Im Alter noch mal an die Uni

Viele Menschen wollen sich nach Renteneintritt noch einmal an der Universität fortbilden. Welche Möglichkeiten es gibt
von Stephan Soutschek, 20.08.2015

Gehört zum Studium dazu: Fachbücher wälzen

Shutterstock/Monkey Business Images

"Es ist nie zu spät, um den eigenen Horizont zu erweitern." Dieses Zitat stammt vom Australier Allan Stewart. Er muss es wissen. Denn 2012, zum Zeitpunkt dieses Ausspruchs, hatte er gerade sein Studium beendet – im Alter von 97 Jahren. Damit gilt er als ältester Hochschul-Absolvent der Welt. Er brach damit den Rekord, den er selbst wenige Jahre zuvor im Alter von 91 aufgestellt hatte. Insgesamt viermal drückte Stewart die Uni-Bank: Einmal in seiner Jugend, dreimal nach Renteneintritt.

So hochmotiviert wie der Rekordstudent aus Down Under sind sicher die wenigsten. Dennoch packt viele Menschen auch in Deutschland die Lust, in der zweiten Lebenshälfte im Hörsaal Platz zu nehmen. Rund 50.000 über 50-Jährige waren bundesweit an deutschen Hochschulen eingeschrieben, Tendenz steigend.

Seniorenstudium: Wissen erweitern, Verpasstes nachholen

Viele Mitt-Zwanziger sind froh, wenn sie ihren Uni-Abschluss endlich in der Tasche haben und sich ins Berufsleben stürzen können. Was motiviert Menschen dazu, sich im Alter freiwillig noch ein Studium anzutun? "Die Motivation ist so vielfältig, wie die Menschen in der zweiten Lebenshälfte selbst", sagt Rainer Adelmann. Er ist Pressesprecher beim Akademischen Verein der Senioren in Deutschland (AVDS). Die gemeinnützige Organisation bietet unter anderem auf ihrer Internetseite* Informationen für studierwillige Ältere.

"Oft ist es die Möglichkeit, das zu tun,was man sich schon immer gewünscht hat", sagt Adelmann. Ein Studium im Alter kann dann die Gelegenheit sein, Verpasstes nachzuholen. Manch einer hat sich mit 20 Jahren nicht getraut, seinen Traum von Philosophie zu erfüllen, und entschied sich für ein vermeintlich solideres Fach. Ein anderer konnte sich als Arbeiterkind ein Studium nicht leisten und holt das mit 65 Jahren nach. Viele motiviert zudem die Hoffnung, im Alter geistig fit zu bleiben, wenn sie sich nach Rentenantritt noch einmal auf etwas Neues einlassen.

Welche Fächer bevorzugen die älteren Studenten? "Sehr beliebt sind Philosophie, Geschichte, Kunstgeschichte, Archäologie", sagt Adelmann. Theologie und Psychologie stehen ebenfalls hoch im Kurs. Also Fächer, die sich mit Sinnfragen, Kunst und Gesellschaft beschäftigen. Manch einen locken auch Veranstaltungen in den sogenannten "Orchideenfächern". Das sind Studienfächer, bei denen nur wenige reguläre Studenten eingeschrieben sind, wie zum Beispiel Ägyptologie oder Tibetologie. Für Adelmann tragen die älteren Uni-Besucher dadurch ein Stück weit dazu bei, diesen Exoten ihre Existenzberechtigung zu geben.

Als Student oder Gasthörer an die Uni

Australier Allan Stewart schloss sein viertes Studium mit dem Abschluss Master im Fach Clinical Science ab. Tatsächlich können ältere Menschen sich ganz regulär für ein bestimmtes Studienfach an der Hochschule einschreiben – mit Regelstudienzeit, Pflichtveranstaltungen, Prüfungsstress, Abschlussarbeit und allem, was sonst noch dazu gehört. Dazu müssen sie aber die Zulassungsvoraussetzungen erfüllen. Meist ist das die Allgemeine Hochschulreife, sprich Abitur. Einige Fächer stellen zudem besondere Anforderungen wie einen Eignungstest. Wer sich für eine bestimmte Studienrichtung interessiert, informiert sich am besten auf der Homepage oder bei der Studienberatung der Universität nach der jeweiligen Regelung.

