"Ehrlichkeit ist sehr wichtig"

Im Interview verrät Schauspielerin Hannelore Hoger, wie die Kindheit im Krieg sie geprägt hat – und warum auch ohne ihr TV-Alias Bella Block keine Langeweile bei ihr aufkommt
von Thomas Röbke, 01.09.2017

TV-Kommissarin, Theaterschauspielerin, Regisseurin: Hannelore Hoger

dpa Picture-Alliance / Uwe Anspach

"Ich schaue mir lieber Tiere als Menschen an", haben Sie mal gesagt. Überraschend für eine Schauspielerin.

Hannelore Hoger: In dieser Kürze stimmt das so nicht. Ich schaue mir durchaus gerne Menschen an. Aber mich fasziniert es sehr, wenn Tiere so einen klugen, weisen, vielschichtigen Gesichtsausdruck haben. Als ob sie darin die Weltgeschichte tragen – die Menschen sind ja erst viel später dazugekommen.

"Ich gelte als zickig, zumindest nicht unschwierig", schreiben Sie in Ihrem gerade erschienenen Buch. Woher kommt dieser Ruf?

Dafür reicht es manchmal schon, eine eigene Meinung zu haben. Begabt und intelligent ist auch nicht so günstig. Dafür musste ich mir Sätze anhören wie: "Sei nicht so männlich, Hannelore!" Ich kann sehr direkt sein, das ist gut für meinen Beruf, aber auch verletzend. Das ist nicht meine Absicht, ich bin ja auch ein empfindsamer Mensch. Und zu Diplomatie fähig, sonst käme ich nicht weit. Man muss nicht immer prompt die Wahrheit sagen.

Sie fanden es immer eitel, Memoiren zu schreiben – warum haben Sie es jetzt doch gemacht?

Ich finde es immer noch eitel. Aber ich schreibe auch nicht meine Biografie, sondern Mitteilungen aus meinem Leben ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit. Die ersten Texte habe ich meinem alten Freund Alexander Kluge gezeigt, und der meinte: "Mach das weiter!" Schließlich habe ich mich direkt beim Verlag gemeldet, und der hat gesagt: "Das machen wir!" 

Hat das Schreiben in Ihnen etwas ausgelöst? 

Es war großartig, ich habe das gerne gemacht. Es heißt ja: Beim Schreiben kommen die Gedanken. Und das ist wirklich so. Schreiben macht Spaß. Ich habe immer schon ein bisschen geschrieben, aber die Zeit fehlte mir. Ich kann das jedem nur raten, schon weil es hilft, den Kopf zu sortieren.

Ihre Tochter Nina ist ebenfalls Schauspielerin. Haben Sie ihr zu- oder abgeraten?

Natürlich habe ich ihr nie gesagt, dass sie das lassen solle. Sie hat mich ja von Anfang an am Theater mit­erlebt und gemerkt, dass das mehr ist als ein Job. Sie hatte den nötigen Respekt vor dem Beruf. Ich habe ihr geraten, eine Schauspielschule zu besuchen. Ich wollte sie als Regieassistentin, aber Nina wollte partout keinerlei Protektion.

Nach 24 Jahren haben Sie jetzt die letzten beiden "Bella Block"-Krimis abgedreht. Wie fühlt sich dieser Abschluss an?

Ich spüre eine große Erleichterung. Fünf Tage hintereinander zwölf Stunden arbeiten, das will und kann ich nicht mehr. 

Langeweile kommt nicht auf – Sie machen viele Lesungen, sind eine gefragte Hörbuchsprecherin …

Ja, ich komme gar nicht hinterher. Ich möchte diesen Druck nicht mehr haben, ständig liefern zu müssen. Ich will auch mal ins Theater gehen, wenn mir danach ist, oder mal spontan nach Berlin oder Paris reisen. Das konnte ich nie.

Haben Sie sich auch längere Reisen vorgenommen? 

Nach Australien würde ich gerne einmal oder in die Südsee. Aber ich habe eine Furcht vor langen Flugreisen, mit Schiffsreisen habe ich es auch nicht so. Vielleicht fliege ich mal nach Island. Ich habe keinen Plan, den ich abarbeite. Mein einziges Vorhaben ist, mich auszuruhen, wenn ich angestrengt bin.

Beschäftigt Sie das Älterwerden?

Das kann ich nicht verdrängen, ich merke es ja täglich: Ich kann nicht mehr so, wie ich möchte. Mein Bein tut weh, die Hüfte, das ist das Hauptproblem. Sonst fühle ich mich gut. Früher musste ich für mich und mein Kind Geld verdienen, alles alleine machen, das war sehr anstrengend. Davon erhole ich mich jetzt.

Als junge Schauspielerin haben Sie sich regelrecht freigeschrien von Ihren Mandelentzündungen.

Ich hatte früher oft schwere Mandelentzündungen. Bei den Entspannungsübungen am Theater merkte ich, wie sich alles löste und rausgeschrien werden musste. Darum ist Singen ja auch so befreiend, weil sich da alles öffnet. Später fiel mir auf, dass ich nie wieder Mandelentzündungen hatte.

Sie haben noch die letzten Kriegsjahre miterlebt. Inwiefern hat Sie diese Zeit geprägt?

Mein Vater war eingezogen worden, aber ich hatte meine Mutter und meine Geschwister. Wir sind bei Fliegeralarm in den Bunker gerannt, und Sirenentöne treffen mich heute noch ins Mark. Aber mein Trauma war weniger der Krieg als vielmehr die Blutvergiftung, mit der ich als Einjährige monatelang im Krankenhaus lag. Die Ärzte hatten mich aufgegeben, ich war schon auf dem Weg ins Sterbezimmer. Da hat meine Mutter mich nach Hause geholt und gesund gepflegt. Durch die lange Trennung als Baby von meiner Mutter war etwas in mir verschüttet. Das habe ich  gemerkt und eine Therapie gemacht, da war ich schon über 40. Die hat mir sehr geholfen. Die meisten Menschen haben ja Angst davor, aber ich kann nur jedem empfehlen, so etwas zu machen. Das ist richtig interessant, wie eine Kriminalgeschichte, die sich Schicht um Schicht aufblättert.

Es heißt ja, dass man sein inneres Kind kennenlernen muss, um zu wissen, wer man ist ...

Sie sind, was Sie sind, das können Sie nicht ändern. Aber Sie können es sich erleichtern. Auch wenn es schwerfällt, offen zu reden: Ehrlichkeit ist sehr wichtig. Wer sich wirklich mag, kann sich alles sagen. Wir brauchen andere Menschen, wir brauchen das Gegenüber, damit es uns spiegelt. Wir erkennen uns sonst doch gar nicht.

Wie gut kennen Sie sich heute?

Besser. Aber hundertprozentig kennt man sich wohl niemals.     

Hannelore Hoger mit Tochter Nina

Action Press GmbH & Co. KG/Christopher Adolph

Zur Person:

  • Hannelore Hoger wurde am 20. August 1942 in Hamburg geboren.
  • Spiel: Die Theater- und Filmschauspielerin wurde vor allem durch ihre Rolle als TV-Kommissarin Bella Block bekannt. Auch als Regisseurin am Theater machte sie sich einen Namen. Hoger spielte zudem in verschiedenen Kinofilmen mit, etwa in Helmut Dietls "Rossini". Jüngst hat sie ihre Erinnerungen veröffentlicht: "Ohne Liebe trauern die Sterne" (Rowohlt).
  • Mutter: Ihre Tochter Nina Hoger (*1961) ist ebenfalls als Schauspielerin erfolgreich. Hannelore Hoger lebt in Hamburg.


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