Polymedikation: Durchblick behalten

Senioren nehmen oft fünf oder mehr Arzneitmittel am Tag ein. Wer soll da noch durchblicken? Medikationschecks sorgen für Klarheit – und decken Wechselwirkungen auf
von Kai Klindt, 15.09.2017

Tabletten-Check: Welche Medikamente sind wichtig, welche verzichtbar?

Masterfile mediapro mediamarketing GmbH/Cultura

Hand aufs Herz: Wer kennt sich aus mit seinen Arzneien? Ist die rosa Tablette mit der Bruchrille nun für den Blutdruck oder gegen das Cholesterin? Soll die längliche weiße abends oder morgens genommen werden? Und was ist mit der gelben Kapsel – welcher Arzt hat sie überhaupt verordnet?

Es sind genau solche Fragen, die Dr. Sebastian Michael in seiner Apotheke im sächsischen Waldheim mit den Kunden durchgeht. Allerdings mit einer ungewohnten Rollenverteilung: Arzneifachmann Michael ersucht sein Gegenüber um Antworten. "Zeigen Sie mir, was Sie alles für Ihre Gesundheit einnehmen", lautet die Bitte. Das soll weder Quiz noch Prüfung sein. Michael möchte auf diese Weise erfahren, was Patienten über ihre Arzneitherapie wissen, wie sie die Medikamente handhaben, ob sie mit deren Wirkung zufrieden sind – und welche Mittel wirklich in der Tablettenbox sind.

Modellprojekt: Apotheker beraten Ärzte

Die Bestandsaufnahme ist Teil der Medikationsanalyse. Ein gründlicher Check in der Apotheke, der Ordnung in die Arzneitherapie bringen will. Michael funkt die Ergebnisse an eine elektronische Patientenkartei, die er sich mit dem Hausarzt des Kunden teilt: ein Pionierprojekt mit Namen "Armin", bei dem bislang knapp 1000 Apotheker und rund 600 Mediziner in Sachsen und Thüringen mitmachen. Der Apotheker soll nicht nur gut beraten und eine sichere Arzneiversorgung garantieren, sondern dem Arzt pharmazeutischen Rat geben.

Auch außerhalb solcher Modellvorhaben bieten immer mehr Apotheken ihren Kunden eine Medikationsanalyse an. "Das Thema ist trendy", beobachtet Olaf Rose, Apotheker aus Steinfurt im Münsterland. Profitieren sollen vor allem ältere Patienten, die viele Medikamente einnehmen, was eher die Regel als die Ausnahme ist. Vier von zehn Bundesbürgern ab 65 bekommen fünf oder mehr rezeptpflichtige Mittel.

Verzichtbare Medikamente

Müssen es so viele sein? Diese Frage, eigentlich mehr ein Seufzer, hört Olaf Rose häufig. "Jeder glaubt, dass zu viele Medikamente nicht gut sein können." Tatsächlich erwarten sich einige Kunden von einer Medikationsanalyse, am Ende mit weniger Pillen auszukommen.

Oft ist das möglich. Etwa wenn Rose bei der Durchsicht der Tablettenbox feststellt, dass sich manche Anlässe erledigt haben könnten. So werden in Kliniken oft Säureblocker verordnet, um den Magen des Patienten vor dem Stress der Behandlung zu schützen. "Die Verschreibung wird gelegentlich auch nach der Entlassung durchgezogen."

Ärzte ohne Übersicht

In solchen Fällen regt Rose beim Hausarzt an, die Verordnung zu prüfen. Häufig fehlt auch dem Mediziner die Übersicht, was der Patient wirklich an Medikamenten nimmt. In einer Studie stellte Rose fest: Bei fast keinem der 140 älteren Teilnehmer, die eine Medikationsanalyse durchlaufen hatten, deckte sich die Kartei des Hausarztes mit den Arzneien, die der Apotheker beim Auftaktgespräch registrierte.

Wie kann das sein? Oft erhalten die Patienten Rezepte von mehreren Fachärzten – die den Hausarzt nicht immer über die Verordnung in Kenntnis setzen. Etwa jeder dritte Senior besorgt sich darüber hinaus in Eigenregie rezeptfreie Präparate.

