"Heute bin ich glücklicher"

Zwischen "Pension Stadelheim" und Königin Elizabeth: Abi Ofarim hat in seinem Leben viel erlebt. Im Interview verrät er, warum er mit über 70 Jahren ein "Jugendzentrum für Senioren" eröffnete
von Thomas Röbke, aktualisiert am 21.10.2016

Abi Ofarim: "Die Sonne ist in dir selber"

Sabine Brauer Photos/Dominik Beckmann

Dieses lange blonde Haar … Sie haben sich gut gehalten, Herr Ofarim!   

Danke. Wenn ich erzähle, dass ich nächstes Jahr 80 werde, wollen alle zum Beweis meinen Personalausweis sehen.

Wie halten Sie sich fit?

Ich esse alles – ohne über Kalorien nachzudenken. Aber ich habe aufgehört zu rauchen, ich trinke seit 35 Jahren keinen Alkohol mehr. Ich schwimme viel. Und ich denke positiv. Das klingt so blöd, aber es ist so: Was du wirklich willst, erreichst du auch! "Morgen wird es noch schöner", ist ein Lebensmotto von mir.  

"Die Sonne sehen, auch mitten in der Nacht", lautet ein anderes. Wie meinen Sie das?

Die Sonne ist immer da, auch wenn es dunkel ist. Es liegt an dir, ob du sie siehst. Die Sonne ist in dir selber. Keine Frau kann mir die Wärme geben, die mir die Sonne gibt. Sie ist ein Stück Gott. 

Beschäftigt Religion Sie heute mehr als früher?

Nein. Was mich beschäftigt, ist Gerechtigkeit. Ich bin ein sehr gläubiger Mensch, aber ich komme mit Religion nicht so zurecht. Jede Religion sagt: "Unsere ist besser als eure." Dafür werden Kriege geführt, müssen Menschen sterben. Ich kann mit Gott kommunizieren, beten, dafür brauche ich keinen Vermittler. 

Esther und Sie wurden in Ihrer Heimat Israel anfangs nicht im Radio gespielt, warum?

Das war wirklich verrückt. Dass wir in Europa und vor allem in Deutschland so einen großen Erfolg hatten, nahmen uns manche Radioleute übel. Ich kann das sogar verstehen, einige waren im KZ gewesen. Aber dann setzte sich die Einsicht durch, dass wir Israels beste Botschafter waren. Wir gaben Konzerte in Israel, und es kam zur Versöhnung.

Auf Welterfolge als Musiker folgte der tiefe Absturz. Wie haben Sie da wieder herausgefunden?

Wenn sie mich damals nicht wegen der Drogen verhaftet hätten, würde ich nicht mehr leben. Ich habe viele Jahre für andere Künstler geschrieben und sie produziert. Ich wollte für meine Kinder da sein. Erst meine Lebensgefährtin Kirsten hat mich vor zehn Jahren überzeugt, wieder auf die Bühne zu gehen. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, aber mir kommt so viel Sympathie entgegen, dass ich das nicht bereue.     

Hätten Sie im Rückblick manches anders gemacht?

Bei mir gibt es kein Negativ. Wenn du einsiehst, dass du einen Fehler gemacht hast, ist das schon wieder positiv. Wir lernen durch Fehler. Der Aufenthalt in der "Pension Stadelheim" gehört genauso zu meinem Leben wie der Empfang bei Königin Elizabeth – Punkt.

Trauern Sie den großen Hallen und den großen Shows nach?

Überhaupt nicht. Heute bin ich glücklicher als damals, als ich gar nicht mehr wusste, wer was mit meiner Kohle anstellte. Ich war frustriert und traurig und durfte es nicht sagen, weil es dem Sunnyboy-Image geschadet hätte. Früher hatte ich keine Ahnung, was ein Brot kostet. Ich lebte in den Wolken, heute lebe ich auf der Erde.    

