Wenn Medikamente süchtig machen

Über eine Million Deutsche sind abhängig von Medikamenten, der Großteil davon Frauen. Eine stille Sucht, die oft nicht erkannt wird
von Ulrich Kraft, 24.08.2015

Suchtpotenzial: Bei einigen Arzneien besteht die Gefahr einer Abhängigkeit

Thinkstock/istock/sakdawut14

Fällt das Wort Sucht, denken die meisten Menschen an Alkohol oder illegale Drogen. Tatsächlich belegt aber eine Suchterkrankung Platz eins der Statistik, deren Opfer in der Gesellschaft kaum auffallen: Bis zu 2,3 Millionen Menschen in Deutschland sind abhängig von Medikamenten. Tendenz steigend. Das geht aus dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht des Bundesministeriums für Gesundheit hervor.

Die Medikamentensucht findet sich in allen gesellschaftlichen Schichten, bei älteren Menschen häufiger als bei jüngeren. Und etwa zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Wenn es Männern psychisch nicht gut geht, greifen sie eher zum Alkohol als in den Medizinschrank, sagt Rüdiger Holzbach von den LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt. "Männer versuchen, ihre Probleme runterzuspülen und abzuschalten", so der Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin. "Frauen lassen sich Medikamente verschreiben, um trotz der Probleme weiter zu funktionieren."

Beruhigungsmittel besonders gefährlich

Oft handelt es sich bei den Mitteln um sogenannte Benzodiazepine. Sie wirken beruhigend, angstlösend und schlaffördernd – machen aber auch abhängig, vor allem wenn sie über längere Zeit eingenommen werden. Ersatzweise werden Z-Substanzen wie Zolpidem oder Zopiclon eingesetzt, die ähnlich wirken. Allerdings haben auch sie ein Abhängigkeitspotenzial.

Schlaf- und Beruhigungsmittel kommen zum Beispiel bei Ängsten, Unruhe und Schlafstörungen zum Einsatz. Alles Erkrankungen, die gehäuft bei Frauen und älteren Menschen auftreten. "Das erklärt auch, warum es in diesen beiden Bevölkerungsgruppen besonders viele Medikamentenabhängige gibt", sagt Experte Holzbach.

Ebenfalls ein Suchtpotenzial haben die sogenannten Opioide, die Ärzte bei sehr starken und chronischen Schmerzen verschreiben. Diese Morphinabkömmlinge besitzen neben der schmerzlindernden eine stimmungshebende, euphorisierende Wirkung. Bei falscher Anwendung können sie psychisch und körperlich abhängig machen. Wer die Mittel aber wie vom Arzt verordnet einnimmt, bei dem ist die Gefahr dafür gering.

Arzneien häufig über Internet bestellt

Die dritte wichtige Substanzgruppe sind die Aufputschmittel. "Auch hier gibt es eine zunehmende Tendenz zum Missbrauch, vor allem unter jüngeren Menschen", sagt Suchtmediziner Holzbach.

Wirkstoffe wie Methylphenidat unterdrücken die Müdigkeit und steigern die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. Solche Psychostimulanzien sind zwar verschreibungspflichtig und eigentlich ausschließlich zur Behandlung von Krankheiten wie einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) oder Narkolepsie vorgesehen. Über das Internet sind die Wachmacher aber relativ einfach zu beschaffen. "Auch Schlaf- und Beruhigungsmittel lassen sich so problemlos bestellen, obwohl die Abgabe ohne Rezept illegal ist", erläutert Rüdiger Holzbach.

Dass die Zahl der Medikamentenabhängigen in den letzten Jahren stetig steigt, sei aber in erster Linie ein gesellschaftliches Phänomen, meint der Experte. Durch die Arbeitsverdichtung, den zunehmenden Zeitdruck und überhöhtes Leistungsdenken, auch in der Freizeit, "sehen wir mehr Menschen, die abends nicht abschalten können", sagt Holzbach. "Sie greifen dann zu Medikamenten, die ihnen dabei helfen, wie die Benzodiazepine." Andere tendieren eher zu den leistungssteigernden Aufputschmitteln, um die mannigfaltigen Anforderungen in Job und Privatleben besser erfüllen zu können.

Missbrauch oder Abhängigkeit?

Es gibt Medikamente, die ein Missbrauchspotenzial haben und solche, die die Gefahr bergen, danach süchtig zu werden. Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen haben vier bis fünf Prozent der Arzneimittel ein Abhängigkeitspotenzial.

An rezeptfreie Medikamente wie abschwellende Nasentropfen und -sprays kann sich der Körper schon nach fünf bis sieben Tagen gewöhnen. Werden sie dann abgesetzt, schwillt die Nase wieder zu. Weil sich das unangenehm anfühlt und die Betroffenen glauben, der Schnupfen sei zurückgekehrt, wenden sie die Nasentropfen erneut an – und geraten in einen Teufelskreis.

