Nähe auf Zeit

Sich lieben, aber nicht unter einem Dach leben: Immer mehr Paare wollen unabhängig bleiben. Funktioniert das?

von Elisabeth Hussendörfer, 18.07.2018
Senioren

Regnet es? 18 Jahre lang war das die allabendliche Frage von Heinz. 18 Jahre lang hat er sich jeweils mit einer innigen Umarmung von Rose verabschiedet und ist dann die 300 Meter zu sich nach Hause gelaufen. Es sei denn, es war Samstag oder es regnete, dann blieb er. "Heinz wäre gerne immer geblieben", erzählt Rose und schmunzelt. "Da war ja bereits die Vorfreude auf unser Wiedersehen am nächsten Tag."

Gerade Älteren gefällt es so
"Guten Gewissens gehen lassen" konnte die heute 80-Jährige ihren langjährigen Lebensgefährten: "Er war ja nicht auf mich angewiesen." Hervorragende Kohlrouladen konnte Heinz kochen. Für Wohnung und Wäsche hatte Rose ihm eine Putzfrau organisiert. An der Kasse bezahlte stets jeder für sich. "Ich wollte unter keinen Umständen in die bekannten Muster fallen und mich nach mehr als 20 Jahren Ehe erneut um einen Mann organisieren", sagt sie.

Gerade Älteren gefällt es so

„Guten Gewissens gehen lassen“ konnte die heute 80-Jährige ihren langjährigen Lebensgefährten: „Er war ja nicht auf mich angewiesen.“ Hervorragende Kohlrouladen konnte Heinz kochen. Für Wohnung und Wäsche hatte Rose ihm eine Putzfrau organisiert. An der Kasse bezahlte stets jeder für sich. „Ich wollte unter keinen Umständen in die bekannten Muster fallen und mich nach mehr als 20 Jahren Ehe erneut um einen Mann organisieren“, sagt sie.

Es gibt viele Gründe, es bei zwei getrennten Wohnungen zu belassen – so wie bei rund 15 bis 20 Prozent ­aller Paare in Deutschland, Tendenz steigend. Vor allem in der Generation 50 plus nehmen solche Beziehungskonzepte zu. So sehr Praktisches im Vordergrund stehen mag: "Letztlich ist es ein Stück weit immer auch eine Schutzstrategie, wenn ein Paar sich für räumlichen Abstand entscheidet", weiß der Hamburger Paarberater Eric Hegmann.

"Früher war für mich Zusammenziehen die logische Konsequenz, wenn man als Paar gut harmonierte", erzählt die 54-jährige Inge aus München. Heute weiß die Alleinerziehende, dass weit mehr Überlegungen dabei eine Rolle spielen. Seit sechs Jahren sind Inge und der fünf Jahre ältere Alfred ein Paar. 15 Fahrminuten liegen zwischen ihrer Wohnung und dem Haus seiner Mutter, die mit Sohn und zwei Enkeln unter einem Dach lebt. Alfreds Mutter ist gehbehindert, braucht Hilfe im Alltag. Seine Kinder sind zwar aus dem Gröbsten raus. "Teenager aber brauchen ihre Eltern anders", weiß Inge.

Ihr eigener Sohn, Luis, ist 15. "Jungs machen vieles mit sich selbst ab", sagt Inge. Ist ihr Partner da, bleibt Luis noch mehr als ohnehin schon in seinem Zimmer. Oft muss Inge abwägen, wie sie Prioritäten setzt: für das Kind, für den Partner und dessen Familie, für sich selbst. Mal wohnen Alfred und sie drei Tage lang zusammen, dann sehen sie sich in drei Tagen nur ein Stündchen. Ein großes Haus, in dem alle Platz hätten, drei Erwachsene und drei Kinder, wäre das eine Lösung? "Nicht hier in München, wo Wohnraum exorbitant teuer ist", sagt Inge.

Getrennt zusammenleben, für Inge bedeutet das auch „eine gewisse Unruhe, weil vieles spontan entschieden wird“. Gegenseitige Unterstützung, gerade im Haushalt, sei schwierig. Lebendiger als andere Beziehungen in ihrem Umfeld erlebt die Mittfünfzigerin das Zusammensein mit ihrem Partner allerdings. „Niemand glaubt uns das: dass wir uns schon Jahre kennen. Das Prickeln ist immer noch da!“

Sich auf Augenhöhe begegnen können, darum gehe es, sagt Paartherapeut Hegmann. „Es gibt zahlreiche weitere Möglichkeiten, zu demonstrieren: Du bist mir wichtig, auch wenn wir keinen gemeinsamen Lebensmittelpunkt haben.“

Wohnzimmer

 

 

Balance aus Nähe und Freiraum
Mitte 60 sein und in ein Umfeld kommen, das für so viel gelebtes Leben, für so viele Erinnerungen steht, das macht etwas mit einem, findet Rose. Man will Respekt haben gegenüber dem, was war, fühlt aber, dass das Hier und Jetzt genauso Berechtigung hat. Eine Gratwanderung. "Hier hat deine Frau gelegen", sagte Rose, wenn sie bei Heinz war. "Und hier saß dein Mann", konterte er, wenn er dann kurz darauf zu ihr kam. Nicht, dass sie Schuldgefühle gehabt hätte, stellt Rose klar, die einige Jahre nach dem Tod ihres Mannes mit ­ihrer "zweiten großen Liebe" zusammenkam – mit Heinz, der genau wie sie verwitwet war.  

