Wege aus der Einsamkeit

Sich verlassen fühlen tut weh und hat Folgen für die Gesundheit. Über Wege aus der Isolation
von Raphaela Birkelbach, 06.11.2017

Berühr mich: Viele Einsame sehnen sich nach Kontakt mit Mitmenschen

Thinkstock/Wavebreak Media

Hildegard B. hat sich vor dem Gilchinger S-Bahnhof so platziert, dass herausströmende Fahrgäste direkt auf sie zulaufen. "Sind Sie die Redakteurin?", fragt sie jeden. Bloß nicht die Besucherin verpassen, die mit ihr gleich über die Einsamkeit des Alters sprechen will. Kurz nach der Begrüßung sagt die 96-Jährige: "Ich erlaube mir einfach nicht, einsam zu sein."

Auf dem Weg nach Hause gibt's ein Schwätzchen hier, ein Grüß-Gott-Sagen dort. "Viele meinen, ich sei immer fröhlich. Aber das stimmt nicht", sagt B. später in ihrem Wohnzimmer. Zweimal sagt sie das sogar und packt dazwischen ihr fast hundertjähriges Leben: Kindheit in Böhmen, Krieg, Flucht, viele "herrliche Geschichten", aber auch "großes Leid".

"Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl"

Selbst wenn sie Bekannten aus der Turngruppe oder ihren Enkeln davon erzählt: Mit vielen Weggefährten kann sie ihre Erinnerungen nicht mehr teilen. "Mein Mann und viele Freundinnen sind schon gestorben."

Ist Hildegard B. ein typischer Fall von Einsamkeit im Alter? Dr. Oliver Huxold, der am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) in Berlin über die Gemütslage forscht, holt weiter aus: "Entgegen landläufiger Meinung sind Ältere nicht einsamer als jüngere Menschen", erläutert der Psychologe. Viele fitte Senioren empfinden ihre Kontakte als bereichernd. Huxolds Studien zeigen aber auch: Jeder zehnte über 65-Jährige leidet unter Einsamkeit, unter den 70- bis 85-Jährigen beschreiben sieben Prozent ihre sozialen Kontakte als nicht ausreichend oder nicht tiefgehend genug. Huxold: "Einsamkeit ist immer ein subjektives Gefühl."

Einsam oder schon depressiv? 

Hinter gedrückter Stimmung kann auch eine Depression stecken. Typische Anzeichen:

  • Sie ziehen sich von der Außenwelt zurück, soziale Kontakte geben Ihnen keinen Halt, sondern strengen an.
  • Sie grübeln viel, immer dieselben Gedanken belasten Sie. Oft sind es Schuldgefühle.
  • Sie haben keine Freude mehr an Ihren einst geliebten Hobbys.
  • Sie fühlen sich leer und ohne Hoffnung. 
  • Sie denken öfter an den Tod, der diesen Zustand beenden soll. 
  • Sie stehen unter Daueranspannung, wie vor einer Prüfung. Sie fühlen sich antriebslos, selbst kleine Anforderungen bereiten Ihnen Sorge.
  • Schlafprobleme und Appetitlosigkeit quälen Sie. Sie verlieren an Gewicht ohne eine körperliche Ursache.

Treffen eine oder mehrere Aussagen zu? 

Sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Er hilft Ihnen, wenn Sie unter einer Depression leiden. Sie lässt sich auch medikamentös behandeln. Bei leichten bis mittelschweren Beschwerden kann der Arzt synthetische Stoffe oder Johanniskraut-Präparate verschreiben.

Mehr Infos: www.deutsche-depressionshilfe.de

Alleinsein: Dauer macht den Unterschied

Natürlich überkommt fast jeden von uns ab und zu das Gefühl, allein und verlassen zu sein. Einsame Menschen quält dieser Zustand jedoch dauerhaft. Schlimmer noch: Die emotionale Pein geht oft mit Angstattacken oder Depressionen einher, Blutdruck und Sterberisiko steigen. Anlass genug für Forscher, sich der gefährlichen Gemütslage näher anzunehmen. Was sind ihre Auslöser? Erwiesen ist: Armut und Krankheit fördern den seelischen Druck. Auch der Tod eines langjährigen Partners gilt als Stressor.

Ingrid P. traf dieses Schicksal im August 2015. Ihr Mann, all die gemeinsamen Jahre, von einem Tag auf den anderen war alles weg. "Den Schmerz lasse ich zu, sonst staut er sich auf", erzählt die 83-jährige Witwe. Ihr Weg, sich allmählich damit zu arrangieren, führt sie drei bis vier Mal in der Woche zum Friedhof. "Einsamkeit und Trauer sind für mich etwas Intimes. Da lasse ich mir ungern ins Herz schauen", sagt P. Verschlossen hat sie es nicht, "ich habe guten Kontakt zu meinen Kindern und Bekannten. Sie bringen mich auf andere Gedanken."

Neue Kontakte knüpfen

Sich ablenken, die Nähe vertrauter Menschen suchen oder neue Kontakte knüpfen kann ein guter Rat sein, um sich wieder mehr zugehörig zu fühlen. Doch nicht jedem hilft das in seiner Not, weiß Dr. Roland Brosch von der Praxis für Gerontologische und Psychologische Beratung am Klinikum Soest: "Viele Patienten sind tief in ihre Einsamkeit verstrickt." Schon das zuzugeben ist für etliche eine riesige Hürde.

