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Dem Schwindel auf der Spur

Ist das Gleichgewicht gestört, gerät das Leben aus der Bahn. Wie Ärzte sich mit Patienten auf Suche nach dem Auslöser machen, um die Balance im Kopf wiederherzustellen

von Elke Schurr, 27.09.2019
Schwindel-Seniorin

Wer unter Schwindel leidet, ist im Alltag stark eingeschränkt.


Menschen mit Schwindelgefühlen haben Angst. Je länger der Taumel anhält, desto bedrohlicher wird er. Wenn der Boden ständig nachgibt und man glaubt, in einen Abgrund zu fallen. Wenn sich die Welt um einen dreht und keine Anhaltspunkte mehr bietet. Wenn sich im Kopf ein diffuser Nebel breitmacht – dann ist an das gewohnte Leben kaum zu denken. Schwindel ist ein Symptom mit vielen Gesichtern und noch mehr ­Ursachen.

Jeder vierte Mensch muss im Laufe seines Lebens mit kürzeren oder längeren Schwindelphasen rechnen. Unter den Älteren hat jeder Zweite damit zu tun. Manchmal ist wahre Detektivarbeit gefragt, wenn ein Patient über die quälenden Beschwerden klagt. Je nach Schwindelart, je nachdem, wie lange der Zustand anhält oder was die Attacken auslöst, ist neben dem Hausarzt manchmal auch der HNO-Arzt oder Neurologe gefragt. Denn die Ursache zu kennen ist schon die halbe Miete.

Erste Station Hausarzt

"Oft messe ich nur den Blutdruck des Patienten, weil ich schon ahne, was hinter dem Schwindel steckt", beschreibt Jens Wagenknecht, Hausarzt im norddeutschen Varel, den Klassiker unter den Ursachen. "Ein zu niedriger Blutdruck, oft durch Medikamente bedingt, kann Kopfdruck und ähnlich benommen machen wie manchmal ein plötzlich zu hoher." Das Gehirn – Zentrale des Gleichgewichtssystems – wird nicht genügend mit Sauerstoff versorgt.

Im Allgemeinen rangieren Herz-Kreislauf-Probleme weit vorn auf der Liste möglicher Schwindelauslöser im Alter und lassen sich meist gut behandeln. Doch auch ernstere Erkrankungen am Herzen, wie etwa ein zu langsamer Herzschlag oder Erkrankungen der Herzklappen, können sich durch Schwindel bemerkbar machen. Mit einer körperlichen Untersuchung und speziellen Tests wie EKG, Langzeit-EKG oder einer Herz-Ultraschalluntersuchung kann der Arzt sie recht schnell erkennen.

"Meist kann ich nach einem ausführlichen Gespräch mit dem Patienten sehr gut einschätzen, aus welcher Richtung der Schwindel kommt", sagt ­Wagenknecht. "Bei Bedarf kann ich dann andere Fachleute wie etwa einen HNO-Arzt oder Neurologen mit ins Boot holen." Auch Apotheker und Apothekerinnen wie Christine Bender-Leitzig aus Wiesloch können bei der Suche nach den Schwindelursachen behilflich sein. Denn ein Blick in die Kundenkartei liefert oftmals wertvolle Hinweise.

Fundstelle Medikamentenliste

So lösen mitunter Medikamente, die im Gehirn wirken, wie etwa Anti­depressiva oder auch Schlaf- und ­Beruhigungsmittel, schon mal die fiesen Schwurbelgefühle aus. Häufig sind dafür jene Medikamente verantwortlich, die den Blutdruck senken oder den Herzschlag verlangsamen. Christine Bender-Leitzig rät ihren Kunden, umgehend Dosis und Einnahmezeitpunkt mit dem Arzt abzuklären, wenn Probleme auftreten. Erhebt sich der Patient etwa zu schnell vom Stuhl oder von der Bettkante, können die Mittel, gerade bei zu hoher Dosierung, kurzfristig benommen machen, weil der Kreislauf Zeit braucht, bis er mit dem Positionswechsel klarkommt.

Betablocker sollten deshalb immer langsam ein­geschlichen werden. "Im besten Fall verschwindet der Schwindel aber nach einer gewissen Zeit, da sich der Körper auch langsam an den niedrigeren Druck gewöhnen muss." Die Apothekerin erinnert Senioren zudem daran, genügend zu trinken. ­Gerade im Sommer kann ein Flüssigkeitsmangel kurzfristig taumlige Gefühle hervorrufen.

Defekte im Ohr und Hirn

Warum oftmals HNO-Ärzte und Neurologen die Spurensuche fortsetzen? Das Gleichgewicht ist ein fein aus­tariertes Zusammenspiel verschiedener Sinnesorgane und Funktionen. Im Innenohr sitzt das eigentliche Balanceorgan: Dort registrieren Schläuche, Lymphe, Härchen und der Gleichgewichtsnerv jede Bewegung und leiten sie weiter. Gleichzeitig werden die Augen und ihre Bewegungen vom Innenohr gesteuert – das stabilisiert die Balance. Messfühler an Muskeln und Gelenken liefern zudem Daten zur Position des Körpers im Raum. Im Gehirn werden sämt­liche Signale schließlich verarbeitet.

"Funktionieren diese Systeme einwandfrei, wird uns nicht schwindlig", versichert Prof. Doreen Huppert, Neurologin im Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum der LMU München-Großhadern. Doch wenn der Herzschlag Pausen macht, die Augen den Blick nicht halten, ein Diabetes die Messfühler der Füße beeinträchtigt oder das Gleichgewichtssystem im Innenohr oder Gehirn gestört ist, "geht es mit dem Schwindel los". Jede Störung für sich allein kann schon dazu beitragen.

