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Illusion als Therapie: Virtuelle Realität in der Altersmedizin

Ob bei Demenz, Angststörungen, Schmerzen oder Sturzgefahr: Wie der Blick durch eine 3-D-Brille neue Wege in der Altersmedizin zeigt.

von Raphaela Birkelbach, 08.06.2020

Etwas Unbegreifliches hat Marianne K. krank gemacht. "Meine Nach­barin ist ermordet worden", erzählt die 81-Jährige aus Borchen. Nachts raubt das Entsetzen über die Tat ihr den Schlaf. "Am Morgen tut mir alles weh", sagt sie.

Etwas Unbegreifliches soll heute der Patientin die Schmerzen an Leib und Seele nehmen: Ergotherapeut Maximilian Kramp setzt ihr in der Tagesgeriatrie im St. Johannisstift ­Paderborn eine riesige Brille auf. Schon bald greift die kleine Frau mit vielen freudig klingenden "Ohs!" und Ahs!" in die Luft. Nach oben, nach unten, zur Seite ...

Nur scheinbar wahllos, weiß der junge Mann neben ihr. Auf dem Bildschirm vor sich sieht er die Unterwasserwelt, in die seine Patientin gerade eintaucht. "Die Brille gaukelt vor, auf dem Meeresboden zu sein", sagt Kramp. Täuschend echt, Marianne K. fasst in ihrer Wahrnehmung einen roten Fisch an, streichelt gelbe Korallen, berührt silbrige Quallen.

Sich einfach in andere Wirklichkeiten beamen – dank Hightech sind solche dreidimensionalen Erfahrungen längst möglich. Ob Ozean, Aufzug oder Weltall: Als Virtuelle Realität, kurz VR, bezeichnen Experten solche vom Computer erzeugte Kunstwelten. Nutzer erleben sie mithilfe einer computergesteuerten 3-D-Brille als Wirklichkeit.

Im Eishockeytor stehen

Nicht nur Fans von PC-Spielen begeistert das. Von den futuristisch ­anmutenden Erfahrungen erhoffen sich auch Mediziner neue Wege. So üben Studenten im virtuellen Operationssaal, setzen Zahnärzte Schmerzpatienten 3-D-Brillen zum Entspannen auf, erklimmen ängstliche Patienten in künstlichen Bergen schwin­delerregende Höhen. VR sei in der Forschung ein großes Thema, sagt Professor Jochen Klenk, Ingenieur für Medizintechnik am Robert- Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, "dazu gibt es bundesweit viele Forschungsprojekte. Im Klinikalltag ist VR aber immer noch Zukunftsmusik."

Klenk erforscht, wie die Scheinwelten betagten Menschen helfen. "Wir versetzen Patienten in Umgebungen, die sie sonst nicht mehr erleben." So spazieren Senioren dank 3-D-Blick mit Rollator an einer befahrenen Straße. Sie stehen wie einst im Eishockeytor ihren Mann. Der Alzheimerpatient läuft durch die Straßen seiner Heimat.

Besonders in der geriatrischen Reha ergänze VR gut die Therapie, findet Klenk. "Wir trainieren so spielerisch typische Alltagsbewegungen." Das kann ein Tischabwischen nach dem Armbruch sein, der Spaziergang mit neuem Hüftgelenk oder, einfacher noch, das freie Stehen.

Ein Balanceakt, "da fühle ich mich unsicher", sagt Marianne K. in der Paderborner Klinik. Doch wer der kleinen Patientin mit der großen Brille zusieht, wie sie nach dem virtuellen Fischschwarm greift, erlebt keine Wackelkandidatin, sondern eine Schwärmende mit Stehvermögen."Oh, wie toll ist das!" – "So schön!"

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Ergotherapeut Kramp neben ihr ist ebenso zufrieden. Um das Gleich­gewicht zu wahren, bleiben ältere Menschen oft vor Angst stocksteif stehen, erläutert der VR-Experte im St. Johannisstift. "Fühlen sie sich in der 3-D-Welt sicherer, bewegen sie sich freier und trauen sich dann, etwa nach ­einem Fisch zu greifen."