Ein Schritt Richtung mehr Offenheit: sich überlegen, warum man sich im Stich gelassen fühlt. "Manchmal liegt es an hohen Erwartungen, die sich nicht erfüllen", sagt der Therapeut aus Westfalen. Vielleicht kommen die Kinder nicht so häufig zu Besuch, wie man es sich wünscht. Oder der Hund ist gestorben, und das tägliche Gassigehen entfällt. Es kann auch die kranke Hüfte sein, die am Besuch der Sportgruppe hindert.

Neu hier? Tipps fürs erste Mal

  • Denken Sie positiv über sich. Sagen Sie sich: "Ich bin so liebenswert wie jeder andere hier auch."
  • Kleider machen Leute: Ziehen Sie etwas an, in dem Sie sich wohlfühlen und sich schick finden. 
  • Eine offene Körperhaltung signalisiert Interesse. Arme beim Reden nicht vor der Brust verschränken.
  • Halten Sie Blickkontakt. Lächeln Sie, das bringt Ihnen Sympathiepunkte ein.
  • Erzählen Sie über sich, aber gehen Sie auch auf Ihr Gegenüber ein. Fragen Sie interessiert nach.  
  • Machen Sie ehrlich gemeinte Komplimente. Sprechen Sie Gemeinsamkeiten an, wenn Sie diese erkennen. 
  • Sagen Sie am Ende des Gesprächs, dass Sie es schön gefunden haben und sich über ein baldiges Wiedersehen freuen würden.

Konkret im Alltag ansetzen

Brosch dockt an die Erfahrungen an und fühlt vorsichtig vor: Wenn der Sohn nicht anreist, warum nicht mit ihm skypen? Was spricht dagegen, die Sportkameraden mal zu sich nach Hause einzuladen? Oder sich beim Tierheim als Hundesitter zu melden? "Wir kitzeln gemeinsam heraus, wie sich die Lebensqualität konkret verbessern lässt", erläutert der Psychologe aus Soest.

Gerhard F. denkt viel darüber nach. "Ich bin einsam", gibt der 81-Jährige aus Dresden unumwunden zu. Der gesellige Ingenieur organisiert zwar viele literarische und politische Veranstaltungen, aber am Abend fühlt er sich öfter allein. "Dann fange ich an zu essen. Purer Frust", gesteht F. Jedes Kilo mehr auf der Waage zeige ihm, was ihm eigentlich fehlt: eine Partnerin, "mit der ich tolle Gespräche führe". An der Erfüllung seines Traums hält der Senior fest: "Liebe im Alter ist doch etwas so Schönes."

Teufelskreis der Einsamkeit

Menschen, die trotz ihrer Einsamkeitsgefühle dem Leben noch Positives abgewinnen, zollt Karsten Keller Respekt. "Tief in sich gefangen, schaffen das viele nicht mehr", weiß der Diplom-Psychologe von der Katholischen Fachhochschule Köln aus Erfahrung. "Viele nehmen sich als nutzlos wahr, ziehen sich weiter zurück und begegnen anderen immer misstrauischer." Dann schnappt die Einsamkeitsfalle endgültig zu.

Knigge fürs Kennenlernen

Wer darin gefangen ist, braucht professionelle Hilfe, etwa in Form einer Psychotherapie. Ratsuchenden, die diesen Weg scheuen, bietet Psychologe Keller einen anderen an: Mit Kollegen hat er das Programm "Mittendrin im Alter statt allein", kurz MIASA, entwickelt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Das Besondere: MIASA richtet sich gezielt an sehr einsame Menschen.

In Kleingruppen sollen die Teilnehmer unter anderem lernen, negative Denkmuster zu durchbrechen und mehr für sich zu sorgen. Zum Inhalt gehören vor allem praktische Tipps. Das zehn Gruppentreffen umfassende Konzept läuft gut an. Ehrenamtliche sowie Sozialarbeiter von Wohlfahrtsverbänden und Senioreneinrichtungen, hofft Keller, sollen es künftig bundesweit anbieten.

Leichter Kontakte knüpfen

  • Eigene Erwartungen an andere überdenken! Vielleicht lassen sie sich herunterschrauben?
  • Türöffner nutzen: Schließen Sie sich Bekannten an, wenn Sie irgendwo neu dazustoßen. 
  • Hunde helfen Menschen, in Kontakt zu kommen, und liefern guten Gesprächsstoff. 
  • In einer Gruppe, die sich gerade selbst neu findet, geht man meist offener aufeinander zu.   
  • Nachbarschaftsvereine oder Besuchsdienste kommen nach Hause. Das baut erste Hürden ab. 
  • Bei Small Talk fühlen Sie sich überfordert? Üben Sie das Reden erst mit einem Menschen, der Ihnen vertraut ist.
  • Abfuhren kassiert jeder mal. Dranbleiben!

Adressen

Freunde alter Menschen
Angebote des Vereins richten sich an Senioren in Hamburg, Köln und Berlin
Tel.: 030/13 89 57 90
www.famev.de


Ambulante Versorgungsbrücken
Tel.: 0421/69 64 200


Wege aus der Einsamkeit
www.wegeausdereinsamkeit.de


Netzwerk Nachbarschaft
www.netzwerknachbarschaft.de


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