Krisen trotzen: Ich schaffe das!

Im Unglück Lebensmut zu bewahren kostet Kraft. Drei Protokolle von Menschen, die ihr schweres Schicksal meistern – und was Forscher über diese innere Stärke wissen

von Raphaela Birkelbach, 16.03.2018

Lebensmut trotz Schicksalsschlag: Das ist schwer, kann aber gelingen


Axel, das war diese kleine Hautstelle am Schienbein. "Es war zumindest das Einzige, was ich damals von ihm sehen konnte", erinnert sich Annelore B. "Sonst war er von Kopf bis Fuß verbunden." 13 Jahre ist das her, doch als die 74-jährige Mutter diesen Anblick auf der Intensivstation noch einmal in Gedanken durchlebt, bricht ihre Stimme: "Ich hatte so Angst, dass er stirbt."

Um einen lieben Menschen bangen, ihn verlieren, Opfer einer Gewalttat werden oder lebensbedrohlich erkranken: Jeder fürchtet solche Horrorszenarien und weiß zugleich, nie davor gefeit zu sein. Wen das Unfassbare trifft, der hält erstarrt inne. Was für ein Schock! "Er ist eine natürliche Reaktion auf die extreme Belastung. Man braucht Zeit, um überhaupt das Geschehen zu verinner­lichen", erklärt Diplom-Psychologin Professor Daniela Jopp vom Institut für Psychologie an der Universität Lausanne.

Die Alternsforscherin aus der Schweiz interessiert sich dafür, wie Menschen in ihrer zweiten Lebenshälfte schwere Krisen wegstecken. Setzt die Unbill des Lebens Betroffenen stärker zu? Oder hilft die Reife des Alters, wenn einen das Schicksal arg beutelt?  

Lebensmut bis ins hohe Alter

Fakt ist: Jenseits der 60 holen einen existenzielle Themen wie Krankheit, Tod oder andere belastende Ereignisse immer häufiger ein. Doch trotz zahlreicher Nackenschläge gelingt es vielen Senioren bis ins hohe Alter, ihren Lebensmut zu bewahren, betonen Alternsforscher. 80 Prozent der über 100-Jährigen geben in Befragungen an, zufrieden mit ihrem Leben zu sein. Nur etwa jeder Zehnte sagt, nicht mehr leben zu wollen.

Eine weitere Studie zeigt: Menschen mit einer positiven Einstellung zum Älterwerden gehen gelassener mit extremen Belastungen um als ewige Miesepeter. Wissenschaftler blicken neugierig auf diese robusten Naturen. "Das Phänomen, dass Menschen trotz großer Bedrängnis seelische Kräfte entwickeln können, nennen wir Resilienz", erklärt Professor Bernhard Leipold. An der Universität der Bundeswehr München untersucht der Psychologe, wie Erwachsene mit Stress klarkommen: "Resiliente Menschen akzeptieren ihre missliche Lage, schätzen realistisch ein, was sie ändern können, nehmen Hilfe an und blicken zuversichtlich in die Zukunft."

Humor und liebevolle Kindheit

Eine Stärke dieser Stehaufmenschen sei es oft, selbst schwere Bürden mit Humor zu nehmen, so Leipold: "Das verschafft innere Distanz." Wer mit dieser Haltung durchs Leben geht, hat gute Chancen, eine Grenzsituation unbeschadet zu überstehen. Auch eine liebevolle Kindheit und feste Bezugspersonen befähigen eher dazu, beobachten Forscher. Ist Resilienz also eine Art Schutzpanzer, der die Seele umhüllt und der einem schon in die Wiege gelegt ist? Leipold widerspricht: "Von wegen angeborene dicke Haut, die alles an einem rasch abprallen lässt! Dahinter steckt ein schmerzhaftes Anpassen an eine emotional belastende Situation."

"Das stetige Interesse am Leben, der Wunsch, Dinge, die man sich vorgenommen hat, zum Abschluss zu bringen, scheint mir ein wichtiges Merkmal für Resilienz im Alter zu sein", erläutert der Psychologe aus München.

Die Schweizer Alternsforscherin Jopp kennt eine weitere Strategie, mit der sich betagte Menschen persönliche Katastrophen erträglicher machen: "Sie vergleichen sich mit Weggefährten aus ihrer Generation, die ebenso trauern, schwer krank sind oder andere existenzielle Sorgen plagen." Lassen sich schicksalhafte Erfahrungen in einen erwartbaren Lauf des Lebens einordnen, erklärt Jopp, gelinge die Bewältigung leichter. Und: "Viele Leidgeplagte handeln bewusst oder unbewusst so, wie sie schon frühere Krisen erfolgreich gestemmt haben." 

Stärke in der Krise

Wie geht man mit Schicksalsschlägen um? Drei Menschen haben uns ihre Geschichte erzählt.