Als es auch Ihre Söhne zur Bühne drängte, müssen bei Ihnen die Alarmsirenen geschrillt haben … 

Und wie! Ich habe erfolglos versucht, sie zu bremsen. Dann ist es besser, sie zu unterstützen. Der Spagat war aber schwierig: Als Manager habe ich sie gepusht und als Vater gebremst. Sie haben sich prächtig entwickelt, sind glückliche Familienväter und lassen die Finger von Drogen.

Mit 68 brachte Ihre neue Partnerin Sie wieder zur Bühne. Ist es für einen Neuanfang nie zu spät?

Jeder Tag ist doch ein Neuanfang! Ich habe mich noch nie neu erfunden, sondern gehe in jeden Tag mit neuer Kraft und neuen Empfindungen. Und heute bin ich überrascht, wie gut ich bei jüngeren Leuten ankomme, die eigentlich das Publikum meiner Kinder sind.

Sie haben vor zwei Jahren in München ein "Jugendzentrum für Senioren" eröffnet. Warum?

Ein Fernsehbericht über Pflegebedürftige, die nach Rumänien abgeschoben werden, weil Pflege da billiger ist. Auf die Frage, ob die fremde Sprache kein Problem sei, sagte ein Mann: "Meine Mutter versteht sowieso niemand und niemanden, die ist dement." Die abfällige Handbewegung, die er dazu machte, werde ich nie vergessen. Das hat mich so wütend gemacht! Ich wollte etwas tun für diese Generation, die Deutschland zur Nummer eins in Europa gemacht hat. Geld für Senioren zu sammeln ist schwierig, weil sie nicht so süß wie Kinder sind.      

Ist "Jugendzentrum" ein Zugeständnis an den Jugendwahn?

Wir haben den Namen gewählt, weil wir das Konzept des Jugendzentrums der 60er in das Jetzt der älteren Herrschaften übertragen wollen. Es geht uns um Selbstbestimmtheit, mehr Freiheit, weniger Reglementierung. Wir haben nur einen Raum, in dem alles stattfindet. Wir sind eine große Familie. Bei uns kommen alle Religionen und alle Lebenseinstellungen zusammen.    

Gibt es soziale Unterschiede? 

Manche unserer Damen leben alleine in großen Villen und haben sich ganz toll zurechtgemacht – andere halten sich die Hand vor den Mund, weil sie sich schämen, dass sie keine Zähne mehr haben. Aber wenn sie bei uns sind, lachen sie. Weil hier jeder so akzeptiert wird, wie er ist.    

Ihre Prominenz ist sicherlich hilfreich für das Projekt …

Anfangs hieß es: "Ach, schon wieder so ein Promi, der sich wichtig macht mit sozialen Taten." Aber ich bin jeden Tag da. Ich bin einer von 20 Ehrenamtlichen, schleppe Essenskisten, mache Besuche im Krankenhaus. Weil es mir einfach Spaß macht.

Was genau macht so viel Spaß? 

Ich erlebe hier die unglaublichsten Geschichten. Neulich kam eine sehr ernste Frau. Nach zwei Tagen lächelte sie zum ersten Mal, nach einer Woche hatte sie Freunde. Und die Herzschmerzen, die sie nach dem Tod ihres Mannes hatte, wie sie mir erzählte, sind weg.

Zur Person:

  • Abi Ofarim wurde am 5. Oktober 1937 als Abraham Reichstadt in Tel Aviv geboren.
  • Goldjunge: Von 1959 bis 1969 gewann er mit Frau Esther 59 Goldene Schallplatten. Nach der Trennung schrieb er für andere Künstler. Heute steht der Sänger wieder selbst auf der Bühne. Bei "Kinder von gestern e. V." engagiert sich Ofarim für Senioren.
  • Sunnyboy: Mit seiner dritten Ehefrau Sandra hat er die Söhne Gil (*1982) und Tal (*1984), die ebenfalls Musiker sind. Mit Lebensgefährtin und Managerin Kirsten lebt er in München.

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