter wirken. Wann es sinnvoll ist, zu Antibiotika zu greifen – und wann nicht
von Elke Schurr, 16.09.2016

Atemwegsinfekt: Antibiotika sind nur in begründeten Fällen sinnvoll

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"Antibiotika sind ein Segen", versichert Gerd Fätkenheuer. Der Professor aus Köln, der sich seit Jahrzehnten der Abwehr lebensbedrohlicher Keime widmet, warnt davor, auf sie im Bedarfsfall zu verzichten und damit "das Kind mit dem Bade auszuschütten". Noch immer können sich Menschen in der Regel auf jene Arzneistoffe verlassen, die Bakterien den Garaus machen. Noch immer muss kein Mensch den Tod fürchten, wenn etwa ein Zahn eitert oder sich die Mandeln entzünden.

Doch je mehr und je häufiger die lebensrettenden Geschütze gegen die Krankheits­erreger aufgefahren werden, desto öfter finden die Mikroben einen Weg, sich zu wehren. Sie ändern ihre Erbanlagen und geben diesen Trick massenhaft weiter. Die Folge: Antibiotika schießen öfter mal ins Leere.

Bakterien werden widerstandsfähiger

Infekt-Spezialisten berichten von einer weltweit zunehmenden Widerstandsfähigkeit verschiedener Bakterien gegenüber der kostbaren Arznei. Die Lösung des Problems haben vor allem Ärzte in der Hand: Die Medikamente sollen gezielter eingesetzt werden. Und auch bei den Patienten besteht Aufklärungsbedarf.

Das Abwehrverhalten von Bakterien gegenüber einer "feindlichen" Arznei ist Teil ihres natürlichen Programms. Seit es Penizillin gibt, gibt es dagegen auch den Widerstand der Bakterien. "Ein Antibiotikum ist ein Medikament, das sich in seiner Wirksamkeit verbraucht, indem es eingesetzt wird", bringt es Dr. Elisabeth Meyer von der Charité Berlin auf den Punkt. Die Studienärztin beobachtet mit Sorge, dass "in Krankenhäusern und Arztpraxen Antibiotika oft zu lange vorsorglich im Rahmen von Operationen, manchmal auch unnötig gegeben werden". Außerdem setzen auch Landwirte in der Tierhaltung allzu oft auf die Keimkiller.

Multiresistente Keime im Kommen

Folge: Viele Bakterien werden unempfindlich gegenüber an sich hochwirksamen Antibiotika. Die "resistenten" Keime überleben die Behandlung und verursachen beispielsweise Infektionen, die gerade bei älteren Patienten nur schwer abheilen.

Professor Gerd Fätkenheuer ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie

W&B/Rainer Unkel

Schlimmer noch: Inzwischen mehren sich solche Erreger, die gleich mehreren Mitteln die Stirn bieten können und dadurch vor allem im Krankenhaus bei Immungeschwächten zu lebensbedrohlichen Situationen führen können. Wundinfektionen nach Operationen, Darm- und Lungenentzündungen sind die möglichen Folgen. "Der Promi unter den sogenannten Krankenhauskeimen, der MRSA, hat zwar als Schreckgespenst ausgedient", fasst der Infektiologe Prof. Fätkenheuer die Lage zusammen. "In Deutschland geht die Zahl langsam zurück. Doch leider sind dafür andere multiresistente Erreger im Kommen."

Lutz Engelen ist Präsident der Landesapothekerkammer Nordrhein

W&B/Henning Ross

Neue Antibiotika brauche das Land, mit einem Durchbruch sei aber nicht zu rechnen. "Neue Stoffklassen und die Mechanismen der Resistenzen zu erforschen ist eine der dringenden Herausforderungen unserer Zeit", findet Apotheker Lutz Engelen aus Herzogenrath. Im Übrigen würden neue Waffen schnell stumpf werden, "zumindest bei der derzeitigen Verschreibungspraxis". Neue, gut wirksame Antibiotika werden bei Ärzten stark beworben. "Mit dem Ergebnis, dass sich wieder Resistenzen entwickeln und die Medikamente keine Reserve mehr sind." 

