Gewalt gegen Ältere: Hohe Dunkelziffer

Alte, pflegebedürftige Menschen werden häufig das Opfer von Gewalt. Doch nur wenige zeigen die Vorfälle an. Ein Interview mit den Pflegeexperten Susanne Zank und Mark Lachs

von idw / Stephan Soutschek, 02.09.2016
Gewalt in der Pflege

Gewalt gegen Pflegebedürftige: Oft sind Familienmitglieder die Täter


Gewalt gegen alte und pflegebedürftige Menschen zählt nach wie vor zu den Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Im Interview verraten zwei Experten der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, warum Opfer die Taten oft nicht anzeigen, wie solche Vorfälle sich verhindern lassen – und wie Betroffene, Angehörige und Pflegekräfte sich im Angesicht von Gewalt am besten verhalten.

Erhebungen zufolge berichtet jeder zehnte pflegebedürftig, alte Mensch in Deutschland von Übergriffen in seinem direkten Umfeld – wobei von einer großen Dunkelziffer auszugehen ist. Warum ist das so?

Susanne Zank

Susanne Zank: Es ist leider sehr, sehr schwer, verlässliche Daten über die Verbreitung zu erheben. Die Opfer schweigen aus Scham oder Angst. In der Familie sind sie psychologisch oder aus pflegerischen Gründen abhängig von den misshandelnden Familienmitgliedern. Wobei Misshandlung auch psychische Qual oder finanzielle Ausbeutung umfasst.

Trotzdem haben die Opfer Angst, dass sie die Familie verlassen und in eine Institution ziehen müssten. Die Furcht vor einem Heim ist häufig so groß, dass die Opfer sich lieber schlecht behandeln lassen. In der Pflege wiederum spielt Vernachlässigung eine große Rolle. So werden zum Beispiel Medikamente vorenthalten, Windeln selten gewechselt oder zu wenig Flüssigkeit angeboten. Da die Menschen sehr abhängig von den Pflegekräften sind, trauen sie sich manchmal nicht, sich zu beschweren. Selbst Angehörige, die unangemessenes oder gewalttätiges Verhalten der Pflegekräfte beobachten, schweigen mitunter aus Angst, dass sie den Pflegebedürftigen nicht wirklich schützen können. Und die Institutionen selber möchten natürlich nicht, dass entsprechendes Fehlverhalten publik wird.

Experte

Mark Lachs: Dass Fälle von Misshandlungen älterer Menschen so selten gemeldet werden, hat auch etwas damit zu tun, dass sie eher sozial isoliert sind als jüngere. Wenn ein Kind mit einer verdächtigen Verletzung in die Schule kommt, gibt es Lehrer und andere, die den Vorfall melden und notwendige Maßnahmen einleiten können. Alte Menschen – gerade jene, die in Rente sind – haben deutlich kleinere zwischenmenschliche Netzwerke, in denen Misshandlungen entdeckt werden können.

Wer sind die Täter?

Lachs: Anhand der wenigen Daten, die uns zur Problematik vorliegen, können wir feststellen, dass es sich bei den Tätern zumeist um die erwachsenen Kinder der Opfer oder auch um den Ehepartner handelt. Sie sind eher männlich, haben oder hatten in der Vergangenheit Probleme mit Medikamentenmissbrauch oder Drogen, leiden unter psychischen oder körperlichen Erkrankungen oder sind bereits mit der Polizei in Konflikt geraten. Zudem sind sie meistens sozial isoliert, arbeitslos oder in finanziellen Schwierigkeiten und leiden unter starkem Stress.

Immer wieder ist auch von Gewalt unter betagten Menschen zu hören, beispielsweise in Seniorenheimen. Woran liegt das? Und was lässt sich dagegen tun?

Lachs: Diese Art von Gewalt gegen ältere Menschen sehen wir in zunehmendem Maße, und wir müssen dem sehr viel Bedeutung beimessen. Nach unseren Erkenntnissen ist es wohl sehr viel wahrscheinlicher, in einem Seniorenheim Gewalt durch andere Bewohner zu erfahren als durch das Pflegepersonal. Dafür gibt es viele Gründe, aber ein bedeutender Faktor ist, dass in den Einrichtungen viele Patienten mit Demenz oder Verhaltensstörungen auf engstem Raum zusammenleben. Unsere Gruppe entwickelt und testet derzeit eine Interventionsstrategie, die Missbrauch zwischen den Bewohnern von Einrichtungen verhindern soll.

