Die Psychologie der Pillen

Ob Patienten ihre Medikamente konsequent einnehmen, hängt auch von psychologischen Faktoren ab. Warum Form, Farbe und Name für die Therapietreue eine Rolle spielen
von Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 03.08.2015

Rot, weiß oder blau: Bunte Pillen erleichtern die Einnahme

W&B/Forster & Martin

Der Mann hat Witz. Auf die Frage, worüber er gerade nachdenkt, antwortet Sven Stegemann: "Kommt ein Mann in die Apotheke und ..." Was folgt, ist kein Scherz, sondern Realität, wie sich rasch klärt.

"Meine Frau ist Apothekerin", erzählt er, "und hat den Kunden beraten. Er wollte seine Tabletten nicht haben, weil ihm die Schachtel zu groß war." Eine interessante Aussage, findet der Dozent für patientenzentrierte Arzneimittelentwicklung und Herstellung an der Universität Graz. "Wir müssen viel mehr querdenken."

Prof. Dr. Sven Stegemann ist Dozent für patientenzentrierte Arzneimittelentwicklung und Herstellung in Graz

W&B/Dominik Asbach

Günstige Lösung: Rund und weiß

Wie Stegemann machen sich viele Experten Gedanken darüber, wie sich Arzneien besser an den Mann und die Frau bringen lassen. Rund 1,6 Milliarden Packungen haben die Deutschen allein im Jahr 2013 in der Apotheke gekauft. Doch ob rezeptfrei oder verordnet, ob gegen Wehwehchen oder Bluthochdruck: Oft landet der Inhalt im Müll. Fast zwei Drittel der Patienten halten sich nicht oder nur teilweise an die Einnahmeregeln, zeigen Studien.

Würden sie das eher tun, wenn Pillen ein echter Hingucker wären? "Die meisten Tabletten sind tatsächlich weiß und rund", bestätigt Dr. Siegfried Throm vom Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) aus Berlin. Das liegt mit daran, dass manche Patienten allergisch auf Farbstoffe reagieren, es hat aber vor allem praktische Gründe. Rund und weiß – das lässt sich technisch am einfachsten produzieren. "Jede Firma hat Tablettenpressen, die oft verschiedene Präparate von gleicher Größe herstellen", erklärt Throm. Extras wie eine andere Form oder ein bisschen Farbe bedeuten viel mehr Aufwand, "eine Preisfrage".

Dr. med. Siegfried Throm ist Mitglied beim verband der forschenden Arzneimittelhersteller

W&B/Norbert Michalke

Bunte Pillen geben Halt

Ob sich diese günstige Lösung langfristig auch für die Patienten rechnet, hinterfragen Pharmakologen jedoch. Schluckt jemand rote Blutdruckkapseln verlässlicher, weil die Farbe Rot anregend wirkt? Fördern gelb verpackte Wirkstoffe die Bereitschaft, Antidepressiva zu nehmen? Es gibt eine Reihe solcher farbpsychologischen Überlegungen, "doch die Studienlage dazu ist dünn", dämpft vfa-Experte Throm zu hohe Erwartungen. Für eine bunte Vielfalt in der Pillendose spricht aber ein anderes wichtiges Argument: Farben helfen sehr gut, sich zu orientieren. Morgens nimmt der Kranke die rote Tablette, mittags die weiße und am Abend die braune.

Je älter Patienten sind, umso mehr hangeln sie sich an dem Farbleitsystem entlang, beobachtet der Apotheker Ulrich Koczian aus Augsburg. Doch die Merkhilfe funktioniert nicht mehr, wenn Medikamente wechseln – etwa im Rahmen von Rabattverträgen. "Diese handeln Krankenkassen regelmäßig mit Pharmafirmen aus, um unter gleichartigen Präparaten das preiswerteste zu zahlen", erklärt Koczian. Der Wirkstoff bleibt gleich, aber die Tablette sieht anders aus: andere Farbe, andere Form, je nachdem. 

