Tischregeln für pflegende Angehörige

Bei der Unterstützung von Pflegebedürftigen ist oft Geduld gefragt – vor allem beim Essen. Ein Ratgeber für Angehörige
von Raphaela Birkelbach, aktualisiert am 14.09.2015

Gemeinsames Frühstück: Essenszeit ist auch im hohen Alter noch Genusszeit

istock/Alina Solovyova Vincent

1. Angenehme Atmosphäre schaffen

Lädt das Umfeld zum Wohlfühlen ein? "Der Pflegende sollte sich vorstellen, wie er selbst gerne speisen würde", schlägt Amelie Jansen vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) vor. Ein Nachtstuhl neben dem Suppentablett verdirbt bestimmt den Appetit. Auch Hektik schlägt auf den Magen. Also nicht die Bügelwäsche zwischen Schnitzel und Dessert erledigen. "Fragen Sie vor dem Essen, wie es dem anderen geht", rät Jansen. Plagen ihn Schmerzen? Oder drückt die Blase? Und falls der Pflegebedürftige eine Zahnprothese trägt: Hat er sie im Mund? 

2. Zum Essen aufstehen

Ermutigen Sie den Umsorgten, zum Essen aufzustehen, vielleicht muss ihm dabei jemand unter die Arme greifen. "Ein gemeinsames Mahl bietet eine gute Gelegenheit, seine Kräfte zu mobilisieren", betont die Logopädin Andrea Daubenberger vom Klinikum Esslingen. Damit der Bissen nicht buchstäblich im Hals stecken bleibt, sollte der Betreffende aufrecht sitzen – mit geradem Rücken und aufgestellten Füßen. Wer im Bett speisen muss, braucht Unterstützung, um nicht in eine Schräglage zu geraten. "Stellen Sie das Kopfende hoch, das Gewicht des Bettlägerigen sollte auf dem Becken liegen", rät die Logopädin.   

3. Trinken: Aus der Lieblingstasse

Als Anti-Klecker-Hilfe ist der Schnabelbecher beliebt. "Viele Kranke kommen damit aber schlecht zurecht", weiß die Expertin vom DBfK. "Wer Kaffee saugt statt trinkt, braucht viel Kraft und kann die Temperatur der Flüssigkeit schlecht kontrollieren." Außerdem muss der Trinkende seinen Kopf weit in den Nacken legen. Das erhöht das Risiko, sich zu verschlucken. Reichen Sie lieber die Lieblingstasse mit dem griffigen Henkel. Aber nicht zu voll, falls jemand stark zittert. Bieten Sie das Getränk nicht zum Nachspülen der Speisen an. Und wer wissen will, ob der Kaffee wohltemperiert ist: "Halten Sie das Gefäß kurz an Ihren Unterarm", rät Amelie Jansen.

4. Tisch decken: Sicheres Besteck

Ihr Angehöriger sollte das Gefühl haben, von seinem Teller zu speisen. Stellen Sie diesen in seine Nähe. Und: Platzieren Sie niedriges Geschirr vorn und sperrige Utensilien hinten. Mitunter empfiehlt sich spezielles Gedeck (Fachhandel). Besteck mit verdickten Griffen liegt besser in der Hand. Weniger Fingerfertige tun sich bei Tellern mit rutschfester Gummiunterlage leichter. Bei Schluckstörungen hilft manchmal ein Spezialbecher mit einer Aussparung für die Nase.

5. Auf Augenhöhe behandeln

Behandeln Sie Ihren Mitbewohner nicht von oben herab: Setzen Sie sich ihm auf Augenhöhe gegenüber. Bieten Sie das Essen von vorn an, und führen Sie Löffel oder Gabel von unten zum Mund. In welchem Tempo Sie das tun, bestimmt der Kranke. Warten Sie ab, bis er geschluckt hat, bevor Sie den nächsten Bissen anbieten. Ihr Gegenüber sollte nicht mit vollem Mund sprechen. Und: Der Pflegebedürftige muss die Speisen sehen. Zerkleinern Sie diese nur wenn notwendig, "und dann nur vor den Augen des Kranken", betont Amelie Jansen. Verzichten Sie auf einen Latz, bieten Sie stattdessen eine Serviette an. Damit können Sie Speisereste vom Mund abwischen – tun Sie das nicht wie bei einem Kleinkind mit dem Löffel. Der andere ist erwachsen. "Babysprache sollte tabu sein", mahnt Logopädin Daubenberger.   

6. Die Hand beim Essen führen

Nehmen Sie Ihrem hilfebedürftigen Familienmitglied nicht alles aus der Hand. Machen Sie es, falls möglich, lieber umgekehrt: Legen Sie das Messer behutsam in seine Hand, führen Sie sie gemeinsam zum Margarinetopf und schmieren dann die Scheibe Brot. "Gerade Schlaganfallkranke, die einen gelähmten Arm nicht bewegen können, profitieren von solchen Hilfestellungen", weiß Amelie Jansen. Je nach Schweregrad der Krankheit verarbeitet das Gehirn die Reize, auf Dauer erlernt der Kranken bestimmte Handgriffe vielleicht wieder. 

7. Fingerfood bei Demenz

Lassen Sie Demenzkranken ihre Würde. Pochen Sie nicht auf gute Tischmanieren. "Alzheimerpatienten verstehen das häufig nicht mehr", erklärt die Logopädin Andrea Daubenberger. Viele verlernen, mit Messer und Gabel zu speisen. Tischen Sie dann Fingerfood auf. Schnitzel, mundgerecht serviert, macht Hunger auf mehr. Gut so. Viele Demenzkranke sind auch wegen ihres Bewegungsdrangs mangelernährt. Umgekehrt: Ihre Gesellschaft regt den Appetit an: "An vertrauten Abläufen bei Mahlzeiten können sie sich orientieren", sagt Daubenberger.

8. Verschluckt? Ruhe bewahren

Ihr Angehöriger verschluckt sich leicht? Bieten Sie ihm nur Speisen an, die er leicht schlucken kann, eine logopädische Beratung ist sinnvoll. Sie können Speisen und Getränke leicht andicken. Reichen Sie das Essen in kleinen Portionen und verrühren Sie Pillen mit Joghurt (nicht alle Medikamente, Apotheker fragen!). Zur Sicherheit sollte der Tischpartner nachschlucken. Doch was, wenn ein Stück Brot in die Luftröhre rutscht? "Ruhe bewahren", rät Therapeutin Daubenberger. Ihr Angehöriger sollte aufrecht sitzen. Manchmal hilft ein Schluck zu trinken. Tritt Luftnot auf, rufen Sie den Notarzt. Klopfen Sie dem Patienten in der Zwischenzeit mit der flachen Hand kräftig zwischen die Schulterblätter. Dabei sollte sich Ihr Angehöriger leicht nach vorne beugen.      


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