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Reiner Schöne über späte Vaterfreuden

Am liebsten wäre er Seemann geworden. Heute blickt Reiner Schöne auf ein bewegtes Leben als Schauspieler, Sänger und Familienvater zurück. Warum er jedem rät, seine Erfahrungen aufzuschreiben.

von Thomas Röbke , aktualisiert am 18.09.2015
Schauspieler Reiner Schöne

Fühlt sich nicht wie 73: Schauspieler Reiner Schöne


Ihre Töchter sind neun und drei Jahre alt: Ist man als später Vater gelassener?

Ich bin eindeutig gelassener. Früher wäre ich nie in die Nähe eines Spielplatzes gezogen, heute stört mich Kindergewusel überhaupt nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Ich liebe es.

Können Sie es nachvollziehen, wenn sich Anwohner durch Kindergärten oder Spielplätze gestört fühlen?

Ja und nein. Natürlich ist Dauerlärm nicht angenehm. Aber das Leben geht nun mal nicht lautlos vonstatten. Auf einem Flug in die USA war mal ein Baby an Bord, das fünf Stunden gebrüllt hat. Mir tat die Mutter leid, weil ihr das so unangenehm war. Aber mich störte das Geschrei überhaupt nicht. Das geht dann eben nicht anders.

Jedermann

Ihre Biografie heißt nach einem Ihrer Lieder: "Werde ich noch jung sein, wenn ich älter bin?" Und? Sind Sie noch jung?

Das müssen andere beurteilen, aber ich denke schon. Zumindest fühle ich mich nicht wie 73. Früher galt der Spruch "Trau keinem über 30", da war ein 73-Jähriger jenseits von Gut und Böse. Die das damals sagten, sind heute selbst über 70, genau wie die Rockstars von damals – Mick Jagger ist schon Urgroßvater …

Ihre Biografie ist kein zusammenhängender Text. War das von vornherein so geplant?

Mir fiel vor Jahren ein Buch von Sam Shepard in die Hände, "Cruising Paradise". Eine Sammlung von Kurzgeschichten aus seinem Leben, mit Ort und Datum ihrer Entstehung versehen. Diese Form gefiel mir, und ich dachte: Du schreibst seit 1968 Tagebuch, das kannst du doch auch.  

Würden Sie jedem Menschen empfehlen, sein Leben aufzuschreiben? 

Ja, unbedingt. Jeden Tag etwas aufzuschreiben ist ein schöner Abschluss. Seit ich Kinder habe, schreibe ich auch im Hinblick darauf, dass sie das eines Tages mal lesen. Und weil ich seit 1985 auf Englisch schreibe, müssen sie dafür die Sprache mindestens so gut können wie ich. Ich hoffe, das ist ein Anreiz …

Warum haben Sie 1968 mit dem Tagebuchschreiben angefangen?

Da war ich gerade aus der DDR abgehauen und dachte: Ich muss diese Gedanken und Gefühle festhalten. Seitdem habe ich das mit ein paar schlampigen Lücken durchgehalten. Es ist ja ein schwerer Schritt, die Menschen, die man liebt, zu verlassen, das waren gewaltige Eindrücke. Nach vier Wochen fing ich an zu schreiben und konnte mich an jeden Tag lückenlos erinnern. Inzwischen muss ich manchmal scharf überlegen: Was war noch mal heute Morgen? 

In der Bundesrepublik hatten Sie gleich großen Erfolg mit dem Musical "Hair"…

… da war ich zur rechten Zeit am rechten Ort. Beim Vorsprechen wusste ich nicht mal, was ein Hippie überhaupt ist, und plötzlich spielte ich die Hauptrolle in DEM Zeitgeiststück des 20. Jahrhunderts. Ich wurde wirklich ins warme Wasser geschmissen.

Wäre es heute noch vorstellbar, dass ein Musical so hohe Wellen schlägt?