Verletzliche Gefühle

Auch wenn solche Strategien helfen, eine Garantie, sich durch nichts und niemanden aus der Bahn werfen zu lassen, bieten sie nicht. Senioren entwickeln zwar ihre eigenen Stärken im Umgang mit Lebenskrisen, wägt Schicksalsexpertin Jopp ab, "aber ihre Gefühlslage ist zugleich eine sehr verletzliche". Lassen die Kräfte nach, schlagen verstörende Ereignisse immer stärker zu Buche. "Irgendwann kann ein Tiefschlag jemanden total umhauen." Depressionen, Süchte, Angststörungen oder psychosomatische Krankheiten treten nach niederschmetternden Ereignissen gehäuft auf. Geschätzt zwei bis sieben Prozent der Menschen in Deutschland leiden mindestens einmal im Leben unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS. "Das Risiko dafür ist umso höher, je hilfloser sich Menschen fühlen", erklärt Romina Gawlytta. Etwa nach Gewalterfahrungen oder Naturkatastrophen, sagt die Psychologin von der Uniklinik Jena, "auch nach einer Intensivtherapie ist geschätzt jeder fünfte Patient traumatisiert". Um Patienten zu entlasten, bieten die Jenaer Forscher die fünfwöchige Online-Schreibtherapie "zwei leben" an. Dort können Patienten mit PTBS und ihre Partner über ihre belastenden Erlebnisse aus der Zeit auf der Intensivstation schreiben, "unter Anleitung von Therapeuten, die dabei helfen, das Erlebte zu verarbeiten", erläutert Gawlytta.

Das gibt Kraft

Bestimmte Einstellungen und Handlungen helfen in Krisenzeiten. Was Ihr Leben leichter machen kann:

1. Kontakte pflegen

Ein stabiles Netzwerk ist wertvoll: Ob die Freundin, die zuhört, oder ein Nachbar, der Einkäufe abnimmt: Sie müssen Ihr Schicksal nicht allein stemmen. Selbst wenn Sie die Hilfe nicht annehmen: Allein das Gefühl, es tun zu können, hilft.

2. Sich selbst vertrauen

Überlegen Sie, welche großen Herausforderungen Sie bereits gut gemeistert haben. Machen Sie sich bewusst: Nur Sie persönlich haben den schweren Schicksalsschlag verarbeitet. Was hat Ihnen damals geholfen? Vielleicht weist es Ihnen erneut einen Ausweg aus einer scheinbaren Sackgasse?

3. Schönem Raum lassen

Verzweifelte Gedanken im Unglück sind verständlich, lassen Sie diese zu. Aber bleiben Sie für Positives offen: Lassen Sie Freude, Liebe und Humor in Ihr Herz – selbst wenn es nur kurze Momente sind. Genießen Sie sie bewusst, und rufen Sie sich diese in Erinnerung, wenn es Ihnen schlecht geht. Sie können auch in ein Tagebuch schreiben, was Sie froh stimmt. Eine gute Gedächtnishilfe in Sachen Glück. Es gehört zum Leben dazu.

4. Veränderung annehmen

Auch wenn sie oft bedrohlich erscheinen: Veränderungen gehören zum Leben dazu, selbst auf große Einschnitte in Ihrem Leben haben Sie nicht immer einen Einfluss. Sie tun sich leichter, Unabänderliches zu akzeptieren. Statt damit zu hadern, überlegen Sie sich, was sich dem Unangenehmen Positives abgewinnen lässt.

5. Verantwortung tragen

Tragen Sie die Konsequenzen Ihres Handelns. Hinterfragen Sie in quälenden Lebenslagen Ihren Anteil daran. Nicht im Sinn von "Schuld haben", sondern mit dem Blick auf Ihre Möglichkeiten, etwas zu verändern. Das lindert das Gefühl, Opfer zu sein.

6. Pläne schmieden

Was haben Sie in naher Zukunft vor? Lassen sich Träume realisieren? Ideen umsetzen ist sinnstiftend und lenkt oft auch ab.  

Günter J. aus Thalheim hat diese professionelle Hilfe aus dem Internet weitergebracht. "Das mit der Intensiv­station war zu viel für mich", meint der Rentner. "Das habe ich zum Glück überwunden." Doch viele Herausforderungen muss der 67-Jährige weiter stemmen: sein Lungenleiden, das ein Sauerstoffgerät nötig macht. Der gebrechliche Schwiegervater. Finanzielle Nöte .... "Ich will den Kopf nicht in den Sand stecken", sagt J.

Wer so fühlt, lässt sich nicht so leicht unterkriegen, sagen Resilienzforscher und betonen, dass sich bis ins hohe Alter an einer positiven Lebenseinstellung feilen lässt. Krisen können sogar eine Chance bieten, findet Stressforscher Leipold aus München: Ob eine veränderte Sicht auf Freundschaften, intensive Spiritualität, ein liebevollerer Umgang mit sich selbst oder neue Perspektiven, "manche Menschen erzählen, aus dramatischen Erlebnissen positive Erkenntnisse gezogen zu haben". Was für den Wissenschaftler aus Bayern nicht nur Zeichen einer erfolgreich bewältigten Krise ist: "Neben dem Resultat sollte man den Weg betrachten: Was lässt sich daraus lernen?" Vielleicht ist das Nachdenken darüber ein rettender Strohhalm, meint Prof. Sigrun-Heide Filipp. "Wenn jemand sagt, durch das Unglück erst gemerkt zu haben, wie er geliebt werde, und dass er daraus Kraft ziehe, ist das für den Betreffenden wunderbar." Es könne einem schrecklichen Geschehen Sinn verleihen und trösten, sagt die Lebenslaufforscherin aus Trier. Doch dieses rein subjektive Empfinden sei ein Schutzmechanismus, so Filipp, "ein Wachsen an der Krise dürfen Außenstehende nie als Maßstab vorgeben". Es setze verzweifelte Menschen nur unter Druck, "vor allem wenn sie keinen Sinn im Geschehenen sehen können".

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