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Interview: Ausbildung zum Altenpfleger mit 56 Jahren

Was sich ein Altenpfleger von den Angehörigen wünscht, wie man als Mittfünfziger zu diesem Beruf kommt – und was der Hamburger Hafen damit zu tun hat. Ein Interview mit Altenpflege-Azubi Jörg Larisch

von Kai Klindt, 07.10.2020

Herr Larisch, wie kommt man mit 56 auf die Idee, eine Ausbildung in der Altenpflege zu beginnen?

Ich bin gelernter Koch und Kellner und war viele Jahre in der Gastronomie. Heute trifft man in Gaststätten ja eher junge Leute, aber als ich 1978 anfing, dominierte das ältere Publikum. Und das hat mir immer gut gefallen. Ich habe gerne mit älteren Gästen zu tun gehabt, erstens, weil man in den Gesprächen viel von ihnen lernt, und zweitens, weil sie kleine Höflichkeiten so zu schätzen wissen. So etwas wie der Dame in den Mantel helfen, das finde ich ganz toll.

So gesehen hätten Sie Ihre Entscheidung für die Altenpflege auch schon früher treffen können.

Ja, das sage ich mir ganz oft. Ich hätte das viel früher machen sollen.

Interviewpartner

Der Sprung von der Gastronomie in die Altenpflege erscheint trotzdem recht groß. Wie kam es dazu?

Während meiner Tätigkeit als Kellner habe ich in einem Restaurant im Hamburger Hafen gearbeitet, das stark von älteren Leuten besucht wurde. Zu einer älteren Dame hatte ich einen ganz besonderen Draht, ich lernte auch ihren Sohn kennen, der als gesetzlicher Betreuer arbeitete. Er fragte mich irgendwann, ob ich ihn nicht als Mini-Jobber in seinem Büro unterstützen wolle. Da hatte ich natürlich viel mit älteren und kranken Menschen zu tun. Danach arbeitete ich zunächst als Betreuungskraft in der Tagespflege, ich wollte erstmal gucken, ob das was für mich ist. Und eines Tages fragte ich die Leitung: Können Sie sich vorstellen, dass ich die Ausbildung zum Altenpfleger mache?

Zur Person: Jörg Larisch (57) absolviert seit 2019 eine Ausbildung zum Altenpfleger bei der Hartwig-Hesse-Stiftung in Hamburg. Die Ausbildung dauert drei Jahre.

Und?

Sie sagte: Klar! Mich wundert, dass Sie erst jetzt kommen.

Sie haben sich mit der Altenpflege keinen leichten Beruf ausgesucht ...

Ich werde immer danach gefragt: Ist der Beruf der Pflege nicht so anstrengend? Ich empfinde das nicht so. Ich fand es schlimmer, bei 40 oder 45 Grad in der Küche zu stehen, überall Lärm um mich herum und ständig unter Zeitdruck zu sein. Ich finde, jeder Beruf ist auf seine Art schwer, und jeder Beruf, wo man mit Menschen zu tun hat, ist noch ein bisschen schwerer. Wir sollten alle in der Pflege lustig an die Sache herangehen.

Lustig?

Ja! Das ist es, was den älteren Menschen fehlt. Nicht immer so die Ernsthaftigkeit raushängen lassen. Mein Gegenüber muss das Gefühl haben, dass ich das gerne tue, was ich mache. Das kriegt er ja mit! Das geht nicht immer, aber doch zu 80 Prozent. Mit 57 bin ich vielleicht auch etwas abgeklärter. Wenn mich jemand von den Pflegekunden beschimpft, denke ich: Mein Gott, das kann ich jetzt auch einfach mal überhören. Dieses Beleidigt-Sein, das habe ich sowieso nicht so.

Wie gehen Sie mit schwierigen Pflegekunden um?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir haben eine Pflegekundin, die schimpft und schimpft. Ununterbrochen. Ich bleibe ganz freundlich, lächle sie an, sage: Wenn ich jetzt gehe, dann ist keiner für Sie da, dann sind Sie ganz alleine. Wer hilft Ihnen dann? Ich dreh das immer ins Positive um. Ich mache auch viel mit der Stimme, das habe ich aus der Gastronomie.

Wie geht das?

Stellen Sie sich mal lächelnd vor einen Spiegel und hören Sie Ihre Stimme. Die hört sich ganz anders an, als wenn sie eine normale Mimik haben, in der nichts Herzliches drin ist. Und Sie bekommen sofort ein Lächeln zurück! Das spiegelt sich auch in den Augen der Pflegekunden.

Was empfinden Sie als größte Herausforderung in Ihrem Berufsalltag?

Das sind oft die Angehörigen. Ich wünsche mir, dass sie sich auch mal in die Situation der Pflegekräfte versetzen und die Pflegebedürftigen nicht immer nur darin bestärken, zu meckern. Das ist manchmal wie eine Ohrfeige für die Pflegekräfte.

Ist es nicht verständlich, dass sich die Angehörigen als Anwälte der Pflegebedürftigen sehen?

Ja, klar. Jeder möchte, dass es den Eltern oder dem Partner gut geht. Aber es ist ein großer Unterschied, ob ich als Angehöriger oder als Pflegekraft zu einem älteren Menschen komme. Ich habe selbst eine pflegebedürftige Mutter. Wenn ein junger Mann kommt, um ihr bei der Intimpflege zu helfen, dann ist das unangenehm für sie. Aber ich sage ihr dann: Vielleicht ist das ja für den jungen Mann ja auch unangenehm? An diesem Verständnis für den anderen mangelt es oft.

Ob Personalnot oder Pflegeskandale: Stört es Sie, dass über Pflege oft negativ berichtet wird?

Am meisten ärgert mich, dass wir nicht einfühlsam sein sollen. Am Bild der Pflege in der Gesellschaft muss wirklich gearbeitet werden. Für mich ist dieser Beruf genau das Richtige. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich zur Arbeit gehen darf.

Wenn man sich wie Sie mit Mitte 50 für den Beruf entscheidet: Versteht man die Situation älterer Menschen besser, als man es mit 20 täte?

Ja. Die meisten Pflegekunden sind ungefähr im Alter meiner Eltern. Was die erlebt haben, etwa in den Kriegsjahren, haben die pflegebedürftigen Menschen auch erlebt. Da bin ich schon näher dran als die jungen Leute.

Dafür könnten die anderen Auszubildenden in der Klasse wahrscheinlich Ihre Kinder sein ...

Der Jüngste könnte sogar mein Enkel sein. Aber ich kenne da keine Berührungsängste. Mich auf unterschiedliche Leute einzustellen, daran war ich als Kellner gewöhnt.


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