Besuch bei einem Mobilitätstraining

Fahren in Bus und Bahn will geübt sein, wenn man schlecht zu Fuß oder etwa auf einen Rollator angewiesen ist. Wir haben bei einer Nahverkehrs-Schulung für Senioren vorbeigeschaut

von Caroline Mascher, 25.01.2017

Einsteigen, bitte: Bei erhöhtem Bordstein klappt der Busfahrer eine Rampe aus


"Allein mit dem Bus in die Stadt, das wär’s!" Johann E. will mobiler und damit unabhängiger werden. Gespannt wartet der 82-Jährige darauf, was er nach der Theorie heute bei den praktischen Übungen erfährt. Sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortzubewegen ist für ihn seit einem Nervenleiden in den Füßen zu einer Herausforderung geworden. Auch die anderen 16 Teilnehmer – einige im Rollstuhl, viele mit Rollator – erhoffen sich vom Mobilitätstraining der Münchener Verkehrsgesellschaft vor allem eins: Sicherheit unterwegs in Bussen und Bahnen.

"Nie auf den Rollator setzen"

Schon bittet Busfahrer Wolfgang Emmer die Gruppe einzusteigen. In dem Sonderbus, der während des Trainings an einer ruhigen Stelle parkt, lernen die Senioren in den nächsten zweieinhalb Stunden alles über das Busfahren, vom richtigen Sitzen bis zum richtigen Verhalten bei Notfällen.

"Nie auf den Rollator setzen", nennt Schulungsleiterin Isabella Weiss eine wichtige Regel und demonstriert anschaulich, warum. Die meisten Stürze in Bus und Bahn würden durch diese Angewohnheit ausgelöst. "Aber wo soll ich damit hin, wenn es freie Plätze nur außer Reichweite gibt?", ruft eine Teilnehmerin. Eine Lösung könne sein, einen Mitfahrer zu bitten, ein Auge auf den Rollator zu haben, rät Weiss. Schnell wird allen klar: Wer als älterer oder körperlich beeinträchtigter Mensch im Nahverkehr unterwegs ist, sollte möglichst den Mut aufbringen, andere um Hilfe zu bitten.

In Fahrtrichtung stehen

Auf den regulären Plätzen ist ebenfalls einiges zu beachten. "Setzen Sie sich möglichst mit dem Rücken zum Fahrer", rät Trainerin Weiss. So prallt bei einer Vollbremsung nur der Rücken gegen den Sitz. Und gegen Schwindelgefühle beim Rückwartsfahren verrät sie einen Trick: im Inneren des Busses irgendeinen festen Punkt fixieren!

Beim Stehen allerdings gelten andere Regeln. "Stellen Sie sich immer in Fahrtrichtung, und halten Sie sich dabei immer mit einer Hand an der Haltestange fest", rät die Trainigsleiterin. Denn: "Die Hand stützt, und Sie können nicht auf den Hinterkopf fallen." Außerdem sehe man so rechtzeitig, was vor dem Bus auf der Straße vor sich gehe.

Angst vor dem Ausstieg

Für Wulfhilt M. ist das Stehen die größte Sorge. Die 75-Jährige leidet in beiden Knien an Arthrose, das linke konnte operiert werden, das andere muss sie seitdem mit einer Krücke entlasten. "Ich versuche immer einen Platz dicht an der Tür zu ergattern und stehe erst im letzten Moment auf", erklärt sie ihre Taktik, von der Isabella Weiss aber nicht so viel hält. "Besser ist es, sich schon eine Station vorher vor der Tür in eine stabile Position zum Aussteigen zu stellen", rät die Trainerin.

Überhaupt der Ausstieg. "Uns ist es schon passiert, dass mein Mann bereits draußen stand und ich noch drinnen mit dem Rollator, als die Tür zuging", erzählt Irmgard E. Dabei wollte sie ihrem Mann das schwere Teil nur hinterhertragen. Jetzt im Training muss er selbst ran: mit dem Rücken zur offenen Tür, eine Hand am Türgriff und rückwärts die Stufen hinab. "Den Rollator erst nachholen, wenn Sie einen stabilen Stand auf dem Fußweg haben", warnt die Trainerin. Irmgard E. kann aus Sorge um ihren Mann kaum hinsehen, doch der versucht es mit beeindruckender Willenskraft immer wieder – bis der Ablauf sitzt.

Der Faktor Zeit

Den anderen rät Weiss, sich beim Ausstieg wie vor einen Spiegel vor die offene Bustür zu stellen, sich am Haltegriff festzuhalten und ohne nach unten zu sehen seitwärts auszusteigen, erst mit dem äußeren Fuß, dann mit dem anderen. Nicht mit den Füßen voraus? "Nein, viel zu instabil!"

Ein Problem bleibt für fast alle bestehen: der Zeitfaktor. "Egal ob U-Bahn, Tram oder Bus: Steigen Sie in der Nähe zum Fahrer ein", rät Wolfgang Emmer aus Erfahrung. "Und scheuen Sie sich nicht, dem Fahrer zuzurufen: ‚Bitte warten, ich brauche noch mehr Zeit’", ergänzt Isabella Weiss. Durch ungeduldige Mitfahrer solle man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Im Gegenteil, ist die Trainerin überzeugt: "Je bewusster Sie aus- oder einsteigen, umso eher werden Sie wahrgenommen." 

Am Schluss ist Johann E. sichtlich stolz auf seine Leistung. "Das Training ist so eine gute Sache, das müsste viel bekannter werden", sagt er begeistert. Auch die anderen Teilnehmer sind voll motiviert. "Endlich traue ich mich, den Rollator zu benutzen", sagt eine Frau. Und Wulfhilt M. ist sich sicher: "Ich werde auf jeden Fall auch allein weiterüben, um mobil zu bleiben."


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