Wege aus der Sucht

Alkohol, Medikamente, Glücksspiel: Abhängigkeit führt in einen Teufelskreis. Wie sich die Sucht im Alter verändert - und wie man sich vornehmen kann: Nie wieder!

von Raphaela Birkelbach, 07.11.2018
Glücksspiel

Horst Lindenborn schaut hoch zu den Schuhen. Sanft schaukeln sie im Baumwipfel. "Viele, die entlassen werden, schmeißen sie da oben hoch", erzählt der ehemalige Glücksspieler. Bloß weit weg damit. Neue Pfade einschlagen. Der 57-jährige Lkw-Fahrer hat sich in der Median-Klinik Wigbertshöhe in Bad Hersfeld zu einem Neuanfang entschlossen. Heute ist er hier zu Besuch in seinem alten Leben – oder in dem, was am Ende davon übrig war: 80 000 Euro Spielschulden, Ehekrise, Suchtklinik.

Portrait

Lindenborn geht durch die Gänge, begrüßt Therapeuten, sieht verstohlen seine Frau Regina an, die heute an seiner Seite ist, ab und an tauschen beide "Weißt-du-noch-Blicke" aus. "Ohne die Klinik und meine Familie hätte ich das nie geschafft", meint der zweifache Vater.

Die Sucht in der Gesellschaft:

  • 27 Prozent der Männer und 19 Prozent der Frauen konsumieren im Alter so viel Alkohol, dass ihre Gesundheit in Gefahr ist. Alkoholabhängig sind rund 400 .000 Menschen über 60 Jahre.
  • 1,3 Millionen über 65-Jährige sind abhängig von Medikamenten, zu zwei Dritteln sind es Frauen.
  • 1,1 Prozent der 56- bis 70-Jährigen in Deutschland sind spielsüchtig, das sind mehr als 100. 000 Menschen. Für über 70-Jährige liegen keine Daten vor, vermutlich sind es ähnlich viele.
  • 10 Prozent der pflegebedürftigen Menschen, die ­ambulant oder stationär betreut werden, leiden schätzungsweise unter Suchtproblemen.

Sucht zerstört. Die Experten gehen von 400.000 über 65-jährigen Alkoholikern und 1,3 Millionen älteren Medikamentensüchtigen aus. Auch vor dem Geldspielautomaten sind Rentner immer häufiger anzutreffen. Daten, wie viele über 70-Jährige ihr Leben verzocken, fehlen. Fachleute vermuten, dass es um die 100 000 sind. Lange Zeit hat sich die Fachwelt für solche Daten kaum interessiert, "nach dem Motto ‚Gönn Opa doch sein Bierchen‘", kritisiert Jean-Christoph Schwager, Leiter der Gruppe 50+ in Bad Hersfeld, die es seit 1997 gibt.

Bundesweit richten Experten erst seit ein paar Jahren verstärkt ihren Blick auf die abhängig Gewordenen. Ihre Zahl steigt ebenso wie das Wissen darum, weshalb sie Hilfe brauchen. "Ältere verkraften Suchtstoffe immer weniger, vor allem wenn sie mehrfach krank sind", so Schwager. Leiden wie Leberzirrhose, Bluthochdruck, Depressionen oder Hirnschäden drohen rascher; Medikamente wirken in Kombination mit Alkohol anders, zudem steigt das Risiko, im Rausch zu stürzen. Die Abwärtsspirale dreht sich in einem fort.

Storys ohne Happy End

Um sie zu stoppen, setzen Fachleute auf altersgerechte Therapien. "In der Gruppe 50+ kommen andere Sachen hoch als bei Jüngeren", sagt der Suchtspezialist aus Bad Hersfeld. Häufig ist das beendete Berufsleben ein Thema. Fatal, wenn traurige Gedanken die Leerstelle füllen. "Mit dem Älterwerden sind schmerzliche Verluste verbunden", erklärt Monika Gerhardinger. Die Sozialpädagogin berät in der Sucht-Beratungsstelle der Caritas in Regensburg ältere Menschen.

Oft erzählen sie von Einsamkeit, Krankheit oder dem Tod des Partners. Es sind Storys ohne Happy End, in denen die Hauptfiguren zugedröhnt neben sich stehen, "viele Senioren ziehen sich in ihrer Sucht stark zurück", so Gerhardinger.

Tappen Senioren in die Falle Abhängigkeit, befreien sie sich im Vergleich zu Jüngeren oft leichter da­raus, so die Erfahrung von Jean- Christoph Schwager aus der Klinik Wigbertshöhe. "Sie können an mehr Erfolge anknüpfen." Der Therapeut weiß aber auch: Ob ein erfülltes Berufsleben, ein schmuckes Eigenheim oder viel erworbenes Wissen, "Suchtkranke schämen sich meist abgrundtief und sehen das Gute in ihrem Leben nicht". In der Therapie legt Schwager die zugeschütteten Kraftquellen behutsam frei, "nach dem Prinzip Fördern und Fordern". Er begrüßt, wenn jemand seine Stärken auslotet, zeigt die rote Karte bei Unpünktlichkeit und fragt: "Was tun Sie nun mit der Zeit, die Ihnen die Abhängigkeit früher gestohlen hat?"

Vom Suchtdruck befreit, werde vielen Senioren bewusst, dass ihnen nicht mehr so viele Jahre bleiben, erlebt Sozialpädagogin Gerhardinger aus Regensburg. "Sie wollen sie noch sinnvoll verbringen", sagt die Beraterin. Nun gilt es, das Leben neu auszurichten: Wofür lohnt sich der Kampf gegen die Sucht? Wer glaubt an einen? Wer freut sich mit?

Adressen für Suchtfragen:
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS) informiert unter der Telefonnumer 023 81/9 01 50 oder www.dhs.de; speziell zum Thema Sucht im Alter unter www.unabhaengig- im-alter.de; auf der DHS-Homepage finden Sie Adressen aller Einrichtungen der Suchthilfe unter www.suchthilfeverzeichnis.de

Sanfter Entzug

Ältere Menschen leiden immer häufiger unter Tablettensucht. Ob angstlösende, schlaffördernde oder stark schmerzstillende Medikamente, "Ärzte verschreiben suchtfördernde Mittel über 70-Jährigen viel zu schnell", sagt Gotthard Lehner, Leiter der Fachklinik Haus Immanuel in Hutschdorf. Er unterstützt in der oberfränkischen Suchtklinik für Frauen Tablettensüchtige.

Vielen ist die Ta­blettensucht nicht bewusst. "Sie haben ja nur die Verordnung des Arztes befolgt", erklärt der Sozialpädagoge aus dem Haus Immanuel. Von Medikamenten Abhängige leiden oft still. "Um die Wirkung zu erzielen, muss die Dosis gesteigert werden, sonst drohen Entzugserscheinungen." Macht die Arznei benommen, folgt zudem der Rückzug aufs Sofa, und das Sturzrisiko steigt, nicht selten bedeutet das Pflegeheim. 

Die Sucht fällt meist erst auf, wenn sie Alkohol trinken, um die Wirkung der Medizin zu steigern. Dann wird die Lage immer vertrackter. Sich Hilfe holen lohne aber immer, betont Lehner. Die meisten seiner älteren Patienten leben laut ihm nach der Therapie wieder abstinent und zufrieden. "Sich gebraucht fühlen, das ist ihr Geheimnis."

Horst Lindenborn hat seine Frau und die beiden Töchter. Er wirft einen letzten Blick auf den Baum vor der Klinik. Im Wipfel schaukeln die Schuhe. Da hängen sie gut.

 


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