Wann macht ein Umzug ins Heim Sinn?

Warum ein Heim manchmal eine gute, vielleicht sogar die beste Lösung sein kann – für alle in der Familie

von Kai Klindt, 05.02.2018

Gutes Personal: Wichtiges Kriterium bei der Seniorenheim-Auswahl


Umzug ins Heim? Bloß nicht! Eine stationäre Pflegeeinrichtung scheuen die Bundesbürger wie der Teufel das Weihwasser. Mehr als 90 Prozent der ab 60-Jährigen in der Republik möchten im Pflegefall unbedingt daheim wohnen bleiben, belegt eine Umfrage des Senioren Ratgebers aus dem Frühjahr 2017. Umgekehrt wollen vier von fünf Älteren einen kranken Angehörigen erst einmal selbst zu Hause pflegen.

Pflegeheim: Schlechter Ruf schreckt ab

"Personalnot","Hygienemängel", "Pflegeskandal": Heime haben eine üble Presse. "Die Kritik an manchen Einrichtungen ist bestimmt berechtigt", räumt Bianca Trebbin ein, Beraterin beim Pflegestützpunkt des Kreises Pinneberg. Doch die negativen Schlagzeilen würden den Blick darauf verstellen, dass ein Heim in vielen Fällen eine gute Alternative sein kann. "Es stimmt einfach nicht, dass häusliche Versorgung immer besser ist als stationäre Pflege."

Ein Heim nicht als Notlösung, sondern als erste Wahl: Das kann etwa der Fall sein, wenn der betroffene Senior allein lebt und ambulante Hilfen wie Pflegedienst oder Essen auf Rädern nicht reichen. "Bei hohem Pflegebedarf also", meint Gabriele Freitag vom Pflegestützpunkt Ludwigshafen. Typische Beispiele: körperliche Handicaps nach einem Schlaganfall oder Bettlägerigkeit. Demenzkranke Menschen wiederum brauchen vor allem Obhut und einen verlässlichen Tagesrhythmus. "Da hilft es wenig, wenn zwei Mal am Tag ein Pflegedienst vorbeischaut", weiß Expertin Trebbin. Nicht selten vereinsamen pflegebedürftige Ältere in ihrer Wohnung – auch das sollte für die Familie Anlass sein, ein Heim zu erwägen.

Rechtzeitig darüber reden

Den Jungen in der Familie lässt der Spagat zwischen Beruf und Kindern häufig keinen Raum für die Pflege von Eltern oder Großeltern. Pflegende Angehörige sind daher meist selbst schon in vorgerücktem Alter und nicht mehr so richtig fit, weiß Dr. Hermann Brandenburg, Professor für Gerontologische Pflege an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. Sie übernehmen die Aufgabe mit bestem Willen und viel Herzblut – und geraten doch an den Rand ihrer Kräfte. Oft kommt die Entscheidung fürs Heim (zu) spät.

Aber gibt es das überhaupt: den optimalen Zeitpunkt für den Umzug ins Heim? "Niemand in der Familie redet gern über Alter und Krankheit", sagt Brandenburg. Doch wenn die Eltern oder ein Elternteil den achtzigsten Geburtstag hinter sich haben, wenn sie vielleicht wiederholt ins Krankenhaus mussten, dann sollte man den Familienrat einberufen.

Heim-Check

Broschüren, Internetseiten, Beratungsstellen: Solche Informationen sind wichtig bei der Entscheidung für ein Heim. Doch nichts ersetzt einen Ortstermin. Darauf sollten Sie achten:

1. Der Umgangston

Wie redet das Personal mit Ihnen, mit den Bewohnern – und auch untereinander? Das merken Sie oft schon beim ersten Anruf.

2. Die Atmosphäre

Hell und freundlich? Prima, aber wichtiger als das Bauliche sind für Ihren Angehörigen diese Fragen: Wie riecht es im Heim? Welchen Eindruck machen die Bewohner auf Sie: Sitzen sie wie abgestellt auf dem Flur, oder erfahren sie Ansprache und Anregung? Sind sie liebevoll gekleidet? Am besten setzen Sie sich für eine halbe Stunde ins Foyer oder in die Cafeteria und beobachten die Szenerie. Die Heimleitung beäugt Ihren Besuch kritisch? Ein schlechtes Zeichen. Gute Heime suchen den Kontakt nach außen und zur Nachbarschaft.

3. Das Personal

Ständiger Wechsel ist für Ihren Angehörigen ungünstig. Fragen Sie nach: Wie hoch ist der Anteil der Zeitarbeitskräfte in der Pflege? Gibt es eine feste Leitung für die Wohnbereiche? Wie viele Pfleger kümmern sich nachts um die Bewohner?

4. Das Angebot

Ausflüge, Skatrunde, Theaterabend, Gymnastikgruppe: Solche Beschäftigungen können für Ihren Angehörigen ein wichtiges Stück Lebensqualität sein.

5. Das Essen

Wird das Essen frisch im Haus gekocht oder angeliefert? Wie groß ist die Auswahl? Gibt es fixe Portionen oder ein Schöpfsystem – Nachschlag inklusive? Werden die Bewohner beim Kochen eingebunden?