Antibiotika oft unnötig verschrieben

Das besondere Augenmerk der Infektiologen gilt deshalb der Arztpraxis. Immerhin verschreiben niedergelassene Ärzte die meisten Antibiotika. Und das oft in fraglichen Fällen: Untersuchungen haben ergeben, dass Ärzte bei bis zu 80 Prozent der Atemwegsinfekte, also bei Husten oder Bronchitis, Antibiotika verordnen, obwohl in den meisten Fällen Viren am Werk sind. Und gegen die hilft nun mal kein Antibiotikum. Experten fordern deshalb einhellig, die Mittel kontrollierter und nur in begründeten Fällen einzusetzen.

Jens Wagenknecht, Mitglied des Bundesvorstandes des Deutschen Hausärzteverbandes

W&B/Bernd Kusber

Leichter gesagt als getan. "Angesichts eines hustenden 80-jährigen Herzpatienten fällt die Abwägung schwer", weiß Hausarzt Jens Wagenknecht. Laboruntersuchungen auf Bakterien, etwa im Auswurf, sind aufwendig und oft durch Verunreinigung wenig aussagekräftig. "Die Entscheidung, ob ein Antiobiotikum notwendig ist – und wenn ja: welches –, verlangt Sachkenntnis, aber auch viel Zeit."

Patienten fordern oft Antibiotika

Auf das Mittel zu verzichten, erfordert oft Überredungskunst. Eine Umfrage ergab, dass drei Viertel der befragten Erkältungspatienten die Praxis ohne das vermeintliche Allheilmittel nicht verlassen wollen, wenn ihre Beschwerden nicht besser werden. "Wer sich als Arzt da keine Zeit nimmt, den Patienten aufzuklären, ihn zu ermutigen, mit einer Grippe oder Erkältung zu Hause zu bleiben, viel frische Luft einzuatmen und andere nicht anzustecken, der zückt schnell den Rezeptblock."

Allerdings können Bakterien tatsächlich einen Atemwegsinfekt zusätzlich anheizen. Gerade bei älteren Patienten ist deshalb schon beim leisesten Verdacht auf eine Lungenentzündung ein Antibiotikum angesagt.

"Dafür gibt es eindeutigere Situationen, wo man sie einsparen kann", mahnt Infektiologe Fätkenheuer. Etwa beim zweithäufigsten Einsatzgebiet in der Arztpraxis, der Blasenentzündung, "selbst wenn Bakterien im Urin festgestellt worden sind, Sie aber keine Beschwerden haben."

Bei der Einnahme an Regeln halten

Doch das Gebot der Stunde ist nicht nur, die Bakterienkiller mit Bedacht einzusetzen. Viele Patienten nehmen die Arznei auch nicht so ein, wie es vonnöten wäre. "Ein Antibiotikum ist kein einfaches Mittel", betont Lutz Engelen. "Die Anwendung erfordert die Einhaltung einiger Regeln" (siehe unten).

Der Arzneimittelfachmann aus Herzogenrath rät den Patienten, das Antibiotikum unbedingt mit dem Apotheker zusammen auf die restlichen Medikamente abzustimmen, die sie manchmal noch einnehmen müssen. "Nur so bleibt es wirksam." Mögliche Nebenwirkungen, wie etwa Durchfall, sollten einen Erkrankten nicht dazu verleiten, es abzusetzen: "Sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Er kann ein anderes Präparat wählen."

Impfen und Hygiene zur Prävention

Am besten aber wäre es, die Keime erst gar nicht ins Körperinnere dringen zu lassen und das Immunsystem zu stärken. "Lassen Sie sich regelmäßig impfen", rät Fätkenheuer und empfiehlt, gerade im Krankenhaus auf gute Händedesinfektion zu achten. "Das Gefährlichste ist das, was man nicht sieht: die Bakterien auf unseren Händen."

Regeln zur Einnahme von Antibiotika

  • Nehmen Sie Antibiotika  nur nach ärztlicher Verordnung ein. Kaufen Sie keine Antibiotika ohne Rezept, etwa im Ausland  oder über das Internet.
  • Nehmen Sie ein Anti­biotikum genau so lange ein, wie der Arzt es Ihnen verordnet hat.  
  • Einige Antibiotika verändern ihre Wirkung durch Mineralstoffe in Lebensmitteln. Halten Sie die angegebenen Einnahmezeiten ein. Prinzipiell nur mit Wasser einnehmen!
  • Reste von Antibiotika sollten Sie nicht zu Hause horten und "bei Bedarf" einnehmen. Geben Sie die Arznei auf keinen Fall an andere weiter. 
  • Unterstützen Sie Ihren Darm nach einer Antibiotika-Therapie, etwa mit probiotischem Joghurt.

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