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"Disziplin macht das Leben leichter"

Warum wird es im Alter Zeit für Unvernunft, Mary Roos? Die Schlagersängerin im Gespräch mit dem Senioren Ratgeber.

von von Thomas Röbke, 25.04.2019
Mary Roos

Wie haben Sie Ihrem 70. Geburtstag entgegengesehen?

Gelassen. Die Zahl steht da nun mal. Ich will alt werden, und dafür muss ich auch älter werden – so humorvoll, wie es nur geht. Ich finde es wunderbar, sich nicht zu verstecken und das Leben mit allen seinen Herausforderungen anzunehmen. Das scheint sich zu übertragen – was mich froh und stolz macht. Nach Konzerten höre ich oft von wesentlich jüngeren Frauen: "Dank Ihrer Freude und Vitalität gehe ich mit einem lachenden Auge nach Hause." Wenn ich da an meine Mutter früher denke – die war mit 50 schon alt.

Trotz aller Vitalität: Verlieren Sie manchmal einen Gedanken an altersgerechtes Wohnen?

Ja. Ich finde den Gedanken an eine Alters-WG ganz reizvoll. Oder noch besser: Jung und Alt gemischt. Ich möchte möglichst lange selbstbestimmt leben.

Der entscheidende Punkt ist ja: Wann geht man es an?

Wann man das macht, weiß ich auch nicht. Aber ich glaube, dass ich mich schon ganz gut einschätzen kann und das dann merke.

Bei unserem letzten Interview vor sieben Jahren betonten Sie, wie wichtig Disziplin sei. Jetzt gehen Sie auf die "Abenteuer Unvernunft"-Tournee. Ein Widerspruch?

Nein, das ergänzt sich. Disziplin macht das Leben leichter. Es ist sicherlich mutig und vermessen, mit 70 Jahren auf Tour zu gehen. Und das geht nur mit Disziplin. Ich hatte nur drei Tage Zeit zu proben, und nichts klappte. Mir war klar: Entweder gehst du mit Pauken und Trompeten unter, oder du musst jetzt mal eine Nachtschicht einlegen, bis die Texte sitzen. Ich könnte auch das ganze Jahr über faulenzen, aber wenn ich etwas mache, habe ich die Disziplin, das auch gut zu machen. Es wurde dann ein fantastischer Premierenabend.

Mary Roos

Sind Sie schnell auf den Titel der Tournee gekommen?  

Ja, denn ich bin immer aus Klischees ausgebrochen. Neulich fragte mich jemand: "Sie sind doch alt, warum tragen Sie so einen kurzen Rock?" Meine Antwort war: "Den trage ich mit Stolz." Ich bin mit Eltern groß ­geworden, die sich immer sorgten: Was denken bloß die Nachbarn? Das hat mich nie interessiert.

Das Klischee-Brechen dürften Sie mit Ihrem Bühnenprogramm "Nutten, Koks und frische Erdbeeren" perfektioniert haben …

Es ist so böse und so genial – und es zeigt, dass man auch über sich lachen sollte. Man kann dann mit seinen Macken wunderbar umgehen. In dem Kabarettisten Wolfgang Trepper habe ich einen wunderbaren Bühnenpartner gefunden, der genüsslich den deutschen Schlager auseinander­nimmt. Wir haben nie geprobt, und am Premierenabend sagte er Dinge, dass meine Band und ich beinahe gegangen wären.

Zur Person: Mary Roos

  • geboren am 9. Januar 1949 als Rosemarie Schwab in Bingen am Rhein
  • Erste Schallplatte mit neun Jahren. Seitdem eine der erfolgreichsten Schlager­sängerinnen
  • Frauenpower: 1963 kam ihr erstes Album heraus. Es folgten 29 weitere mit über 500 Songs – von "Money Boy" bis "Alles, was ich will, bist du". Auch mit 70 rockt Mary Roos die Bühne
  • Noch bis Juni tourt sie mit ihrem ersten Solo-Programm durch Deutschland
  • Privat: Sohn Julian stammt aus zweiter Ehe (1982 – 89) mit Werner Böhm alias Gottlieb Wendehals. Roos wohnt in Hamburg

Warum nur beinahe?

