"Ich bin unpolitisch ins Leben hineingewachsen"

Ex-Bundesminister Franz Müntefering verrät im Interview, wie er in die Politik kam – und ob er Macht und Einfluss heute vermisst
von Thomas Röbke, 26.09.2016

Franz Müntefering brachte es in der SPD bis zum Bundesvorsitzenden

Caro Fotoagentur GmbH/Reiner Zensen

Darf ich einen Blick auf Ihr Handgelenk werfen? Es stimmt, Sie tragen keine Uhr …

Mein ganzes Leben noch nicht.  

Ist das nicht umständlich, wenn man so viele Termine hat wie Sie? 

Ich bin immer so durchs Leben gekommen. Überall sind Uhren, und überall sind Menschen, die Uhren haben. Das hat 76 Jahre funktioniert.

Werden Sie oft auf der Straße erkannt?

Jeden Tag, aber es ist kein Massenphänomen. Den Menschen, die älter als 25 sind, kommt mein Gesicht irgendwie bekannt vor, den jüngeren schon nicht mehr.   

Sie waren Deutschlands wichtigster Politiker nach der Bundeskanzlerin. Vermissen Sie Macht und Einfluss?

Ach, wissen Sie: Das Leben ist eine ballistische Kurve – man hat irgendwo seinen Höhepunkt in Leistungsfähigkeit, Geschwindigkeit, Kraft und Ausdauer. Und man muss verstehen, dass man, wenn man lange genug lebt, bestimmte Dinge nicht mehr so gut kann wie die Jungen. Es ist normal, nicht bis ans Lebensende nach oben zu klettern. Dafür kennen die Alten Abkürzungen, das kann nützlich sein. Einfluss nehmen zu können vermisse ich aber durchaus. 

Vielen Menschen bereitet es große Probleme, in Rente zu gehen …

Ich hatte Glück, war nach meinem Rücktritt noch vier Jahre im Bundestag und habe viele Ehrenämter. Grundsätzlich ist dieser Begriff des Renteneintrittsalters ein Verhängnis. Eigentlich müsste man viel stärker betonen: Ob du in einem bezahlten Beruf bist oder nicht mehr, verändert nichts an der Wertigkeit deiner Person! Demokratie hat keinen Schaukelstuhl, du kannst nicht mit 70 oder 80 sagen: Ich habe damit nichts mehr zu tun. Du musst vielleicht nicht mehr 40 Stunden arbeiten, aber du bist weiter mitverantwortlich dafür, was passiert. 

Ihr Rat an alle Neu-Rentner?

Es ist wichtig, dass man nicht einfach den Tank leer fährt. Sondern dass man noch mal nachtankt für diese 10, 15 Jahre Lebenszeit, die wir alle noch mal obendrauf bekommen im Vergleich zu früher.

Gibt es etwas, das Sie gerne als Politiker noch erreicht hätten und das heute an Ihnen nagt?

Wenn man jung ist, glaubt man: "Ich werde erleben, dass alles besser wird und wir die Hauptprobleme gelöst haben." Wenn man älter wird, kommt man irgendwann zu der Einsicht: "Wahrscheinlich werde ich weg sein, ehe das alles in Ordnung ist." Dieses Gefühl wird im Augenblick bei mir sehr massiv. Hätte ich etwas anders machen sollen? Das ist sicher so. Ich glaube, seine größten Fehler weiß man noch, wenn die anderen sie längst vergessen haben. Eine Menge von dem, was ich gemacht habe, finde ich aber auch ganz in Ordnung.

Wie kamen Sie zur Politik? Ihr Vater war in der Landwirtschaft …

Er war erst Knecht, dann Industriearbeiter. Ich bin nur acht Jahre zur Schule gegangen. Meine Eltern wollten ein Haus bauen, sie hatten kein Geld für Gymnasium und Fahrkosten und sagten: "Der kann auch so ein guter Katholik werden, was soll er da in der Schule rumrennen?"

Wären Sie gerne weiter zur Schule gegangen?

Mir war das ganz recht so, dadurch hatte ich viel Zeit zum Fußballspielen. Ich bin unpolitisch ins Leben hineingewachsen, bei uns zu Hause wurde nicht gelesen, so war Fußball meine Hauptbeschäftigung. Ich bin dann zwischen 17 und 25 selbst zum Lesen gekommen. Ich merkte: Das ist noch was, da musst du dich mal drum kümmern.

Sind Sie damals mit einem bestimmten­ Ziel in die Politik gegangen?

Man geht nicht da rein und sagt: Ich werde jetzt Minister. Das ist viel Zufall, ob man in Funktionen kommt oder nicht. Mir war es eigentlich egal, aber ich wollte Einfluss haben, Dinge verändern, bewegen. Man kann auch Macht dazu sagen. Ja, Macht hat mich schon interessiert. Wenn ich daran mitwirken konnte, das eine oder andere auf der Welt besser zu gestalten, habe ich gedacht: Na, dann mach das mal! Die Welt wird nie perfekt sein, wir sind nicht allmächtig, wir sind aber auch nicht ohnmächtig. Das Schlimmste ist zu sagen: "Man kann nichts machen."

Sie haben jetzt viele Ehrenämter inne, seit Ende 2015 sind Sie auch Vorsitzender der BAGSO.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen mit heute zehn bis zwölf Millionen Mitgliedern hat sich gegründet, um über das Älterwerden zu sprechen: Was verändert sich, wenn eine Gesellschaft immer älter wird? Was sind unsere Interessen? Es geht um altersgerechtes Wohnen, Unterstützung in der Pflege, Barrierefreiheit im öffentlichen Raum und vieles mehr. Kurz: Was können wir tun, damit wir die Lebensqualität im Alter sicherstellen, und was können wir zur Gesellschaft beitragen?

Sehen Sie einen Generationenkonflikt, Alt gegen Jung?

Es wird immer so sein, dass die sozialen Klüfte größer sind als die Altersklassen-Unterschiede. Es gibt vernünftige Alte, vernünftige Junge und Vernünftige dazwischen – und die Vernünftigen im Land müssen es schaffen, dass die Bekloppten nicht das Sagen bekommen.   

Das Sterben Ihrer Frau Ankepetra war ein langer, schmerzhafter Prozess. Wie sind Sie damit fertiggeworden? 

Ich weiß nicht, ob man das verallgemeinern kann; aber ich glaube, das Wichtigste war, den Prozess des Sterbens und Begleitens wirklich mitzuerleben. Es hätte ja auch umgekehrt sein können, dass sie geblieben wäre und ich gegangen. Man darf sich da nicht verlieren, sondern man muss auch sein eigenes Leben weiterleben. Das hat man nur einmal, das muss man sich bewusst machen.

dpa Picture-Alliance GmbH/Florian Peljak/SZ Photo

Zur Person:

  • Geboren: 16. Januar 1940 in Neheim, Hochsauerlandkreis
  • Sozial: Der gelernte Industriekaufmann trat 1966 in die SPD ein. Stationen seiner politischen Karriere: Verkehrs- und Arbeitsminister, Parteivorsitzender, Vizekanzler. Seit Ende 2015 ist er Vorsitzender der BAGSO. 
  • Familiär: Aus erster Ehe stammen seine beiden Töchter. Wegen des Krebsleidens seiner zweiten Frau Ankepetra zog er sich für einige Zeit aus der Politik zurück. 2009 heiratete er die Journalistin Michelle Schumann.

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