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"Uns Alten wird so viel Angst gemacht"

Schauspielerin Hildegard Schmahl fürchtete sich lange davor, dement zu werden – bis sie sich für eine Filmrolle näher damit auseinandersetzte. Im Interview hat sie einen Rat parat.

von Thomas Röbke, aktualisiert am 30.12.2016
Hildegard Schmahl Filmszene mit Franka Potente

Hildegard Schmahl als demente Mutter in "Der Islandkrimi"


Sie drehten kürzlich zwei Krimis auf Island. Hatten Sie vor dem Dreh eine Beziehung zu diesem Land?   

Überhaupt nicht. Das Angebot kam aus heiterem Himmel. Island ist ja so ein Traumland, ein Sehnsuchtsland. Alle, denen ich von dem Projekt erzählte, bekamen sofort einen verklärten Blick. Der Tourismus ist für das Land ein Segen, nachdem die kleinen Fischerorte von den großen Fangflotten überrollt wurden und nicht mehr konkurrieren konnten. Da setzt auch unser Krimi an. Man bekommt ein gutes Bild von der Situation und davon, wie es den Menschen damit geht.

Sie spielen eine Demenzkranke. Wie war es, sich mit diesem oft verdrängten Thema zu beschäftigen?

Ich hatte immer große Angst davor, dement zu werden. Heute hat sich das ein bisschen verändert. Es ist ganz gut, wenn man sich dieser Welt über eine Rolle nähert und dadurch auch mal eine Pflegeeinrichtung besucht. Dass man nicht bloß Angst hat, sondern auch ein Stück Realität sieht. Meine Figur sagt: "Ich hätte keine Schwierigkeiten, wenn jemand da wäre." Wenn man sehr von Angst überwältigt ist, sollte man nicht allein wohnen. Es gibt so viele Möglichkeiten des Lebens und Wohnens, je nachdem, wie es einem geht.

Zur Person:

  • Hildegard Schmahl wurde am 6.2.1940 in Schlawe (Pommern) geboren. Aufgewachsen ist sie in Hamburg.
  • Bühne: Spielte an zahlreichen bedeutenden deutschsprachigen Bühnen wie am Hamburger Thalia-Theater sowie an den Münchener Kammerspielen und gelegentlich im Fernsehen.
  • Privat: Vom Vater ihrer Kinder, Regisseur Niels-Peter Rudolph, ist sie geschieden. Tochter Hannah arbeitet als Regisseurin, Sohn Sebastian ist Schauspieler. Schmahl lebt in Hamburg.

Sie selbst wohnen in einer ehemaligen Fabrik zusammen mit Jüngeren.

Als ich von München zurück nach Hamburg zog, hatte ich keine Lust mehr auf eine klassische Wohnung. Ich wollte gerne noch mal eine andere Wohnform ausprobieren. Jetzt wohne ich im ehemaligen Atelier einer Malerin. Wenn ich nicht da bin, ist es eine Art Probebühne, dann singt hier ein Chor, wird Schauspiel unterrichtet. Wir kochen reihum im Haus und laden die anderen zum Essen ein. 

Es ist also nie zu spät, neue Wohnformen auszuprobieren?

Ganz bestimmt nicht. Gerade uns Alten wird so viel Angst gemacht mit Bildern von schrecklichen Heimen und was weiß ich. Fängt man aber an, ein bisschen genauer hinzuschauen, findet man so viele Möglichkeiten. Das Angebot ist groß, wenn man rechtzeitig sucht und nicht erstarrt vor Angst, sondern sich sagt: Ich informiere mich jetzt einfach mal.  

Sind Sie vor allem Ihrer Enkel wegen nach Hamburg gezogen?

Ja, mein Sohn und meine Schwiegertochter spielen hier am Thalia-Theater, und ich kümmere mich vor allem um meinen jüngsten Enkel. Es ist mir wichtig, für ihn da zu sein, dass er einen Platz in meinem Leben hat und ich einen Platz in seinem. Ich habe meine Großmutter als wichtige Instanz erlebt und würde das gerne weitergeben.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Schauspielerin zu werden?

An der Schule spielte ein Lehrer mit uns Theater. Da bekam ich zum ersten Mal eine Ahnung davon, wie das ist, etwas aufzuführen. Hinzu kam meine Liebe zu Gedichten. Während die anderen stöhnten, weil sie auswendig lernen mussten, ging ich darin auf. Etwa Schillers "Glocke", 20 Verse, ich fand das großartig!     

War das Theater Ihre Flucht aus dem Alltag?

Ich würde eher sagen: Es öffnete sich mir eine andere Welt, die anders war als das Elend in der Gartenkolonie, wo wir zusammengepfercht lebten.

Trotzdem machten Sie zunächst eine kaufmännische Lehre?

Zumindest fing ich eine an, da war ich 16 Jahre alt. Denn wenn ich sagte, dass ich Schauspielerin werden wollte, erklärten mich alle für verrückt. Dann starb meine Mutter, mein Vater kümmerte sich nicht um mich – und plötzlich war ein Weg frei. Ich meldete mich auf eine Annonce bei einer Frau, die Schauspielunterricht gab.    

Wie haben Sie diese Ausbildung finanziert? 

Im ersten Jahr unterschlug ich bei meinem Arbeitgeber ab und zu etwas aus der Portokasse.

Hatten Sie Gewissensbisse?

Schon. Vor allem hatte ich unheimlich Angst. Obwohl man mit 16 ja noch keinen Überblick hat, was da alles passieren kann. Ich glaube, ich hatte einen Schutzengel – und dass meine Lehrherren etwas ahnten, aber nichts sagten. Zum Glück konnte ich meinen Vater dazu bewegen, meinen Lehrlingsvertrag zu lösen. Und dann jobbte ich, um die Schauspielausbildung zu finanzieren. Ich bestand die Prüfung und bekam mein erstes Engagement.

Ende der 1960er-Jahre war das Theater in Deutschland sehr politisch. Und Sie mittendrin?

Ja, denn die Bundesrepublik nach dem Krieg war so spießig. Als junge Frau konnten Sie nicht allein in ein Lokal gehen, um zu essen, da wurden Sie rausgeschmissen. "Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren", das war einfach die Wahrheit. Die ganze Nazizeit steckte so drin in unserem Land. Es war so schwer, das aufzubrechen. Wie lange es allein gedauert hat, bis über den Holocaust gesprochen werden konnte!

Ist das Theater heute zu ruhig, zu unpolitisch geworden?

Theater ist ein Ort, wo Veränderung stattfinden muss. Trotzdem ist es nicht mehr so ein politischer Raum. Aber die ganze Gesellschaft ist es auch nicht. Theater ist offenbar tatsächlich ein Spiegel der Gesellschaft. Und die Ratlosigkeit, wo wir uns befinden in der Welt, ist derzeit nun mal groß.


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