Für alle, die keine Lust auf Klausuren haben oder sich nicht auf ein bestimmtes Fach festlegen möchten, gibt es Alternativen. Viele Hochschulen bieten ein Seniorenstudium an. Wer sich dazu einschreibt – in der Unisprache: immatrikuliert – darf unter ausgewählten Vorlesungen aus verschiedenen Fächern diejenigen wählen, die ihn am meisten interessieren. Die Veranstaltungen bilden meist eine große Bandbreite ab, neben den Geistes- und Kulturwissenschaften zum Beispiel noch Theologie, Medizin oder Biologie. Für ein Seniorenstudium muss man sich jedes Semester neu anmelden.

Zertifikatsstudium: Büffeln mit Abschluss

Einige wenige Universitäten bieten zudem die Möglichkeit eines Zertifikatsstudiums. Dabei handelt es sich um ein Seniorenstudium mit Hausarbeiten, Prüfungen und einem ordentlichen Abschluss. Quasi ein Mittelweg für alle, die sich ein reguläres Studium nicht mehr antun wollen, aber nichts gegen ein bisschen Leistungsdruck haben oder am Ende etwas vorzuweisen haben möchten. Ein Zertifikatsstudium dauert mit rund vier bis fünf Semestern kürzer als ein grundständiges Bachelor-Studium mit sechs Semestern Regelstudienzeit. Der "Studienführer für Menschen in der 2. Lebenshälfte", der kostenpflichtig beim AVDS bestellbar ist, bietet einen Überblick darüber, an welchen Universitäten in Deutschland es Programme speziell für Senioren gibt.

Falls an einer Hochschule kein Seniorenstudium möglich ist, gibt es in der Regel zumindest ein Gasthörerstudium. Dabei handelt es sich im Prinzip um das Gleiche wie ein Seniorenstudium, nur dass es Menschen jeder Altersstufe offen steht. Die Kosten für beide Studienformen sind von Universität zu Universität unterschiedlich. Sie lassen sich grob auf etwa 100 bis 300 Euro pro Semester beziffern. Einige Hochschulen verlangen Abitur oder Mittlere Reife als Zugangsvoraussetzung, andere verzichten darauf.

Vor dem Studium informieren

Ob jemand sich zu einem Senioren- oder regulären Studium entschließt, ist letzten Endes eine persönliche Entscheidung. Vor allem in letzterem Fall sollte man sich vorab gut informieren: Welche Pflichtveranstaltungen und Bewerbungsfristen gibt es, wann kann man sich einschreiben? Die zentralen Studienberatungen der Universitäten sowie die Fachstudienberatungen des jeweiligen Instituts können hier weiterhelfen.

Für ein Senioren- oder Gasthörerstudium haben Hochschulen oft ebenfalls eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet, an der Interessierte sich beraten lassen können. Eine Bewerbung ist in aller Regel nicht notwendig. Es genügt, an den Einschreibeterminen die dafür erforderlichen Unterlagen mitzubringen. Diese finden meist einige Wochen vor Semesterbeginn statt.

Zusammenspiel mit Jüngeren meist unproblematisch

Manch einer freut sich schon auf den Kontakt mit jüngeren Leuten an der Universität. Ein anderer mag genau deswegen Bammel empfinden. Gibt es nicht das Vorurteil, dass die jungen Studenten von ihren älteren Kommilitonen genervt sind, weil diese in der Vorlesung immer die erste Reihe besetzen? Vereinzelt mag es das geben. Die Regel oder gar ein Grund, nicht zu studieren, ist es aber nicht: "Alle Seniorstudenten, mit denen ich gesprochen habe, betonen, wie gemeinschaftlich es zwischen Alt und Jung zugeht", sagt Adelmann.

Um Konflikte zwischen den Generationen im Vorfeld zu vermeiden, nennt der Studienführer des AVDS einige Verhaltenstipps: Man solle vermeiden, nach Beginn noch in eine Veranstaltung zu platzen oder "einen Vortrag mit eher persönlichen Anliegen als fachlichen Beiträgen zu unterbrechen." Eine Regel, die für Studenten jeden Alters gilt. Außerdem: "Seien Sie locker und unverkrampft". Spätestens bei seinem vierten Studium dürfte Allan Stewart das keine Probleme mehr bereitet haben.

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