Zank: Menschen mit einer demenziellen Erkrankung missverstehen Verhaltensweisen von Mitbewohnern häufig auch als aggressives Verhalten oder Bedrohung. Hier können Pflegekräfte deeskalierend eingreifen. Wichtig ist vor allem die genaue Analyse des Geschehens: Was hat das aggressive Verhalten ausgelöst? Lässt sich ein Muster wiederkehrender Situationen erkennen? Und: Kann man diese zukünftig vermeiden?

Wie können die Opfer geschützt werden?

Lachs: Eine wichtige Strategie ist zunächst einmal, Missbrauch zu erkennen. Wir müssen erreichen, dass diejenigen, die in Kontakt mit älteren Erwachsenen kommen, auf Anzeichen von Missbrauch achten. Ärzte sind bisher in diesem Bereich noch nicht besonders involviert, obwohl sie manchmal die einzigen Personen sind, die außerhalb der Täter-Opfer-Beziehung Kontakt zum Missbrauchsopfer haben. Ist ein Fall erst einmal bekannt, gibt es verschiedene Strategien, um gegen Missbrauch vorzugehen.

Obwohl noch keine randomisierten kontrollierten Studien vorliegen, ist eine vielversprechende Strategie in den Vereinigten Staaten der Einsatz fachübergreifender Teams, in denen Spezialisten aus unterschiedlichen Gebieten wie Medizin, Recht, Sozialarbeit, Wohnungswesen und Polizei zusammenarbeiten und einen umfassenden Plan zum Schutz der Opfer erstellen. Ich glaube, dass sich diese Strategie auch sehr gut in vielen anderen Ländern und Gesellschaften anwenden lässt. Die Interventionsansätze sollten die gleichen sein.

Frau Professor Zank, welche politischen Weichenstellungen sind nötig, um Misshandlungen zu verhindern?

Zank: Für pflegebedürftige Menschen gelten die gleichen Rechte wie für alle anderen Menschen. Dennoch gibt es eine besondere Verantwortung von Staat und Gesellschaft, dass sie würdevoll und ohne Gefahr für Leben und Gesundheit versorgt werden. Allerdings bewegen wir uns rechtlich häufig in einer Grauzone.

Wir benötigen daher in Anlehnung an das Kinder- und Jugendhilferecht ein Altenhilferecht! Bei jedem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung findet eine Überprüfung statt – wesentliche Fragestellungen sind dabei, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt und ob beziehungsweise welcher Handlungsbedarf besteht. Die Möglichkeit, eine solche Überprüfung durchzusetzen, gibt es bei alten Menschen nicht. Nur bei Gefahr für Leib und Leben liegt ein sofortiger Handlungsbedarf vor, befreit Pflegedienste von der Schweigepflicht und ermöglicht polizeiliches Eingreifen. Das sollte sich ändern.

Was können Angehörige, Pflegende und Ärzte, aber auch ältere Patienten selbst tun, um sich zu schützen?

Lachs: Beim Umgang mit älteren Personen wachsam bleiben. Machen Sie sich mit den Anzeichen und Symptomen vertraut. Gehen Sie Partnerschaften mit Nichtregierungsorganisationen und anderen Institutionen in Ihrer Region ein, mit denen Sie gemeinsam Aufklärungsarbeit leisten und zusammenarbeiten können, um den Missbrauch von älteren Menschen zu verhindern.

Zank: In Institutionen: Gewalt nicht einfach hinnehmen! Stattdessen Ansprechen der Person, die sich falsch verhalten hat. Besprechung mit einer vertrauten Person wie der Bezugspflegekraft, Schicht- oder Heimleitung. Pflegende und Ärzte sollten durch Fortbildungen Sicherheit gewinnen in der Identifizierung von Misshandlung und Vernachlässigung. Zugleich sollten sie Interventionsmaßnahmen kennenlernen.

Angehörige und professionell Pflegende müssen auf Anzeichen von Überforderung, Erschöpfung, depressiven Symptomen bei sich achten und Hilfe annehmen. Das kann Beratung sein, die beispielsweise zur Nutzung von Entlastungsmöglichkeiten wie Tagespflege, Urlaub, freiwillige Helfer oder Selbsthilfegruppen führt. In Institutionen sollte es Supervisionsangebote geben. Bei längerfristigen Belastungs- beziehungsweise Überforderungssituationen kann auch eine Psychotherapie indiziert sein.


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