Mit Bedacht einsetzen

Vor allem aber spornt der Spaß an. Nicht umsonst stammt das Therapieangebot aus der Unterhaltungsbranche. Wer mit 3-D-Brille wieder Auto fährt, Tennis spielt oder Walzer tanzt, vergisst auch mal seine Gebrechen. Mit VR lassen sich Pa­tienten oftmals besser motivieren als mit klassischen Therapien, beobachtet Medizintechnik-Ingenieur Klenk. "Viele Patienten erscheinen bei uns früher als geplant zu diesen Angeboten, weil sie das gerne machen."

Den Effekt erhofft sich auch ­Rebecca Dahms von der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin an der Berliner Charité. Dahms hat mit ­ihrem Team ein VR-Trainingsange- bot für gebrechliche Senioren mit ­Rückenschmerzen entwickelt. "Die spielerischen Übungen sollen den Teufelskreis zwischen Schmerz und zu wenig Bewegung durchbrechen", sagt die Projektleiterin. Erste Auswertungen der Studie weisen laut Dahms darauf hin, dass der Blick durch die 3-D-Brille bei ihren Patienten eben das schafft.

In Paderborn, Stuttgart oder Berlin: VR eröffnet der Altersmedizin neue Perspektiven. Gleichwohl warnen Experten vor einem zu unbedarften Einsatz. Ethische Bedenken gilt es ebenso abzuwägen wie die Frage, ob die moderne Technik vielleicht die Generation 70 plus überfordert.

Die meisten Patienten seien zwar freudig überrascht von den neuen Möglichkeiten, so die Erfahrung. "Wer der 3-D-Brille skeptisch gegenübersteht, tut sich mit den Übungen aber schwer", betont VR-Expertin Dahms.

Im Klinikalltag zeigen sich auch praktische Grenzen. So benötige etwa der Einsatz von VR-Systemen Platz, betont die Projektleiterin von der Charité. "Eingetaucht in ihre Scheinwelt, vergessen Patienten schnell den Stuhl vor sich." Um Stürze zu vermeiden, haben die Berliner Forscher das virtuelle Training als eine Art Hockergymnastik konzipiert: Die Patienten sitzen während der Übungen.

In Bewegung kommen

Das Aufwärmprogramm hat Marianne K. heute im Johannisstift auch auf dem Stuhl absolviert. Mit der 3-D-Brille vor Augen hat sie nach weißen und schwarzen Kugeln greifen müssen. "Das ist gut für die Koordination, und Ihre Gelenke kommen in Bewegung", hat Ergotherapeut Maximilian Kramp ihr erklärt. Wie gut, denn in der Unterwasserwelt hält die naturverbundene Patientin nichts mehr auf dem Stuhl. Allein die Wasserschildkröte, die da gerade auf sie zukommt. "Irre", sagt sie.

Euphorie pur, der Paderborner Therapeut weicht seinem Schützling nicht von der Seite. "VR-Angebote machen den Leuten oft so einen Spaß, dass sie sich überschätzen", warnt Kramp. Daher prüfen er und sein Team sorgsam, für wen sie welche Computerspiele einsetzen, "aber immer nur für maximal 15 Minuten. Anschließend besprechen wir mit den Patienten, wie sie das Erlebte in die hiesige Welt umsetzen können."

Bei Marianne K. war die Entscheidung für einen Tauchgang im Ozean schnell getroffen: "In der Wahrnehmung der Nutzer kühlt das Wasser", sagt Kramp, zudem entspanne es, motiviere zur Bewegung und lenke von Beschwerden ab. "Stopp", sagt der Ergotherapeut nach zehn Minuten und nimmt seiner Patientin die große Brille ab, "Ihre Reise durchs Meer ist jetzt beendet."

Dieses Meer hat es nie gegeben. Gefühlt war auch ihre Trauer, Arthrose und Angst "für eine Zeit lang wie weg", erzählt Marianne K. Daheim werde ihr Enkel stolz auf seine coole Oma sein, sagt sie. Sie will ihm noch einmal alles erzählen über diese "einfach wunderbare Erfahrung".


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