Sprechen die Beschwerden für eine Erkrankung im Innenohr, nehmen im Allgemeinen HNO-Ärzte die Spur auf. "Ich bin morgens aufgewacht, ­habe mich auf die Seite gelegt, und plötzlich drehte sich das Bett", zitiert HNO-Arzt Dr. Michael Deeg die typische Klage eines Patienten in seiner Freiburger Praxis. "Ein solcher Aus­löser ist ein klarer Hinweis auf die Schwindelursache – in diesem Fall ein Lagerungsschwindel." Abgelöste und verirrte Ohrsteinchenkristalle treten die schweren Attacken los.

Doch auch Stoffwechselstörungen an den Bogengängen im Innenohr können dort winzige Lymphgefäße fast zum Platzen bringen. "Eine Erkrankung wie ein solcher Morbus Menière kann mächtige Turbulenzen auslösen", weiß Dr. Michael Deeg. Schließlich können auch Viren das Gleichgewichtsorgan entzünden oder hinter dem Trommelfell chronisch-entzündliche Prozesse in Gang bringen.

Verschiedene Auslöser von Schwindel im Überblick

Vielzahl von Tests

Die Fachärzte verfügen deshalb über ein reiches Instrumentarium, um den Ausfällen im Gleichgewichtsorgan auf die Schliche zu kommen. Da werden Patienten ruckartig vom Liegen in die Senkrechte gebracht. Ihre Ohren mit unterschiedlich warmem Wasser geflutet oder ihre Augen mit einer Spezialbrille ausgestattet und gefilmt. "Vor allem an den Augenbewegungen können wir etliches ablesen", bestätigt Schwindelexpertin Doreen Huppert, "beispielsweise ob die Störung eher das Gleichgewichtsorgan oder die Gleichgewichtszentrale im Gehirn betrifft." Gerade hinter Schwindelbeschwerden, die sich nicht leicht aufklären lassen, verbergen sich die unterschiedlichsten Erkrankungen.

Neurologische und HNO-ärztliche Tests müssen dann ineinandergreifen. Diagnosezentren wie die Münchener Schwindelambulanz sind auf die schwierigeren Fälle spezialisiert. An einer Lichtkugel finden Ärzte heraus, ob der Patient etwas Schiefes auch als schief erkennt. Reflexe, Koordination und Geschicklichkeit kommen ebenso auf den Prüfstand wie Stehen und Gehen unter erschwerten Bedingungen.

Doch in vielen Fällen genügt bereits der HNO-ärztliche Blick ins Ohr oder eine Hörprüfung, um einen Verdacht zu bestätigen. Steht die Ur­sache fest, ist in den meisten Fällen Hilfe nicht weit. Einfache Lagerungsmanöver, die der Patient erlernt und selbst bei Bedarf anwenden kann, spezielle Übungen gegen Gangstörungen, vor allem aber verschiedene Medikamente rücken die Welt oft wieder gerade. Die Tatsache, dass endlich der Grund allen Übels erkannt wurde und nichts Schlimmes dahintersteckt, hat einen wohltuenden Effekt auf den Menschen.

Ursachen-Mix im Alter

Noch schwieriger wird es allerdings, wenn viele Ursachen zusammenkommen: Ältere leiden häufig unter einem Dauerschwindel, der sich aus einer ­Mischung verschiedener Erkrankungen ergibt: Sie sehen schlechter. Das Gleichgewichtsorgan und die Messfühler in Gelenken und Muskeln sowie Nerven arbeiten nicht mehr richtig. Kopf- und Halsarterien können eingeengt sein. Hinzu kommen Nackenverspannungen, weil der Kopf in einer Haltung, etwa beim Lesen oder am Rollator, verharrt. Eine wachsende Unsicherheit verstärkt das Benommenheitsgefühl. Nicht zuletzt kann Schwindel ebenso ein Signal für eine Angsterkrankung sein.

"Auch bei einer solchen ‚multimodalen‘ Mischform sollten die Patienten nicht die Hoffnung verlieren", betont Prof. Huppert. "Jede einzelne Komponente kann und sollte man behandeln." So lindern Medikamente, die einen Effekt auf die Haarzellen im ­Innenohr ausüben, meist die Symptome. Ein regelmäßiges Gleichgewichtstraining fordert zusätzlich die Steuerzentrale im Kopf – mit zielgenauen Übungen, die beim Physiotherapeuten erlernt und zu Hause fort­geführt werden. "Einen typischen Altersschwindel gibt es nicht", bestätigt HNO-Arzt Deeg, "eher einen Schwindel, der häufig im Alter auftritt."

Manchem hilft Bewegung

Mitunter aber kann allein die Angst, nach einer erfolgreichen Behandlung erneut von den quälenden Beschwerden überrascht zu werden,   bei sensiblen Menschen ein dauerhaftes Wanken auslösen: Das Leben gerät ihrem Gefühl nach aus der Bahn. Bewegung macht es besser, ­berichten viele Ältere, die in dieser Situation stecken. "Gehen Sie raus in die Natur, bleiben Sie nicht im Sessel sitzen!", ermuntert HNO-Arzt Deeg seine Patienten. Unebene Böden und eine vielgestaltige Umgebung liefern Reize, die unser Gleichgewichtsorgan braucht. "Das Gleichgewicht passt sich über das zentrale Nervensystem neuen Gegebenheiten an und reguliert sich selbst." Man sollte ihm also eine Aufgabe geben!


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