Weil ich mir sagte: Lass dich drauf ein! Man muss sich auf das Leben einlassen. Und es wurde großartig!

"Helene Fischer der Bronzezeit": Treppers Bezeichnung für Sie war auch nicht abgesprochen?

Überhaupt nicht. Und das ist noch nett. Das steigert sich ja noch ...

Am Anfang Ihrer Karriere haben Ihnen sicher viele gesagt, was Sie zu singen, anzuziehen haben …

Genauso war das. Die wollten meine Nase ändern, meine Zähne, die wollten, dass ich so Chanel-Kostüme anziehe. Ich habe mich immer sehr effektiv gewehrt und mir dieses Kindlich-Spontane bewahrt. Ich wollte niemand anders sein als ich bin, und wenn die Leute mich langweilig ­gefunden hätten, wäre das eben so gewesen. Alles vergeht irgendwann, aber vielleicht bleibt etwas, wenn man sich nicht verstellt.

Haben Sie sich mit jedem Lebensjahr freier gefühlt?

Es klingt blöd, aber in meinem Fall war das so. Auch Neinsagen muss man erst lernen, wenn alle sagen: Du bist viel zu jung, um zu begreifen, worum es geht.

Hatte die junge Mary auch einen guten Ratgeber?

Caterina Valente war für mich eine Art Mentor. Sie hat sich immer für mich interessiert und eingesetzt. Einmal holte sie mich in ihre Garderobe: "Mir ist aufgefallen, du willst gleich nach dem Lied wieder weg. Nein! Wichtig ist, wie du dich verbeugst und dass du das lange genug aushältst. Sonst hören die Leute auf zu klatschen." Diese Frau hat mein Leben sehr positiv bestimmt. Wir schreiben uns heute noch.

Als Ihre Karriere begann, waren Sie neun Jahre alt. Vermissen Sie ein Stück Kindheit?  

Nein, ich bin da völlig unbeschadet rausgekommen. Auch dank meiner Familie, die immer für mich da war. Und ich musste mich immer um meine drei jüngeren Geschwister kümmern, das erdet. Im Übrigen wusste ich schon mit vier Jahren, dass ich "Theaterin" werde.

Viele Selbstständige haben Existenzängste. Sie auch?

Die hatte ich nie. Ich wusste immer: Egal was passiert, ich komme schon klar. Dieses Vertrauen hat mir mein Elternhaus mitgegeben. Der Lieblingssatz meiner Mutter war: Das wird schon! Und der zweite, wann immer etwas nicht geklappt hatte: Wer weiß, wozu es gut ist.

Machen Sie alles mit sich selbst aus, oder haben Sie einen Coach?

Nein, habe ich nicht. Das Leben lehrt einen, nicht nach jedem Tiefschlag den Kopf unten zu lassen, sondern sich zu sagen: Diese Erfahrung habe ich gemacht, aber jetzt will ich auch wieder etwas Schönes erleben. Man darf sich einem Schmerz, einer Trauer nicht zu sehr hingeben. Man soll seine Gefühle ausleben, weinen, schreien. Aber nach einer gewissen Zeit auch erkennen: Ich kann es nicht ändern, also muss ich es annehmen. Ich gehe in den Wald und schreie ganz laut. Dann habe ich wieder Platz, und etwas Neues kann kommen.

Sie stehen manchmal nachts auf und machen sich Reibekuchen.

(lacht) Ja, ich bin eben ein Genussmensch. Das ist doch der wahre Luxus, sich auch mitten in der Nacht etwas kochen zu können. Danach liege ich im Bett und freue mich in den Schlaf. Und es stört mich nicht, dass der Kartoffelpuffergeruch ins Schlafzimmer hochgezogen ist.

Ob Sie damit in einer Alters-WG auf Verständnis stoßen werden?

Ein Einzelzimmer und eine eigene Küche wären sicherlich von Vorteil.


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