Intensivstation: Wie Angehörige helfen können

Wer auf der Intensivstation liegt, braucht besondere medizinische Hilfe. Wie Angehörige zur Genesung der Patienten beitragen und sich selbst schützen können

von Elke Schurr , 04.12.2018

Warum kommt ein Patient auf die Intensivstation?

Viele Angehörige meinen, die Intensivstation bedeute für ihre Liebsten das Ende. "Es ist meist umgekehrt", stellt Professor Thomas Möllhoff, Anästhesist und Intensivmediziner im Marienhospital Aachen, klar. ­"Ohne diese Stationen würden viele nicht überleben." Nach einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder schweren Unfall lassen sich Patienten auf einer Intensivstation erfolgreicher behandeln. Auch nach großen Operationen verlegen Ärzte gerade ältere Patienten für ein paar Tage hierher. Eine Rundumüberwachung kann auch dann notwendig werden, wenn sich der Gesundheitszustand eines Patienten auf der Normalstation deutlich verschlechtert.

Was läuft hier anders?  

Zahllose Kabel und Monitore, die am Kopfende des Bettes blinken und piepen – Intensivstationen sind für viele Menschen der Inbegriff einer mehr angsteinflößenden als beruhigenden Apparatemedizin. Doch der Eindruck täuscht: Auf keiner Normalstation ist ein Patient ähnlich gut überwacht und betreut wie hier. „Jeder von uns ist in der Regel für nur zwei Patienten zuständig“, erklärt Maren Feldkötter, Intensiv-Krankenpflegerin im Uniklinikum Münster. „Zudem arbeiten wir, wie auf Normalstationen, in drei Schichten, damit der Patient rund um die Uhr versorgt ist.“ 

Kaum jemand kennt einen Patienten so genau. Auch die Ärzte, meist Anästhesisten, Internisten, Chirurgen oder Neurologen, haben häufig eine intensivmedizinische Zusatzausbildung, um die kontinuierlich ermittelten Werte einordnen und bei Bedarf schnell Therapie­entscheidungen treffen zu können. Tägliche Teambesprechungen und Übergaben sollen sicherstellen, dass jede Schicht zu jeder Zeit auf dem aktuellen Stand ist.

Welche Hygieneregeln gelten für Besucher?

Pflichtprogramm ist die Händedesinfektion – im gesamten Haus, nicht nur auf der Intensivstation. Arm­hebel- oder Sensorspender für Desinfektionsmittel hängen überall, auch in Fluren oder im Eingangsbereich einer Klinik. Erkältete Besucher sollten sicherheitshalber auch nach einem Mundschutz fragen. Strengere Hygieneregeln gelten auf Transplantationsstationen oder für Zimmer, in denen Patienten mit multiresistenten Keimen liegen. Besucher müssen sich dort vorher umziehen oder zumindest einen Schutzkittel, Mundschutz und Überschuhe tragen.

Sind Angehörige eigentlich erwünscht?

"Angehörige stören nie", versichert Intensivpflegerin Maren Feldkötter. Die persönliche Zuwendung sei für die Patienten äußerst wichtig: "Vertraute Personen geben in dieser sehr fremden Umgebung Orientierung, Nähe und Hoffnung. Sie schaffen eine Brücke nach draußen, dem Zuhause, dem normalen Leben." Dazu tragen auch Fotos bei, die Angehörige mitbringen sollten und Pflegekräfte gerne in Sichtweite des Intensivbetts aufhängen.

Muss man sich an Besuchszeiten halten?

Normalerweise gelten die Besuchszeiten, die an der Eingangstür stehen. Bei Bedarf werden sie aber flexibel gehandhabt, zumal manche Angehörige von weit her anreisen. "Vereinbaren Sie mit den Pflegekräften eine für Sie passende Uhrzeit", ermuntert Dr. Christian Hermanns von der Deutschen Gesellschaft für Intensivmedizin und Anästhesie, mahnt aber zur Geduld. Die Mitarbeiter sind rund um die Uhr im Einsatz – manchmal müssen Besucher etwas warten. Aus Zeitgründen wäre es zudem hilfreich, wenn Familien einen Ansprechpartner bestimmen, der mit Ärzten und Pflegern Kontakt hält, ergänzt Möllhoff: "Der Stellvertreter kann die Infos dann an die anderen Familienmitglieder weitergeben."

