Lernen von den Oldtimern

Ein Stuttgarter Autokonzern holt Mitarbeiter aus der Rente zurück: Sie sollen den Nachwuchs anleiten

von Miriam Hoffmeyer, aktualisiert am 13.11.2015
Von den Älteren lernen

Ältere Arbeitnehmer sollen ihr Wissen an Jüngere weitergeben


Die langjährigen Kollegen sind noch da, auf dem Schreibtisch steht sein altes Telefon: Ein bisschen ist es für Peter E., als wäre er nach Hause gekommen. Im Juli 2013 hatte sich der Logistikplaner in den Ruhestand verabschiedet, mit 63 Jahren, wie bei Daimler üblich. "Das war ein großer Schritt", erinnert er sich. Denn E. hat immer gern gearbeitet, 37 Jahre war er im Daimler-Werk in Böblingen. Wenn ein früherer Kollege im Büro Geburtstag feierte, ging er hin – mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass er bald wieder hier arbeiten könnte.

"Senior Experts" als Programm

Denn kurz bevor Peter E. in Rente ging, hatte Daimler sein "Senior Experts"-Programm ins Leben gerufen. Die Idee: Erfahrene Mitarbeiter im Ruhestand sollen ihr Spezialwissen an den Nachwuchs weitergeben. "Ich habe mich sofort angemeldet!", sagt E. Jetzt ist er wieder im Einsatz, acht Stunden pro Tag, vier Tage die Woche. Stets an seiner Seite ist der junge Wirtschaftsingenieur Florian W., der alles lernen soll, was Peter E. über die Entwicklung von Ladungsträgern weiß – und das ist viel. "Ich empfinde es als großes Glück, dass mich jemand mit so viel Berufserfahrung anlernt", sagt Florian W. "Das ist eine tolle Unterstützung!"

Ladungsträger sind Konstruktionen, in denen die Einzelteile von Fahrzeugen über weite Strecken transportiert werden. Für ein neues Daimler-Modell werden drei- bis viertausend verschiedene Bauteile entwickelt. Und jedes davon braucht einen passenden Ladungsträger, der stabil und kostengünstig sein muss.

Jedes Teil ist anders. Wenn zum Beispiel Heckscheiben von Robotern eingebaut werden sollen, müssen sie so verpackt sein, dass sie mit Saugnäpfen vom Ladungsträger genommen werden können, erklärt Peter E. Zusammen mit Florian W. kümmert er sich um Träger für Bauteile der neuen E-Klasse, von der Uhr am Armaturenbrett bis zum Schiebedach. Dabei vermittelt der Ältere dem Jüngeren nicht nur sein Wissen, sondern auch seine vielfältigen Kontakte zu Mitarbeitern anderer Abteilungen und externen Lieferanten: "In diesem Job ist es sehr wichtig, genau zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute anzusprechen."

Rund 15.000 Jahre Berufserfahrung

In der Logistik sind die Zeitpläne eng getaktet. Häufig gehen die beiden gemeinsam auf Dienstreise, die Lieferanten der Ladungsträger sitzen in ganz Europa. Zum Glück stimmt die Chemie zwischen dem 65-jährigen Meister und dem 40 Jahre jüngeren Ingenieur. Auch der Chef der beiden, Wolfgang M., ist begeistert von der Zusammenarbeit: "Dass Herr Ei. wieder zu uns kommen wollte, war ein einmaliges Angebot! Es ist unser wichtigstes Kapital, dass neue Mitarbeiter gut eingearbeitet werden."

"Space Cowboys" nennt Daimler seine Senioren-Experten – nach dem Film von Clint Eastwood, in dem vier Astronauten im Rentenalter die Welt retten. Nur sie kennen sich noch mit der Technik eines atomwaffenbestückten alten Satelliten aus, der auf die Erde zu stürzen droht. Mehr als 500 Space Cowboys sind derzeit im Expertenpool des Konzerns registriert, zusammen haben sie rund 15.000 Jahre Berufserfahrung.

Fachkräftemangel ausgleichen

Seit Beginn des Programms waren 170 von ihnen im Einsatz, vor allem in den Bereichen Produktion, Forschung und Entwicklung, IT und Vertrieb. Die Senior-Experten werden pro Arbeitstag bezahlt. Meistens sind es Ingenieure oder Meister wie Peter E., die ihr Know-how an die Jüngeren weitergeben.

"Durch die Zusammenarbeit zwischen den Generationen gewinnen wir wertvolle Impulse", sagt Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth über das Programm. Andere Unternehmen setzen schon länger auf Wissen und Erfahrung ihrer Mitarbeiter im Ruhestand. So gründete Bosch vor 16 Jahren die Tochterfirma BMS, bei der weltweit rund 1 700 ehemalige Beschäftigte registriert sind, ein Drittel davon in Deutschland. Seit 2012 bietet die Otto Group ihren Ruheständlern ebenfalls die Möglichkeit, in das Unternehmen zurückzukehren.

Damit will sie auch dem drohenden Fachkräftemangel vorbeugen. Die Tätigkeit der Rentner bei ihrem früheren Arbeitgeber ist auf maximal sechs Monate pro Jahr befristet. Peter E. kann sich jedoch vorstellen, auch im nächsten Jahr wieder als "Space Cowboy" einzuspringen, wenn seine Frau einverstanden ist. "Im Herbst kümmere ich mich wieder um den Garten", meint er. "Herr W. hat mir beigebracht, wie man Weinstöcke bindet. Man lernt auch von der Jugend!"


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