Nein, das war damals eine besondere Situation: Der Vietnamkrieg, die Protestsongs, die Studentenrevolten waren der Nährboden für "Hair", das zu einem Ventil und Sprachrohr der damaligen jungen Generation wurde.

Fehlt heute so eine Form der politischen Unterhaltung?

Ja! So etwas hat einfach keine Chance,  es würde als nicht gefällig und nicht kommerziell genug abgelehnt werden.

Was war Ihr Berufswunsch als Kind?

Bis zu meinem 15. Lebensjahr wollte ich nichts anderes werden als Seemann. Dann trat meine Freundin Inge in mein Leben und sagte: "Wenn du immer auf See bist, bin ich ja immer alleine." Da schmiss ich meinen alten Traum sofort über Bord. Und als ich irgendwann abends am erleuchteten Nationaltheater in Weimar vorbeikam, dachte ich: "Schauspieler wäre doch auch was." Meine Mutter fand das super – sie wäre selbst gerne Schauspielerin und Sängerin geworden. Aber ihr Vater bestand auf einem "anständigen" Beruf, und so wurde sie Sekretärin. 

Fühlen Sie so etwas wie Altersweisheit?

Nein. Das heißt nicht, dass ich genauso blöd wäre wie vor 30 Jahren. Ich reagiere auch gelassener auf viele Dinge als meine 35-jährige Frau. Ich lasse viele Dinge nicht mehr so an mich heran wie früher. Da habe ich schon mal die eine oder andere Tür eingetreten. Das muss nicht mehr sein.

Tuscheln die Leute manchmal wegen des großen Altersunterschieds zu Ihrer Frau?

Als wir die erste Zeit zusammen waren, habe ich immer so Blicke gespürt, aber es ist inzwischen normal geworden.

Sie haben lange in den USA gelebt, vermissen Sie das Land?

Ich vermisse jeden Tag das Amerika, das ich kennen- und lieben gelernt habe. Das gibt es aber seit dem 11. September 2001 nicht mehr. Die Leute sind immer paranoider geworden. Mit den beiden Kindern ist es völlig illusorisch, wieder rüberzugehen. Die Schulbildung ist nicht gut, die Waffennarretei wird immer schlimmer.

Sie werden also in Berlin bleiben?

Wir sind hier sehr zufrieden, ich arbeite viel, habe gerade ein Kinderbuch geschrieben, drehe, synchronisiere, lese vor, singe mit meiner Band ...

… und Sie erzählen Witze!

Ja, ich ziehe mit Peter Sattmann durch die Lande – mit einem Witzprogramm. Je älter das Publikum und je schmutziger die Witze, desto mehr wird gelacht. Für uns beide ist das wie ein Gesundbrunnen.

Wie geht denn Ihr Lieblingswitz?

Der despektierliche Talkshowmaster zu seinem 90-jährigen Gast: "Wann hatten Sie denn das letzte Mal Sex?" "Neunzehnfünfundvierzig." "Na, das ist aber schon lange her." "Wieso? Jetzt isses 20 Uhr 30."

Zur Person:

  • Reiner Schöne wurde am 19. Januar 1942 in Fritzlar geboren.
  • Ein Wahl-Amerikaner ...: Schöne wuchs in Weimar auf und flüchtete 1968 nach einem Konzert in Berlin in den Westen. Hier hatte er sofort Erfolge in den Musicals "Hair" und "Jesus Christ Superstar".
  • 1985 zog er in die USA in die Nähe von Hollywood, drehte mit Stars wie Clint Eastwood, Kris Kristofferson und Lee Van Cleef, aber auch in TV-Serien. Parallel machte er als Sänger und Liedermacher mit seiner Band Karriere. 2002 kehrte er nach Deutschland zurück. 
  • ... in Berlin: Seit 2010 ist er mit seiner Frau Anja (*1980) verheiratet, mit der er zwei Töchter hat. Die Familie lebt in Berlin.

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