"Im Karate sind alle gleich"

Peter Heilmann (61) und Tochter Carolin (33) sprechen über ihre gemeinsame Leidenschaft für Karate – und warum sich der asiatische Sport gerade für Senioren lohnt

von Kai Klindt, 05.04.2016

Der Gurt muss sitzen. Akkurat bindet Peter Heilmann die beiden Enden ineinander, krawattengleich, sodass die Seite mit den japanischen Schriftzeichen nach vorn zeigt: Punkt, Komma, Strich. Dahinter verbirgt sich keine fernöstliche Weisheit; die Zeichen stehen für den Namen des 61-jährigen Karatekas, wie sich die Anhänger des Kampfsports nennen. Der Hausarzt und Sportmediziner aus Franken tritt an zum Training mit seiner Tochter. Carolin Heilmann (33) ist Sportwissenschaftlerin in München.

Vater gegen Tochter – geht das so einfach im Karate? In manchen Sportarten ist man ja schon mit 35 zu alt ...

Peter: Das ist ja das Schöne am Karate! Ob alt oder jung, groß oder klein, Mann oder Frau: Das spielt alles keine Rolle. Wir stellen uns auf den anderen ein, das ist Teil der Kunst.

Sie sind seit fast 40 Jahren dabei. Wie haben Sie Ihre Tochter für Karate begeistern können?

Peter: Das war nicht schwer. Alle Väter bei mir im Verein haben ihre Töchter zum Karate gebracht!

Carolin: Du hast uns im Kinderzimmer ein paar Sachen aus dem Karate gezeigt. Das hat mich total fasziniert. Diese präzisen Bewegungen! Mit 14 habe ich dann angefangen.

Schon mal ein Brett mit der bloßen Hand zertrümmert?

Peter: Ja, zwei Mal. Aber nur zu Showzwecken.

Carolin: Das kommt halt bei Vorführungen ziemlich gut an. Diese präzise Technik, diese Wucht!

Peter: Aber eigentlich ist es völlig sinnlos. Karate hat nichts damit zu tun, dass man etwas zerschlägt.

Vor der honigmelonenfarbenen Wand eines Münchner Fitnessstudios knien sich beide auf den Boden, schließen kurz die Augen. Dann stellen sie sich gegenüber und machen eine knappe Verbeugung. Beide tragen den weißen Karateanzug aus fester Baumwolle, dick wie Pappe.

Dieses Begrüßungsritual, der traditionelle Aufzug – kommt man sich da als Deutscher nicht verkleidet vor?

Peter: Es ist eher umgekehrt. Ich käme mir im Trainingsanzug komisch vor! Der Karate-Anzug gibt mir das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein, wirklich Abstand zu gewinnen.

Carolin: Die Idee ist, dass im Karate alle gleich sind. Egal ob man nun Verkäufer, Arzt oder Rentner ist.

Aber, Hand aufs Herz: Karate ist auch eine Typfrage, oder?

Carolin: Man muss wissen, dass man während des Trainings normalerweise schweigt.

90 Minuten lang!

Carolin: Ja. Für meine Mutter war das nichts, die ist so ein Typ, die möchte sich beim Sport unterhalten.

Wie zwei Synchronturner bewegen sich die Trainingspartner. Langsam, geradezu vorsichtig tastend geht die geöffnete rechte Hand vor und zurück. Dann, als wäre ein Schalter umgelegt worden, eine blitzschnelle Folge von zwei Faustschlägen in die Luft. Eine Art Schattenfechten und so etwas wie die Pflicht im Karate: ein genau vorgeschriebener Ablauf von Schritten, Tritten, Stößen und Schlägen, der wieder und wieder geübt wird. Noch eine 180-Grad-Wendung um die eigene Achse, und Peter Heilmann brüllt die Wand an.

Was war das? Japanisch?

Peter: Das war ein Kiai, unser Kampfschrei. Um die Luft und den Druck rauszulassen.

Der Vater hat vier schwarze Gürtel, ein hohes Rangzeichen im Karate – zwei mehr als die Tochter. Wird man mit den Jahren besser?

Peter: Man gewinnt an Erfahrung. Mir geht es so, dass ich mit zunehmendem Alter mehr den geistigen Hintergrund des Karate sehe, nicht nur die körperliche Aktivität.

Carolin: Das ist anders als bei Walking oder Gymnastik. Da gehe ich hin und danach wieder nach Hause. Karate nimmt man mit in den Alltag.

Wie das?

Peter: Ich bin hellwach und kann mich besser konzentrieren.

Carolin: Oder auch die Achtsamkeit. Man lernt, das Umfeld um einen herum mehr wahrzunehmen, egal ob im Verkehr oder zu Hause.

Der Kampf. Ein tänzelndes Vorwärtsdrängen und Zurückweichen auf dem dunklen Parkett. Beide haben die Augen aufgerissen, fixieren den Partner. Plötzlich ein rascher Hieb mit der Handkante an den Hals, den das Gegenüber mit einem Schlag in die Magengrube beantwortet. Die Faust klatscht gegen das steife Tuch des Anzugs.

Sagen Sie jetzt nicht, dass das nicht wehtut!

Peter: Tut es nicht, weil wir Stöße und Tritte scharf abbremsen. Wer den anderen verletzt, hat verloren!

Ist Karate ein gesunder Sport?

Carolin: Auf jeden Fall! Gerade für Senioren. Man trainiert Kraft, Koordination, Schnelligkeit und Beweglichkeit auf einmal – also genau die schwachen Punkte im Alter.

Was raten Sie als Arzt älteren Einsteigern?

Peter: Man sollte behutsam anfangen. Die Bänder und Gelenke nicht überlasten! Am besten trainiert man zunächst in einer Gruppe mit anderen Anfängern.

Sie haben beim Training ernst gewirkt. Macht Karate auch Spaß?

Carolin: Wir lachen auch! Es gibt immer wieder witzige Situationen. Und es macht allein schon Spaß, so ein tolles Körpergefühl zu bekommen.


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