So läuft eine Medikationsanalyse in der Apotheke ab

W&B/Astrid Zacharias

Medikationsanalyse: Arzneimix optimieren

Derartige Informationslücken sind keine Kleinigkeit, meint Hausarzt Wolfgang Ulbricht aus Bad Schandau. "Ich muss es erfahren, wenn mein Herzpatient vom Orthopäden ein Schmerzmittel bekommen hat – das Risiko fürs Herz könnte sich dadurch erhöhen." Ulbricht setzt daher auf den Schulterschluss mit den Apothekern; im Rahmen des sächsisch-thüringischen Modellprojekts hat er schon rund 90 Patienten zur Medikationsanalyse geschickt.

Fast immer führt der Check zu einer Korrektur der Therapie. Die bloße Zahl der Medikamente ändert sich zwar mitunter nicht. Eher geht es darum, den Arzneimix zu justieren. Der Umgang mit vielen Medikamenten ist ähnlich knifflig wie eine Jonglage mit mehreren Bällen. Grundverschiedene Mittel können durchaus ähnliche Nebenwirkungen haben – und sich darin gegenseitig verstärken. Andere Präparate wiederum blockieren sich untereinander.

Häufiger Nebenwirkungen im Alter

Der Spielraum für die Dosis ist bei älteren Menschen meist eng. Der Körper speichert weniger Flüssigkeit – das erhöht die Konzentration von Medikamenten, die sich in Wasser lösen. Der Fettanteil legt zu – und schafft einen Rückzugsort für Arzneien, die sich in Fett wohlfühlen. Gleichzeitig "gehen die Filterleistung der Nieren und die Abbaukraft der Leber zurück", erklärt der Wuppertaler Apotheker Dr. Wolfgang Schmitt. Nebenwirkungen können bei Älteren nicht nur häufiger auftreten, sondern auch stärker belasten.

Trockene Augen beispielsweise schmälern die Sehkraft, um die es bei vielen mit den Jahren ohnehin nicht mehr so gut bestellt ist, "mitunter so sehr, dass man nicht mehr lesen oder handarbeiten kann", meint Schmitt.

Umso wichtiger, dass der Kunde Bescheid weiß und mitredet. Was erwartet er sich von seinen Arzneimitteln? Meist möchte der Patient frei von Beschwerden sein, ohne Schmerzen leben und einen guten Schlaf haben, beobachtet Apotheker Rose. "Auch die Linderung von Symptomen wie etwa Juckreiz oder Verstopfung ist den Menschen wichtig."

Zusammen über Medikation entscheiden

Nicht immer deckt sich das mit den Vorstellungen von Ärzten und Apothekern. Den Fachleuten geht es in der Arzneitherapie oft darum, auf lange Sicht Risiken zu senken – etwa für einen Schlaganfall oder einen Knochenbruch. "Da gilt es, mit dem Patienten einen gemeinsamen Weg zu finden", meint Sebastian Michael. Die Erwartungen an das Instrument der Medikationsanalyse und eine engmaschige pharmazeutische Betreuung sind hochgesteckt. So soll die Zahl der Notaufnahmen ins Krankenhaus gesenkt werden.

Noch ist die Idee zu jung, um derartige Wirkungen belegen zu können, räumt Olaf Rose ein. Einen Effekt konnte er jedoch schon bei seiner Studie feststellen: Patienten, die eine Medikationsanalyse erhalten hatten, fühlten sich im Anschluss stärker sozial eingebunden. Der Apotheker führt das auf eine bessere Wirkung der Arzneitherapie zurück. "Die Leute stehen wieder mehr im Leben."


Coaching vom Apotheker

Medikationsanalysen kommen in verschiedenen Modellvorhaben zum Einsatz, etwa in Westfalen-Lippe oder im Rahmen des "Armin"-Projekts in Sachsen und Thüringen. Für die Versicherten der beteiligten Krankenkassen ist der Check kostenlos, sofern sie die Voraussetzungen erfüllen. Viele Apotheken bieten den Service als freiwillige Leistung an. Kosten: je nach Art und Umfang etwa 60 bis 100 Euro.


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