Balance aus Nähe und Freiraum

Mitte 60 sein und in ein Umfeld kommen, das für so viel gelebtes Leben, für so viele Erinnerungen steht, das macht etwas mit einem, findet Rose. Man will Respekt haben gegenüber dem, was war, fühlt aber, dass das Hier und Jetzt genauso Berechtigung hat. Eine Gratwanderung. „Hier hat deine Frau gelegen“, sagte Rose, wenn sie bei Heinz war. „Und hier saß dein Mann“, konterte er, wenn er dann kurz darauf zu ihr kam. Nicht, dass sie Schuldgefühle gehabt hätte, stellt Rose klar, die einige Jahre nach dem Tod ihres Mannes mit ­ihrer „zweiten großen Liebe“ zusammenkam – mit Heinz, der genau wie sie verwitwet war.  

„Was mache ich, wenn dir etwas zustößt?“, fragte sie, wenn er mal wieder meinte, sie solle doch zu ihm ziehen, in sein schönes Einfamilienhaus. „Du bekommst ein lebenslanges Wohnrecht, wir halten das schriftlich fest“, so seine Idee. Ein Jahr nach seinem Tod haben seine Söhne das Haus verkauft und den Erlös aufgeteilt. „Ich habe ein gutes Verhältnis mit den beiden“, sagt Rose. Wäre das auch so, wenn Heinz das mit dem Wohnrecht wahrgemacht hätte? Als Heinz nach einem Schlaganfall in ein Pflegeheim gezogen war, sahen sie sich weiter täglich. Besonders während dieser Zeit, sagt Rose, seien ihre eigenen vier Wände ein Kraft-Ort gewesen.

Inge sagt, ihre Liebe wäre eine andere, lebte sie mit Alfred unter einem Dach. Ob sie dann noch so Dinge tun würden wie neulich, als sie ein paar Tage nach Paris gefahren sind, nur sie, wie frisch Verliebte? „Wohl kaum“, glaubt sie. Vielleicht gelingt tiefe Nähe wirklich nur dann, wenn man einander vertrauensvoll ein Stück weit ziehen lassen kann.  

Zwei Wohnungen?! Tipps von Paarberater Eric Hegmann 

Zwei Wohnungen!? 
Tipps von Paarberater Eric Hegmann  
➜ Verbindlichkeit entsteht nicht nur übers Wohnen. Auch Rituale im Alltag wie der tägliche Spaziergang, der Anruf vor dem Zubettgehen signalisieren: Wir gehören zusammen. 
➜ Machen Sie Ihrem Partner klar, dass nicht fehlende Liebe der Grund für Ihren Wunsch nach eigenen vier Wänden ist. Stellen Sie ganz klar heraus, was Sie anders haben wollen als früher, weil Sie überzeugt sind, dass es gut für die Beziehung ist. 
➜ Wenn Sie derjenige sind, der lieber mehr Nähe hätte: Fragen Sie sich ehrlich, warum das so ist. Haben Sie Angst, sich selbst nicht versorgen zu können? Fürchten Sie, der Partner bekennt sich nicht genügend zu Ihnen? Das sollten Sie ansprechen und zusammen nach Wegen suchen, die Bindung zu festigen.  
  • Verbindlichkeit entsteht nicht nur übers Wohnen. Auch Rituale im Alltag wie der tägliche Spaziergang, der Anruf vor dem Zubettgehen signalisieren: Wir gehören zusammen. 
  • Machen Sie Ihrem Partner klar, dass nicht fehlende Liebe der Grund für Ihren Wunsch nach eigenen vier Wänden ist. Stellen Sie ganz klar heraus, was Sie anders haben wollen als früher, weil Sie überzeugt sind, dass es gut für die Beziehung ist. 
  • Wenn Sie derjenige sind, der lieber mehr Nähe hätte: Fragen Sie sich ehrlich, warum das so ist. Haben Sie Angst, sich selbst nicht versorgen zu können? Fürchten Sie, der Partner bekennt sich nicht genügend zu Ihnen? Das sollten Sie ansprechen und zusammen nach Wegen suchen, die Bindung zu festigen.  

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