Unsere Experten

Maren Feldkötter, Krankenpflegerin für Intensivmedizin:

"Ich weiß, dass wir das Bestmögliche für die Patienten tun. Das hilft mir, manch schweren Krankheitsverlauf zu verkraften. Was mich belastet: Wenn ich es aus Zeitmangel nicht schaffe, ganzheitlich zu pflegen. Ganzheitlich heißt für mich, sich dem Patienten auch menschlich zuzuwenden."

Dr. Christian Hermanns, Intensiv- und Notfallmediziner:

"Wenn der Patient eines Tages entlassen wird und nach einem halben Jahr wieder auf Station zu Besuch kommt und sagt: "Schauen Sie mal, mir geht es wieder gut!", dann sind das Momente, an denen man sich als Arzt festhält. Sie wirken beispielhaft und machen den Beruf des Intensivmediziners zu etwas ganz Besonderem."

Claudia Jost, Angehörige eines Intensivpatienten:

"Mein Mann lag über viele Wochen im Koma und rang mit dem Tod. In dieser Zeit konnte ich kaum essen, sprach wenig. Ich konnte nicht mal mit einer Freundin darüber reden. Eine Intensivschwester hat mir dann ein Tagebuch ans Bett meines Mannes gelegt. Darin schrieben wir beide, jeden Tag. Ich bin ihr heute noch dankbar dafür, denn es war so heilsam. Mein Mann hat überlebt. Er liest heute noch darin."

Warum reagiert der Patient so anders als gewohnt?

Nach einer schweren Erkrankung braucht ein Patient Zeit und Ruhe, um zu genesen und die belastenden Ereignisse zu verarbeiten. Oft quälen ihn Albträume oder Halluzinationen, die ihm sehr real erscheinen. Seiner Familie erscheint ein Intensivpatient deshalb häufig verwirrt, überängstlich oder extrem müde. "Die Patienten bekommen in der Regel Schmerz- und Beruhigungsmittel, die schläfrig machen, aber den Heilungsprozess fördern", erklärt Anästhesist und Intensivmediziner Möllhoff. Sobald es dem Patienten besser geht, wird deren Dosis meist schrittweise verringert.

Kriegt ein Komapatient Besuch überhaupt mit?

Vertraute Stimmen wirken auf Patienten beruhigend, die nicht bei Bewusstsein sind oder sich im künst­lichen Koma befinden. Das Unter­­bewusstsein reagiert trotzdem, hört und fühlt mit. Die scheinbar nur schlafenden Patienten spüren, wenn ihre Hand gestreichelt oder ihr Gesicht behutsam eingecremt wird. Manche Familien lesen dem Kranken den Sportteil aus der Zeitung vor oder den neuesten Klatsch. Manche bringen Musik mit oder tragen das Lieblingsparfüm, das er so liebt. Gut so. Warum nicht zum Beispiel das Lachen des Enkels zu Hause mit dem Handy aufnehmen und dem Kranken vorspielen?

Was ist ein Intensiv-Tagebuch?

Patienten erinnern sich kaum an Gespräche oder Details ihres Aufenthalts, erst recht nicht, wenn sie im Koma lagen. Eher an Albträume aus dieser Zeit. Diese bedrückenden Leerstellen und Erinnerungslücken füllt ein Intensiv-Tagebuch, das Angehörige, manchmal auch Pflegekräfte für den Kranken führen. Die täglichen Notizen zum Krankheitsverlauf und zu alltäglichen Vorkommnissen können im Nachhinein eine immense Hilfe für den Patienten bedeuten. Zudem dienen sie als Schreibtherapie für die psychisch belasteten Angehörigen.

Soll ein Angehöriger jeden Tag zu Besuch kommen?

Angehörige von Intensivpatienten laufen Gefahr, sich zu überfordern: Sie gönnen sich selten eine Pause, essen kaum, ihre Gedanken kreisen pausenlos um den Kranken. "Sie brauchen nicht jeden Tag zu kommen", rät Intensivpflegerin Maren Feldkötter. "Ruhen Sie sich besser aus, gehen Sie mit Freunden aus oder ins Kino. Nur wer Kraft hat, kann Kraft geben!" Gerade Ehepartner fühlen sich häufig alleingelassen. Manche von ihnen erkranken erst an ­einer Depression, nachdem der Patient über dem Berg ist. "Sie brauchen dringend einen Menschen, mit dem sie über alles reden können", weiß Möllhoff aus Erfahrung. Das kann die Familie, der Hausarzt oder die Krankenhaus-Seelsorge sein, die auch Angehörige in Anspruch nehmen dürfen.