Interview: Schweigen im Heim

Warum reden Heimbewohner so wenig? Viktoria Christov hat das in einem besonderen Forschungsprojekt herausgefunden

von Raphaela Birkelbach, 12.09.2018
Schweigen als Schutz

Frau Christov, Sie wollten wissen, warum Bewohner in Heimen so wenig miteinander sprechen. Wie haben Sie es herausgefunden?  

Ich bin für drei Wochen in ein Doppelzimmer einer Pflegeeinrichtung gezogen. Ich wollte mich besser in die Menschen einfühlen.  

Ist Ihr Plan aufgegangen?   

Anfangs war es schwer, nicht doch komplett in die Helferrolle zu wechseln. Mir halfen ein paar Tricks. Ich bin nach dem Essen am Tisch sitzen geblieben und habe mich im Weniger-Tun geübt, statt gleich aufzuspringen. Oder ich habe bewusst die Augen geschlossen und vor mich hin geträumt.

Sie fingen also an zu schweigen?

Ja, immer mehr. Wie tief ich in Gedanken war, merkte ich, wenn jemand mit viel Energie ins Zimmer kam. Es hat mich erschreckt. Woher kommt dieser Mensch? Was will er? Muss ich jetzt reagieren?    

Wie haben Sie dann reagiert?

Oft habe ich kurz die Augen geöffnet, gelächelt und genickt. Pflegekräfte haben es häufig eilig, stellen manchmal Fragen, auf die sie keine Antwort erwarten. Nicht selten sind sie schnell weg, ohne dass ein Wort fällt.

Sie hätten mit Ihren Mitbewohnern reden können.

Stellen Sie sich einen Tisch vor, an dem ein schwerhöriger Herr sitzt, eine demenzkranke Dame und ein Herr, der zuvor eine Chemotherapie hatte. Das Gespräch wird dadurch komplexer. Es entstehen schnell Missverständnisse, und das lässt einen im Gespräch dann vorsichtiger werden.  

Also Schweigen aus Schutz?

Oftmals ja. Gemeinschaft im Heim findet sich nicht automatisch. Räumliche Nähe garantiert keine wirkliche Nähe. Neben mir kann jemand sitzen, dem ich mich überlegen fühle, der mich verunsichert oder der mir unsympathisch ist. Keiner möchte einen Affront riskieren. Schweigen bietet die Möglichkeit, riskante Situationen zu umschiffen und äußerlich Harmonie zu schaffen.

Nach dem Motto: "Ich sage lieber nichts mehr" ...

Im Anschluss an meinen Auszug aus dem Heim interviewte ich einige Bewohner. Viele erzählten, sie hätten sich anfangs um Gespräche bemüht, seien aber oft enttäuscht worden. Als Folge haben sie resigniert und geschwiegen. Wieder andere reden bewusst nur mit bestimmten Leuten.

Wie lässt sich die Mauer des Schweigens durchbrechen?

Wenn Schweigen Schutz bedeutet, ist es sehr wichtig, sensibel vorzugehen. Wichtig ist, Bewohnern die Möglichkeit zu schaffen, gute Erfahrungen im Gespräch mit anderen zu machen. Etwa durch eine neue Sitzordnung oder regelmäßige Vorstellungsrunden.

Sie arbeiten nun selbst in einem Heim. Was tun Sie gegen die Stille?

Ich versuche die Kommunikation im Haus zu verbessern, etwa durch kleine Entspannungsrunden mit den Mitarbeitern. Bewohnern bieten wir philosophische Gesprächskreise oder Werkeln im Garten. Hände in kühle Blumenerde zu tauchen und über die Anordnung der Tulpenzwiebeln zu beraten bietet meist von selbst eine gute Grundlage für schöne Gespräche.  

  • Viktoria Christov hat Ethnologie studiert und ein Buch über ihre Erlebnisse in einem Heim geschrieben

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