Enkel-Erziehung: Einmischen erlaubt?

"Bei Oma darf ich das aber!" Großeltern und Eltern haben in Erziehungsfragen oft verschiedene Vorstellungen. Wie stark Ältere sich einbringen dürfen – und wo die Grenzen liegen
von Stephan Soutschek, 14.04.2016

Großeltern und Enkel: Ein einiges Team – wenn nur manchmal die Eltern nicht wären

Thinkstock/Digital Vision

Mama und Papa setzen beim Thema Süßigkeiten auf strenge Regeln. Oma und Opa dagegen drücken den Enkeln oft schon bei der Begrüßung den ersten Schokoriegel in die Hand. Ist das in Ordnung? Im Prinzip ja, sagt Wolfgang Hantel-Quitmann, Professor für Klinische und Familienpsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Solange das Ganze im Rahmen bleibt, kommen Kinder durchaus damit klar, dass bei Eltern und Großeltern verschiedene Regeln gelten.

Eine Voraussetzung gibt es aber, damit Oma und Opa die Enkel aus dem prall gefüllten Naschschrank verwöhnen dürfen: Die Eltern müssen damit einverstanden sein.

Professor Wolfgang Hantel-Quitmann ist Familienpsychologe in Hamburg

Uli Regenscheit

Eltern haben das letzte Wort

"Großeltern haben sich in Erziehungsfragen nach den Vorstellungen der Eltern zu richten", sagt Hantel-Quitmann. Wünschen die nicht, dass ihre Kinder von den Großeltern mit Süßigkeiten verwöhnt werden, haben letztere das zu akzeptieren. Das gilt auch bei anderen Streitthemen: Ist es für die Eltern kein Problem, wenn die Kinder mit Tablet und Smartphone hantieren, muss das die ältere Generation hinnehmen – auch wenn es ihren eigenen Vorstellungen widerspricht.

Den Großeltern fällt es bisweilen schwer, sich in Erziehungsfragen zurückzuhalten. Schließlich haben sie bereits bewiesen, dass sie Kinder erfolgreich aufziehen können. "Sie sollten akzeptieren, dass die eigenen Kinder erwachsen sind", rät Familientherapeut Hantel-Quitmann. Bei Meinungsverschiedenheiten fragen Großeltern am besten bei den Eltern nach: Warum macht ihr das so? Wer die Erziehungsgrundsätze der eigenen Kinder kennt, kann sie oft besser akzeptieren.

"Oft werden alte Rechnungen beglichen"

Nicht selten ist das Verhältnis zwischen Eltern und Großeltern das eigentliche Problem, wenn um die Enkel ein Konflikt ausbricht. "Oft werden dabei alte Rechnungen beglichen", sagt Hantel-Quitmann. Das jüngste Familienmitglied mit Süßigkeiten zu überhäufen und sich damit dessen Zuneigung zu sichern, ist möglicherweise ein unbewusstes Signal an den eigenen Nachwuchs: "Siehst du, wie gut ich mit Kindern kann? Wenn es in deiner Kindheit damals Probleme gab, lag es nicht an mir."

Die mittlerweile erwachsenen Kinder fürchten wiederum, nicht als gleichberechtigte Familienmitglieder anerkannt zu werden. Deswegen reagieren sie oft allergisch selbst auf wohl gemeinte Ratschläge der Vorgängergeneration. Eine Umfrage der Zeitschrift Baby und Familie von Januar 2016 ergab, dass eine Einmischung von Großeltern in Erziehungsfragen bei heutigen Eltern nicht gerne gesehen wird. Rund zwei Drittel reagiert nach eigenen Angaben sogar "besonders empfindlich" auf Kommentare von außen.

Eltern dürfen Fehler machen

Bei Streit um Erziehungsfragen lohnt es sich also immer nach den Gründen zu fragen, warum beide Seiten auf ihrem Standpunkt beharren. Sind diese geklärt, lassen sich die Konflikte oft in einem gemeinsamen Gespräch lösen.

Nichtsdestotrotz gilt: Die Eltern haben bei ihren Kindern das letzte Wort. Als Erwachsene haben sie das Recht, ihren Nachwuchs nach ihren Grundsätzen zu erziehen – und dabei Fehler zu machen. Denn wer kann schon von sich behaupten, seine Kinder absolut fehlerfrei großgezogen zu haben?


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