Gleiches kann beim Gebrauch von bestimmten Abführmitteln passieren. Da der Darm sich rasch an die Wirkung gewöhnt, stellt sich nach dem Absetzen der Präparate die Verstopfung wieder ein. Oft sind die Beschwerden sogar schlimmer als zuvor, was die Betroffenen dazu bewegt, die Mittel wieder einzunehmen. Bei diesen Beispielen handelt es sich eher um einen Medikamentenmissbrauch als um eine Sucht.

"Bei einer Abhängigkeit im eigentlichen Sinne müssen die Medikamente eine direkte Wirkung auf die Psyche haben", erläutert Holzbach. Das ist bei Schlaf- und Beruhigungsmitteln der Fall. Wegen ihres hohen Suchtpotenzials sollten Patienten sie möglichst nur vorübergehend anwenden. Insbesondere den Hausärzten wird oft vorgeworfen, Benzodiazepine zu schnell, zu lang und zu leichtfertig zu verordnen – und die Patienten damit in die Abhängigkeit zu treiben. Zwar gebe es schwarze Schafe, räumt Holzbach ein. Dass die Gefahr einer Arzneimittelsucht übersehen oder sogar in Kauf genommen wird, sei aber die Ausnahme. "Die meisten Ärzte achten schon darauf, dass die Dosierung eingehalten wird und die Patienten nicht immer größere Mengen des Medikaments brauchen", sagt er.

Schon eine Tablette am Tag kann süchtig machen

Das Suchtkriterium, dass die Dosis nach und nach gesteigert werden muss, kann bei Medikamentenabhängigen fehlen. Viele Betroffene sind sehr therapietreu und halten sich streng an die verordnete Menge. "Sie nehmen dann zum Beispiel nur ein oder zwei Schlaftabletten abends ein – das aber täglich und über einen langen Zeitraum hinweg", so Holzbach. Experten wie er bezeichnen das als eine Niedrigdosis-Abhängigkeit. Das Tückische daran ist, dass Arzt und Patient gleichermaßen meinen, den Konsum unter Kontrolle zu haben und weit entfernt von einer Sucht zu sein.

Wird die allabendliche Schlaftablette plötzlich abgesetzt, kommt für die Abhängigen das böse Erwachen. Sie leiden unter Entzugserscheinungen wie Angstzuständen, starker innerer Unruhe und Schlafstörungen. Also unter den Beschwerden, die ursprünglich mit den Schlaf- und Beruhigungsmitteln behandelt wurden. Das birgt die Gefahr, dass der Arzt das Medikament erneut verschreibt – weil er die Symptome des Entzugs fälschlicherweise als Wiederaufflammen der Grunderkrankung deutet.

Dauerhaft in höheren Dosen eingenommen hinterlassen Schlaf- und Beruhigungsmittel hauptsächlich an der Psyche ihre Spuren. Die Betroffenen können sich weder richtig freuen noch richtig traurig sein, werden zunehmend gleichgültig und teilnahmslos. Hinzu kommen Störungen der Konzentrations- und Merkfähigkeit, außerdem schwindet ihre körperliche Energie. "Diese Nebenwirkungen, die bei der Langzeiteinnahme der Medikamente typischerweise auftreten, werden aber oft den Wechseljahren zugeschrieben oder als Alterungsprozesse abgetan", sagt Rüdiger Holzbach. "Deshalb wird eine Medikamentenabhängigkeit häufig erst spät erkannt."

Raus aus der Abhängigkeit

Um das zu verhindern, sollten Patienten die möglichen Nebenwirkungen potenziell suchterzeugender Arzneimittel kennen und darauf achten, ob diese bei ihnen auftreten. Spätestens wenn das der Fall ist, müssen Arzt und Patient gemeinsam abwägen, ob der Nutzen der Behandlung die unerwünschten Nebeneffekte noch überwiegt. Generell rät Holzbach, bei längerfristiger Einnahme solcher Medikamente regelmäßig zu prüfen, wie ausgeprägt die Nebenwirkungen sind und ob es sich um eine Abhängigkeit handelt. Dazu gibt es spezielle Fragebögen.

Ist das der Fall, sollten sich Betroffene rasch behandeln lassen. Die Therapie erfordert Zeit, denn Schlaf- und Beruhigungsmittel dürfen nicht von einem Tag auf den anderen und schon gar nicht selbstständig abgesetzt werden. Gleiches gilt für die opiathaltigen Schmerzmedikamente. Stattdessen muss die Dosis in Absprache mit dem Arzt schrittweise reduziert werden.


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