Pillen in Bestform

Ein fatales Signal, belegen Studien: Liegt nicht mehr die gewohnte Tablette auf dem Frühstücksteller, lassen viele Patienten sie einfach weg. "In manchen Fällen lehne ich deshalb den Austausch gegen ein Rabattarzneimittel aus pharmazeutischen Bedenken ab", sagt der Augsburger Apotheker, der aufhorcht, wenn Stammkunden ihre Medikamente plötzlich nicht mehr so oft holen. Manchmal hört der Pharmazeut es auch zwischen den Zeilen heraus. "Wenn ich die Tablette vergesse, macht das ja nichts!", sagen Kunden zu ihm. Irrtum, widerspricht Koczian und klärt sie über ihren scheinbar neuen Tablettenmix auf. Wenn es darum geht, Patienten durch die oft unübersichtliche Arzneitherapie zu lotsen, ist er Ansprechpartner Nummer eins.

Keine Tablette darf aussehen wie die andere, schreibt der Gesetzgeber vor. Sonst könnte der Kranke seine Herztablette etwa mit seinem Osteoporosemittel verwechseln. Arzneimittelhersteller sind in der Pflicht, das zu verhindern. "Um weiße Tabletten mit gleicher Form unterscheidbar zu machen, versehen Pharmahersteller sie mit einem Prägestempel, einem Spalt oder Aufdruck", erklärt Arzneiforscher Throm.

Wer schlecht sieht, greift leider trotzdem leicht zur falschen Pille. Auch mit kleinen, länglichen Pillen tun sich gerade Ältere schwer, weil sie sie schlechter greifen können. Der Größe einer Tablette sind dennoch Grenzen gesetzt. "Patienten haben Mühe, große runde Tabletten zu schlucken", erklärt Stegemann. Wirkstoffe in Bestform zu präsentieren erfordere Fingerspitzengefühl. "Das optimale Medikament wird es nie geben", sagt der Dozent aus Graz. Sein Wunsch: bei jedem einzelnen Patienten schauen, was dessen Einnahmetreue verbessert.

Die Erwartungen der Patienten

Dennoch lassen sich die Erwartungen von Patienten auf einen gemeinsamen Nenner bringen. "Teuer gleich gut, glauben viele", berichtet Paul Enck, Professor für medizinische Psychologie an der Universität Tübingen. Auch Darreichungsformen bewerten medizinische Laien oft mit eigener Logik. Spritzen halten die meisten für wirksamer als Tabletten oder Pflaster. Ein Piks tut schließlich weh. "Je aufwendiger die medizinische Prozedur", erläutert der Placeboforscher, "umso größer ist die Erwartung an den heilenden Effekt."

Therapeuten können eine solche positive Haltung noch verstärken. "Wenn der Arzt sagt: ,Ich gebe Ihnen jetzt ein sehr gut wirksames Medikament‘, empfinden es Kranke auch als solches", weiß der Tübinger Professor. Gute Worte sind oft Medizin. "Im Alltag fehlt aber die Zeit für Gespräche, die wettmachen könnten, was Beipackzettel oft anrichten", kritisiert Paul Enck.

Lehren aus dem Beipackzettel

Aus rechtlichen Gründen listen Arzneihersteller dort im Medizinerlatein mögliche Nebenwirkungen auf. "Der Patient sollte mehr über den Benefit eines Medikaments wissen", findet Ulrich Koczian. Dann, beobachtet der Augsburger Apotheker, akzeptiert er lästige Begleiterscheinungen eher. Leichtes Kopfweh nehmen Patienten in Kauf, wenn dafür ihr Blutdruck ins Lot kommt. Viele Schmerzgeplagte nehmen entzündungshemmendes Ibuprofen, selbst wenn es in einigen Fällen müde machen kann.

Apropos Ibuprofen: "Wissen Sie, auf wie viele Weisen sich dieses Wort aussprechen lässt?", fragt Koczian. Immer wieder komme es vor, dass Kunden in seiner Apotheke nach "Ibodingsda" fragen. Siegfried Throm lacht. "Gerade bei der Selbstmedikation ist es wichtig, dass man sich den Präparatnamen gut merken und ihn aussprechen kann", betont der Berliner Arzneiforscher. Kein Arzneiname darf ähnlich klingen wie ein anderer. "Es gibt eigens Firmen, die nichts anderes machen, als sich neue Markennamen auszudenken", erzählt Throm und schmunzelt. Das ist kein Witz, sondern Pillenpsychologie.


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