Welche Medikamente für Ältere ungeeignet sind

Die Priscus-Liste führt Medikamente auf, die ältere Menschen nach Möglichkeit nicht einnehmen sollten. Was Patienten und Angehörige wissen müssen
von Stephan Soutschek, 31.08.2015

Beipackzettel: Manche Nebenwirkungen treten im Alter stärker auf

W&B/Simon Katzer

Medikamente lindern Beschwerden, bekämpfen Krankheiten, verlängern in vielen Fällen das Leben. Viele ältere Menschen nehmen regelmäßig Arzneimittel ein, oft mehrere gleichzeitig. Rund fünf Tabletten schluckt ein 70- bis 79-Jähriger durchschnittlich am Tag, ergab eine Untersuchung des Robert Koch-Instituts.

Körper reagiert im Alter anders auf Medikamente

Medikamente können aber auch Nebenwirkungen haben. Diese fallen bei Menschen in der zweiten Lebenshälfte oft stärker aus als bei jüngeren. Denn wenn ein Organismus altert, spricht er zum Teil anders auf bestimmte Präparate an. Das liegt daran, dass sich die Verdauung ändert sowie die Funktion von Nieren und Leber nachlässt, sodass Wirkstoffe unter Umständen langsamer aufgenommen und ausgeschieden werden. Außerdem steigt der Anteil an Fettgewebe im Alter an, der Wasseranteil sinkt dagegen ab. Da einige Medikamente fettlöslich, andere dagegen wasserlöslich sind, kann das ebenfalls die Wirkung von Arzneien beeinflussen.

Einige Arzneimittel gelten deshalb als möglicherweise ungeeignet für ältere Patienten. Sie sind in der sogenannten "Priscus-Liste" aufgeführt. Diese nennt derzeit 83 in Deutschland erhältliche Wirkstoffe, die wegen ihren Nebenwirkungen für Menschen im Alter bedenklich sein können. "Dabei handelt es sich vor allem um Nebenwirkungen, die die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen oder die Gefahr von Stürzen erhöhen", sagt Petra Thürmann, Professorin für Klinische Pharmakologie an der Universität Witten-Herdecke.

Priscus-Liste: Medikamente mit teils gefährlichen Nebenwirkungen

Eine Nebenwirkung muss bei Älteren nicht zwangsläufig stärker ausfallen, damit ein Arzneistoff sich auf der Priscus-Liste wiederfindet. "Die gleiche Wirkung ist für einen jüngeren Menschen manchmal nicht so schlimm wie für einen älteren", sagt Thürmann. Ein Beispiel: Kann ein Medikament leichten Schwindel hervorrufen, ist das bei einem 20-Jährigen möglicherweise hinnehmbar. Bei einem 80-Jährigen, der ohnehin einen anfälligen Kreislauf hat und schlecht zu Fuß ist, könnte das Präparat leicht einen Sturz mit Bruch und anschließender Bettlägerigkeit zur Folge haben. Außerdem können die Medikamente auf der Priscus-Liste als Nebenwirkungen unter anderem Verwirrtheitszustände, Bauchschmerzen, Schlafstörungen oder Probleme beim Wasserlassen zur Folge haben.

Die Priscus-Liste gibt es seit 2010. Davor existierten zwar schon internationale Kataloge wie die US-amerikanische Beers-Liste. Allerdings enthält diese viele Medikamente, die in Deutschland gar nicht auf dem Markt sind. Auf der anderen Seite gibt es hierzulande einige Präparate, die in den USA nicht erhältlich sind. "So entstand die Idee, eine Liste speziell für Deutschland anzufertigen", sagt Thürmann, die an der Erstellung der Priscus-Liste maßgeblich beteiligt war. Aus einer Vorschlagsliste von 131 Medikamenten legten Experten aus verschiedenen Disziplinen schließlich die 83 fest, bei denen das Auftreten von schädlichen Nebenwirkungen als gut belegt galt.

Liste nennt Alternativ-Arzneien

Viele der als bedenklich eingestuften Medikamente zielen auf das Nervensystem ab. Ansonsten haben sie wenig gemeinsam. So finden sich auf der Priscus-Liste Schlafmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine, ebenso wie Antidepressiva, Mittel gegen Allergien, Blasenschwäche oder Alzheimer. Ein Arzt sollte die Auflistung berücksichtigen, wenn er ein neues Medikament verschreibt, und auf einen kritischen Wirkstoff nach Möglichkeit verzichten. Die Priscus-Liste nennt zu jedem aufgeführten Medikament unbedenklichere Alternativen.

Beschwerden treten nicht zwangsläufig auf

Eine Arznei ist für ältere Menschen aber nicht tabu, nur weil sie in der Liste auftaucht. "Bei einem Medikament auf der Priscus-Liste müssen die Nebenwirkungen nicht zwangsläufig auftreten", sagt Thürmann. Gibt es im Einzelfall keinen gleichwertigen Ersatz, kann der Arzt deshalb durchaus ein Medikament aus ihr verschreiben. Solange keine Beschwerden auftreten, ist alles in Ordnung. Ein Patient sollte seinen Arzt aber auf jeden Fall darauf ansprechen, wenn ihm auffällt, dass er ein Medikament aus der Priscus-Liste erhält. Auch wenn der Betreffende zunächst keine Nebenwirkungen verspürt, sollten Arzt und Patient Acht geben, ob es in Zukunft zu unerwünschten Effekten kommt.

Vor allem ein Verlust der geistigen Leistungskraft wird oft als eine natürliche Erscheinung des Alters abgetan. Wenige kommen auf den Gedanken, dass ein Medikament dahinter stecken könnte. Bemerken Angehörige oder Betroffene, dass das Gedächtnis in letzter Zeit plötzlich auffällig oft aussetzt, sollten sie einen Blick auf die eingenommenen Medikamente werfen. Ebenso sollte der Arzt bei einem Patienten, der eine unter Umständen kritische Arznei einnimmt, bei Praxisbesuchen nachfragen, ob ihm entsprechende Nebenwirkungen aufgefallen sind.

Nebenwirkungen mit dem Arzt besprechen

Selbst wenn das Medikament Nebenwirkungen verursacht, sollten Patienten es nicht selbstständig absetzen. Stattdessen das weitere Vorgehen mit dem Mediziner abklären. Bei bestimmten Schlafmitteln kann es zum Beispiel gefährliche Folgen haben, sie abrupt auszusetzen. Bei ihnen muss der Arzt langsam die Dosis verringern.

Die Priscus-Liste bietet eine Orientierung – für Ärzte, aber auch für Patienten, Angehörige und Pflegekräfte. Doch ob ein Medikament sinnvoll ist oder nicht, bleibt letzten Endes immer eine Einzelfallentscheidung. Nicht nur bei den verschiedenen Altersgruppen wirken Arzneimittel unterschiedlich, sondern auch von Mensch zu Mensch.

Tipp: Eine gut verständliche Broschüre zum Thema "Medikamente im Alter" mit einem Überblick über alle Medikamente der Priscus-Liste gibt es auf der Seite des Bundesministeriums für Bildung und Wirtschaft.


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