Nostalgie: Sehnsucht nach der guten alten Zeit

Die Nostalgie hat keinen guten Ruf. Doch Forscher finden positive Eigenschaften des verklärten Rückblicks in die eigene Vergangenheit
von Stephan Soutschek, aktualisiert am 18.01.2017

Nostalgische Erinnerungen können Kraft für die Gegenwart geben

dpa Picture-Alliance/Westend61/Ingo Bartussek

Ein einziges Stückchen Madeleine reicht aus, um bei Marcel, dem Erzähler in Marcel Prousts Romanzyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" die Erinnerung an sein Heimatdorf Combray zu wecken. Als das Sandkuchengebäck auf einem Löffel Tee seinen Gaumen berührt, durchströmt ihn ein "unerhörtes Glücksgefühl".

Nostalgische Gedanken überkommen jeden hin und wieder, alte wie junge Menschen. Nahezu jeder hat seine eigenen Madeleines. Bei dem einen mag es ein Lied sein, das in seiner Kindheit häufig im Radio lief, bei einem anderen weckt vielleicht schon die Nennung eines bestimmten Ortes die Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Nostalgie – eine Krankheit?

Dabei hat die Nostalgie selbst keinen guten Ruf. Der Duden definiert sie als "Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äußert", und die unter anderem von einem Unbehagen an die Gegenwart ausgelöst werden kann. Wird jemand als "Nostalgiker" bezeichnet, schwingt oft noch der Vorwurf der Wirklichkeitsflucht mit. Der Schweizer Arzt Johannes Hofer, auf den der Begriff zurückgeht, beschrieb Nostalgie zunächst sogar als ein krank machendes Heimweh.

Nostalgische Gedanken können auch Vorteile besitzen, sagen Forscher heute. Tabea Wolf ist Entwicklungspsychologin an der Universität Ulm und hat sich in einer Untersuchung mit der Funktion von Nostalgie als Teil des autobiographischen Gedächtnisses, also der Summe unserer persönlichen Erinnerungen, befasst. Sie vermutet, dass solche verklärten Rückblicke bei der Steuerung des Emotionshaushalts mitwirken und dazu beitragen können, die aktuelle Stimmungslage bei Betroffenen aufzuhellen.

Hilfe für das Hier und Jetzt

In einer Studie an der Universität Southampton ließen Psychologen die Teilnehmer sich an ein früheres Ereignis aus ihrem Leben erinnern, das diese als angenehm empfanden. Sie bekundeten anschließend in Fragebögen ein positiveres Selbstbild als eine Vergleichsgruppe, die an ein neutrales Erlebnis denken sollte. Außerdem schätzten die Teilnehmer mit nostalgischen Erinnerungen ihre Fähigkeit höher ein, auf andere Menschen zuzugehen.

Nostalgie könnte so gewissermaßen ein Puffer sein, der das Selbst vor einer tristen Situation oder Einsamkeit schützt. "Schöne Erinnerungen können dazu beitragen, dass sich der Betreffende besser fühlt", sagt Wolf.

Eine weitere Studie des Forscherteams aus Southampton kam zu dem Schluss, dass Menschen sich bei niedrigeren Temperaturen eher nostalgischen Gedanken hingeben – und diese wiederum dazu beitragen, dass Kälte als weniger unangenehm empfunden wird.

Verzerrte Wahrnehmung: War früher alles besser?

Bei allen guten Seiten des verklärten Blicks auf das bisherige Leben sollte man nicht vergessen: Dass früher alles besser war, stimmt natürlich meist nicht. Warum scheinen wir dann rückblickend die Vergangenheit oft geradezu als heile Welt zu betrachten? Das liegt daran, dass unser Gedächtnis uns trügt. "Positive Erlebnisse bleiben besser in Erinnerung", sagt Wolf. Negative Erfahrungen geraten dagegen oft schnell in Vergessenheit.

Die Summe unserer persönlichen Erinnerungen fällt deswegen meist deutlich positiv aus. Auf eine in die Brüche gegangene Beziehung oder die eigene Schulzeit blicken Menschen eher milde gestimmt zurück. Den Ärger und Stress, den sie damals hatten, blenden sie schlicht aus. Früher war nicht alles besser. Aber die eigenen Erinnerungen können einem vielleicht dabei helfen, sich im Hier und Jetzt besser zu fühlen.


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