Interview: Guido Knopp über Geschichte

Der studierte Historiker spricht im Interview über die Faszination der Vergangenheit und die Dramaturgie in seinen Sendungen

von Thomas Röbke, 21.07.2011

Angenommen, Sie dürften eine Reise mit der Zeitmaschine machen – wo würden Sie aussteigen?

Am spannendsten wäre das 10. Jahrhundert. Da sind die Ungarn über Deutschland hergefallen – nach deutscher Lesart. Die ungarische Geschichtssicht ist eine andere. Meine­ Frau ist ja Ungarin, in ihrem Geschichtsbuch ist die Rede von neugierigen Erkundungsritten nach Westen, ob von dort noch Gefahr droht. Da würde ich gern mal schauen, wie es wirklich gewesen ist.

Gibt es auch eine Zeit, in der Sie sich vorstellen können, dauerhaft zu bleiben?

Unser Mobiliar zu Hause stammt aus der Zeit zwischen 1750 und 1830, also Rokoko und Klassizismus. In dieser Phase der Geschichte hätte ich gerne gelebt – aber mit den hygienischen und medizinischen Möglichkeiten von heute.

Mit Ihren Geschichtsdokumentationen haben Sie das Deutschlandbild sehr geprägt. Vor allem der selbstkritischen Aufbereitung des Nationalsozialismus wird im Ausland Respekt entgegengebracht ...

Als nach dem Krieg Geborene sind wir nicht verantwortlich für das Geschehene – dafür umso mehr dafür, das Vergessen und Verdrängen zu verhindern. Als Geschichtsjournalisten haben wir außerdem die Aufgabe zu zeigen, dass die deutsche Geschichte sich nicht in diesen furchtbaren zwölf Jahren erschöpft. Es gab eine sehr reiche, sehr vielfältige Geschichte zehn Jahrhunderte davor, die uns Antworten gibt auf die Fragen, wer wir sind und woher wir kommen. Dass wir seit 1945 die beste, friedvollste und glücklichste Phase der gesamten deutschen Geschichte erleben durften, dass das Damoklesschwert eines atomaren Konflikts nicht über uns schwebt, ist ein Glück und eine Gnade.

Was macht Ihre Sendung so populär? Ist der Schulunterricht zu langweilig?

Das liegt sicher auch an der Machart. Den frontalen Geschichtsunterricht mit dem sturen Auswendiglernen von Zahlen, Fakten, Daten haben viele meiner Generation als dröge, trocken und langweilig empfunden. Ich hatte das Glück, einen tollen Geschichtslehrer zu haben. Der hat schon in den 60er-Jahren Dinge getan, die auch andere hätten tun können: nämlich Filme und Schallplatten einsetzen. Ich war begeistert, und mein Geschichtsinteresse wurde dadurch noch beflügelt.

Sind die Menschen heute offener für Geschichtsthemen?

Ja, es ist der richtige Zeitpunkt für diese Themen. Sich mit den Wurzeln der deutschen Geschichte zu beschäftigen wäre im geteilten Deutschland schwieriger gewesen, kontroverser. Heute ist es viel einfacher, Antworten zu finden auf die Frage: Was hat die deutsche Geschichte eigentlich geprägt? Die Kontinuität ist übrigens verblüffend: Die Probleme, die Otto der Große im zehnten Jahrhundert mit seinen Herzögen hatte, hat Angela Merkel mit ihren Landesfürsten in ähnlicher Form auch.

Ihre Idee, historische Szenen nachzuspielen, hat Ihnen viel Kritik eingebracht.

Die Kritiker fanden, das sei in Dokumentationen nicht legitim. Aber was nachgestellt wird, ist ja im Detail beschrieben worden und durch Zeugen bestätigt. Mittlerweile ist das nicht nur völlig anerkannt, sondern wird weltweit in Dokumentationen verwendet. Wenn man Pionier ist, wird man oft am Anfang befehdet; aber dann setzt sich das Neue doch durch.

Einige Historiker haben dafür schon den Begriff des "Verknoppens" geprägt...

Man könnte viel dazu sagen; nur so viel: Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.

Ist Ihr dramaturgisches Gespür gelernt, oder haben Sie es geerbt?

Gute Frage. Ich denke, es hat sich durch die Arbeit entwickelt, aber auch durch das Anschauen vieler Filme. Aus der Spielfilmdramaturgie kann man sehr viel lernen für dokumentarische Formen im Fernsehen.

Die "Schlesienabende" Ihrer Groß­eltern haben Sie nicht für Geschichte entflammt, haben Sie mal gesagt.

In der Pubertät waren diese Abende mit meinen Eltern und den aus Schlesien vertriebenen Großeltern teilweise ermüdend, ja. Aber Jahre später habe ich verstanden, dass sie für meine Großeltern sehr wichtig waren. Es tat ihnen gut, sich von der Seele zu reden, was sie erlebt hatten. Über deutsche Leiden zu sprechen war außerhalb der Vertriebenenverbände ja nie opportun. Die Wunden des Krieges können vernarben, aber auch Narben können schmerzen.

Hat sich Ihre Geschichtsbegeisterung auf Ihre Kinder übertragen?

Sie sind interessiert, sehen auch gerne meine Serien. Ich glaube aber nicht, dass sie mal eine ähnliche Studienrichtung einschlagen wollen.

Aber bei den Geschichtshausaufgaben müssen Sie mit ran?

Gelegentlich rede ich da ein kleines Wörtchen mit. Die Kinder standen und stehen natürlich im Geschichtsunterricht unter besonderer Beobachtung...

Zur Person

Guido Knopp wurde am 29. Januar 1948 im nordhessischen Treysa geboren.

Nach Studium (Geschichte, Politik, Publizistik) und Promotion leitete er u.a. das Auslandsressort der "Welt am Sonntag" und war Auslandsredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 1978 wechselte er zum ZDF und baute 1984 die Redaktion "Zeitgeschichte" auf, die er seitdem leitet.

Knopp lebt in Mainz, ist in zweiter Ehe mit der ungarischen Lehrerin Gabriella verheiratet und hat aus beiden Ehen jeweils zwei Kinder.


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