Autofahr-Knigge: Von Beifahrern und Rasern

Eine Fahrt im Auto kann schnell zur Herausforderung für die Beziehung werden. Was Psychologen in sechs typischen Situationen raten

von Elke Schurr, 02.01.2018
Stress im Cockpit

Streit im Cockpit: Gefährdet nicht nur die Beziehung


1. Plaudertasche auf dem Beifahrersitz

Wenn Beifahrer nur darauf warten, im geschützten Raum eines Autos einen Streit vom Zaun zu brechen oder den Fahrer in endlose Diskussionen zu verwickeln, ist die Konzentration auf Straße und Verkehr nebensächlich. Fahrsituationen wie in der Stadt sind dann nicht mehr zu meistern. Ähnlich aufmerksamkeitsraubend sind sehr laute Musik, Krimihörspiele oder Fotos, die der Beifahrer auf seinem Handy zeigen will. 

Tipp vom Psychologen: Stiften Sie Ihren Fahrer nicht zur "gedanklichen Zweittätigkeit" an. Sie sollten ihn einfach nur fahren lassen und durch nichts ablenken. Verschieben Sie die Lösung Ihrer Konflikte auf später. Das kann und sollte ein Fahrer auch so einfordern.

2. Superman am Steuer

80 bis 90 Prozent der Fahrer behaupten von sich, überdurchschnittlich gut zu fahren, eine weitverbreitete Selbs­­t­überschätzung. Glücklicherweise gibt es Beifahrer, denen es auffällt, wenn sich Fahrer kaum noch nach hinten drehen, weder den dunkel gekleideten Radfahrer noch das einbiegende Auto wahrnehmen.

Tipp vom Psychologen: Eine heikle Aufgabe, die jahrzehntelange Fahrpraxis des Menschen am Steuer zu hinterfragen. Schlagen Sie ihm vorsichtig einen Augenarztbesuch vor. Auch Rückmeldungen von neutralen Dritten können bei ihm für Einsicht sorgen. Wer als Fahrer selbst schon Zweifel hat: Inzwischen gibt es offizielle Fahrkompetenztests, etwa von Fahrschulen, mit Tipps zur Optimierung des Fahrverhaltens.

3. Oberschlauer Copilot

Der Beifahrer lässt keine Gelegenheit aus, den Fahrer wegen dessen Fahrstil grundlos zu kritisieren und ihn mit angeblich gut gemeinten Ratschlägen zu gängeln: "Fahr endlich zu! Grüner wird’s nicht! Ich würd’ jetzt schalten. Du hättest abbiegen müssen." 

Tipp vom Psychologen: Die Situation ist durchaus sicherheitsgefährdend, weil sich der Fahrer mit Recht aufregt: Immerhin wird seine Fahrtauglichkeit mit derartigen Aussagen permanent infrage gestellt. Dahinter steht ein generelles "Du kannst das nicht. Du gefährdest uns." Das geht nicht! Besser, Sie trauen dem Fahrer das Fahren einfach zu. Er hat in der Regel eine ähnlich lange Fahrhistorie, fährt eben nur anders.

4. Der Rennfahrer bremst ungern

Seinen Fahrstil nennt er selbst "sportlich": Geschwindigkeitsbeschränkungen gelten bloß für Schnecken, gebremst wird nur, wenn es nicht anders geht.

Tipp vom Psychologen: Schwierig! Denn was für den einen zu schnell, ist für den anderen nicht schnell genug. Loten Sie beide in Ruhe – am besten nach der Fahrt – Ihre jeweiligen Grenzen aus, und hören Sie sich gegenseitig Ihre Argumente an. Wer allerdings als Beifahrer Blut und Wasser schwitzt, sollte das – als Ich-Botschaft verpackt – auch sagen: "Ich fühl mich nicht wohl, wenn ..."

5. Hasenfuß fährt mit 

Jede Auffahrt, jede Kreuzung, jedes Überholmanöver veranlasst den überängstlichen Beifahrer, sich krampfhaft gegen das Armaturenbrett oder in das Bodenblech zu stemmen, den Türgriff zu umklammern oder aufzuschreien.

Tipp vom Psychologen: Sie sollten die Kompetenz des Fahrers nicht generell und bei jeder Gelegenheit mit Ihrem verschreckten Verhalten an­zweifeln. Vertrauen Sie ihm! Ein aufmerksamer, idealer Fahrer wiederum erkennt, wann es seinem Beifahrer wirklich schlecht geht, korrigiert bei Bedarf sein Fahrverhalten oder klärt ein mögliches Vertrauensproblem nach der Fahrt.

Fachliche Beratung: Professor Bernhard Schlag, Verkehrspsychologe, Dresden


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