6. Die Betreuung

Falls Ihr Angehöriger an Demenz erkrankt ist: Erkundigen Sie sich, ob die Pflege darauf abgestimmt ist. Gut ist es, wenn das Heim gerontopsychiatrische Wohnbereiche hat. Fragen Sie nach der medizinischen Versorgung: Gibt es Facharzttermine? Ist Physio- und Ergotherapie möglich?

Finanzielle Hilfe beantragen

Erfahrungsgemäß spielt das Geld dabei eine große Rolle. "Es ist auch die Angst vor finanziellen Belastungen, die die Leute vom Heim abhält", bedauert Daniela Hubloher, Patientenberaterin bei der Verbraucherzentrale Hessen. "Oft in völliger Unkenntnis der tatsächlichen Regelungen." Selbst wenn die Leistungen der Pflegekasse und die Mittel des Pflegebedürftigen die Kosten nicht decken, bleiben die erwachsenen Kinder häufig verschont. "Raten fürs Haus, Beiträge zur Lebensversicherung, Unterhalt für eigene Kinder: Man kann da eine ganze Menge geltend machen", weiß Hubloher.

Überwiegend sind es die Angehörigen, die den Anstoß geben, über ein Heim nachzudenken. Bei den Betroffenen stößt der Vorschlag oft auf wenig Gegenliebe. "Vielfach steht ein altes Versprechen im Raum, den Partner nie ins Heim zu geben", berichtet Manuela Koppmeier, Leiterin einer Pflegeeinrichtung in Hof. Und nun also doch!

Wie lässt sich die Situation klären? Für die Bitten und Sorgen des pflegenden Angehörigen sind gerade demenzkranke Menschen kaum empfänglich. Pflegeexpertin Bianca Trebbin rät, einen weiteren Angehörigen oder einen guten Freund hinzuzuziehen, der in Ruhe das Gespräch mit dem Kranken sucht.

Pluspunkte fürs Heim

Trotzdem plagen sich viele auch nach dem Umzug ihres Schützlings mit Gewissensbissen. Franziska Perek kümmert sich bei einem städtischen Heimträger in München um die Pflegeüberleitung – die Eingewöhnung neuer Bewohner. Gern führt die Krankenschwester den Angehörigen vor Augen, dass es der Neuankömmling im Heim nicht nur genauso gut hat wie zu Hause, sondern besser.

Tatsächlich ist stationär manches möglich, was zu Hause selbst die auf­­opferungsvollste Fürsorge nicht vermag. So haben Senioren, die daheim gepflegt werden, mitunter seit Jahren keinen Zahn- oder Augenarzt gesehen. Gute Heime sorgen dafür, dass die Spezialisten ins Haus kommen. Die Organisation der Arzneitherapie stellt Betroffene und pflegende Angehörige häufig vor Probleme. In Pflegeeinrichtungen übernehmen Fachkräfte die Aufgabe und achten dabei auch auf Nebenwirkungen – unterstützt von Apothekern, die das Personal schulen.

Wieder in Gesellschaft essen

Ein Qualitätsmerkmal von Heimen ist auch ein Beschäftigungsangebot, das auf den Bewohner zugeschnitten ist. Man hat eine Schwäche für Tiere? Dann können die Pfleger womöglich den Besuch eines ehrenamtlichen Helfers mit vierbeiniger Begleitung vermitteln. Manchmal entdecken Senioren im Heim ganz neue Seiten an sich, erzählt Franziska Perek. Jüngst habe sich eine demenzkranke Bewohnerin fürs Malen begeistern lassen. Mittlerweile ziert eine lange Reihe von Blumenaquarellen ihr Zimmer.

Dass gehandicapte Senioren wieder mehr am Leben teilhaben, ist oft das stärkste Argument für ein Heim: in Gesellschaft essen können, ohne Barrieren auf die Terrasse gelangen, vielleicht sogar einen neuen Freund oder Partner gewinnen.

Vorher gut informieren

Ein geeignetes Heim für einen nahen Menschen zu finden verlangt Geduld und Spucke. "Man sollte nicht das erstbeste nehmen, das gerade einen Platz frei hat", mahnt Pflegeberaterin Bianca Trebbin. Nach Möglichkeit mehrere Einrichtungen auskundschaften – und auf jeden Fall auch besichtigen. Besonders in Großstädten führen manche Heime Wartelisten. Die Zeit drängt? "Rufen Sie immer wieder an, und nerven Sie ruhig ein bisschen", ermuntert Gabriele Freitag.

Die ersten zwei Wochen im Heim gelten als Probewohnen. In dieser Zeit kann man von einem Tag auf den anderen kündigen. Läuft alles gut, kann der Wechsel ein neues Leben bedeuten – für die ganze Familie. Freitag: "Weil die tägliche Sorge und Pflege wegfällt, entspannt sich oft das Verhältnis zwischen Betroffenem und Angehörigen."

Pflegebedarf? Nutzen Sie Ihr Recht auf Beratung. Adressen von Pflegestützpunkten finden Sie  im Netz unter zqp.de

Fragen zu Leistungen der Pflegekasse? Das "Bürgertelefon Pflegeversicherung" hilft weiter: 030/3 40 60 66-02

Heime in der Nähe gesucht? Erste Informationen gibt es unter pflege­­-navigator.de


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