IGeL: Das müssen Patienten wissen

Die Kosten für individuelle Gesundheitsleistungen beim Arzt müssen Patienten selbst übernehmen. Aber wann machen die Angebote überhaupt Sinn? Ein Ratgeber
von Dagmar Fritz, 04.07.2016

IGeL: Lassen Sie sich den Nutzen einer Leistung genau erklären

Fotolia/goodluz

Das markante Kürzel IGeL steht für "Individuelle Gesundheits-Leistungen". Konkret sind darunter mehr als 300 ärztliche Untersuchungen, Behandlungsmethoden und Serviceleistungen zusammengefasst, die nicht im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) enthalten sind. Patienten müssen sie daher selbst bezahlen.

IGeL ist gesundheitspolitisch ein stachliges Thema, denn aus Sicht der Krankenkassen, Patientenvertreter und Verbraucherschützer sind viele der Leistungen umstritten. "Die gesetzlichen Krankenversicherungen finanzieren medizinisch notwendige Leistungen", sagt Ann Marini, Sprecherin des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen, "individuelle Gesundheitsleistungen sind keine notwendigen Leistungen."

Dies bedeutet für den Patienten, dass er IGe-Leistungen aus der eigenen Tasche zahlen muss. Schätzungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK zufolge kommen so jährlich etwa 1,3 Milliarden Euro zusammen, die Patienten für IGe-Leistungen ausgeben.

Breites Angebot an IGe-Leistungen

Das medizinische Angebot an IGe-Leistungen ist vielfältig: Ob Reiseimpfungen, kosmetische Behandlungen, bestimmte Laboruntersuchungen oder neuartige Behandlungsverfahren – alles Leistungen, die in der Regel selbst übernommen werden müssen. Auch Elemente der Früherkennung, wie einige Ultraschalluntersuchungen oder die Messung des Augeninnendrucks, sind Selbstzahlerleistungen.

Entscheidend: Liegt ein konkreter Krankheitsverdacht vor?

"Bei der Vorsorge sind manche Leistungen selbst zu tragen, weil das Verhindern einer Erkrankung durch diese Untersuchungen bisher nie stichhaltig nachgewiesen worden ist", erklärt Ann Marini. Hat der Arzt jedoch einen konkreten Krankheitsverdacht, zahlt die Kasse die Untersuchung. "Wenn der Arzt von der Vorsorge in die Behandlung wechselt, steht ihm ein umfangreicherer Leistungskatalog zur Verfügung", so die Sprecherin der GKV.

Für den Patienten ist diese Einteilung nicht immer nachvollziehbar und auch die Ärzte sehen die Einteilung kritisch. "Die Patientenversorgung in Deutschland muss entsprechend der gesetzlichen Definition wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig sein", erklärt Dr. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbundes, einem deutschen Ärzteverband. Der Ärztesprecher ist der Meinung, dass diese Regelung "nicht in jedem Fall die optimale Versorgung beinhaltet."

Kritik von Krankenkassen

Die Krankenkassen sehen das "Igeln" grundsätzlich kritisch: Aus ihrer Sicht erschließen sich Ärzte über medizinisch nicht notwendige IGe-Leistungen ein Zusatzeinkommen zu ihren üblichen Honoraren, die sie von den gesetzlichen und den privaten Kassen bekommen.

Aus dem Blickwinkel von Ärzten ergänzen IGe-Leistungen den bestehenden Leistungskatalog, bei dem die Krankenkassen bewusst einzelne Verfahren und Untersuchungsmethoden ausklammern, um so das Krankenkassenbudget zu schonen.

Ist eine IGe-Leistung sinnvoll oder nicht?

Inmitten dieses Spannungsfeldes sitzt der Patient in der Arztpraxis und muss als medizinischer Laie für sich entscheiden, ob diese oder jene Untersuchung für ihn sinnvoll ist oder nicht. Fast ein Drittel aller gesetzlich Versicherten gab bei einer Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK an, im letzten Jahr vom Arzt eine Privatleistung angeboten bekommen zu haben.

Viele Patienten fragen aber auch selbst gezielt nach bestimmten Behandlungsmethoden oder Medikamenten, die nicht von den Kassen übernommen werden. "In gynäkologischen Praxen informieren sich ältere Damen zum Beispiel auch über Anti-Aging-Möglichkeiten beziehungsweise über das gesunde Altern", sagt Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt in Hannover.

Vitamin- und Hyaluronspritzen nachgefragt

"Da es sich dabei aber um das individuelle Wohlbefinden und nach Ansicht der Krankenkassen nicht um die Behandlung einer Krankheit handelt, übernehmen die Krankenkassen die Kosten für spezielle Hormonanalysen oder Beratungen nicht." Beim Hausarzt fragen ältere Patienten besonders häufig nach Vitaminspritzen, Eigenblutbehandlung oder auch Hyaluronspritzen bei Gelenkbeschwerden.

Das zentrale Thema bei IGe-Leistungen ist neben den Kosten der medizinische Nutzen. Einen Überblick bietet der IGeL-Monitor. Er soll Patienten über häufig angebotene IGe-Leistungen und den zu erwartenden medizinischen Nutzen informieren. Als Leser sollte man wissen, dass der Monitor vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen finanziert wird. 

Arzt zu Nutzen befragen

Bevor ein Patient sich für eine privat zu zahlende medizinische Zusatzleistung entscheidet, sollte er für sich klären, ob die kostenpflichtige Leistung medizinisch sinnvoll ist. Dazu kann der Patient im Gespräch mit dem behandelnden Arzt verschiedene Fragen stellen:  

  • Was ist der konkrete Vorteil, den ich durch diese Leistung habe?
  • Welche Risiken und Nebenwirkungen hat die Behandlung?
  • Was soll mit den zusätzlichen Informationen (z. B. aus einem Labortest) in der Therapie erreicht werden?
  • Gibt es wissenschaftliche Belege über den Nutzen der Behandlung?
  • Gibt es vergleichbare Leistungen, die die Krankenkasse übernimmt?

Kein Grund zur Eile

Außerdem gilt für IGe-Leistungen: Dem Patienten muss Zeit für die Entscheidung gegeben werden: IGe-Leistungen sind keine medizinisch dringenden Leistungen, daher ist keine Eile geboten.

Über die geplante IGe-Leistung muss es eine schriftliche Vereinbarung mit dem Arzt geben. Darin müssen die voraussichtlich anfallenden Kosten angegeben sein. Die Rechnung über die Leistung muss nachvollziehbar und verständlich sein.

Im Zweifelsfall eine Zweitmeinung einholen

Der Patient muss sich frei für oder gegen die Leistung entscheiden können: "Wenn das Verhalten des Arztes oder der Ärztin Druck aufbaut oder wenn Angst geschürt wird, dass eine Behandlung ohne IGeL unzureichend ist, dann ist dies erhebliches ärztliches Fehlverhalten", erklärt Reinhardt, der Vorsitzende des Ärzteverbands Hartmannbund. Der Er rät auch: "Im Zweifelsfall sollte sich der Patient eine zweite Meinung einholen."


ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Seniorin am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Jetzt schon Lebkuchen kaufen?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages