Alt und Jung: Ein gutes Team

Warum es immer wichtiger wird, dass die Generationen enger zusammenr├╝cken.

von Elke Schurr, 12.11.2018

"Bevor man sein letztes Hemd auszieht, sollte man bedenken, dass auch einmal ein kühler Wind kommen kann." Dr. Sonja Ehret liebt solche weisen Sätze. So klug, so bildreich! Aufgeschnappt hat die 57-jährige Altersforscherin von der Uni Heidelberg diese Sprachschätze bei ihren "Generationentagen": ein Projekt, bei dem Ehret Menschen jenseits der 80 mit Schülern und Studenten zusammenbringt.

In den Gesprächen geht es um Themen, die jeden bewegen, egal wie alt er ist: Respekt, Freundschaft, Hilfsbereitschaft. Das Heidelberger Alt-und-Jung-Projekt ist nur eines von zahlreichen Beispielen in der Bundesrepublik, die beweisen: Wenn Alt und Jung sich austauschen, zusammen wohnen oder arbeiten, sich für eine gemein­same Sache begeistern, profitieren beide Seiten. Wie befruchtend dieses Mit­einander ist, belegen inzwischen zahlreiche Studien. Je mehr Begegnungen über Generationen hinweg, umso besser für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft.

Als Pfadfinder dienen

Was Senioren der Jugend zu bieten haben? In einer globalisierten Welt, in der es an Verlässlichkeit mangelt, in der sich Meinungen ständig ändern, können gerade alte Menschen Kindern und Jugend­lichen den Weg weisen und als Pfadfinder des Lebens sowie Insel der Ruhe und Gelassenheit dienen. "Die Alten haben einen Weitblick auf die Welt, den die Kinder spüren", ist Ehret überzeugt. Oft genug erlebte sie in Schulen, wie Kinder im Angesicht von 90-Jährigen spontan ihr Herz ausschütteten. Wenn Ältere zudem von ihren ­­Erfahrungen berichten, wie Krieg und Arbeit sie geprägt, wie sie mit Sport ein hohes Alter erreicht haben, reißt das nicht nur Gleichaltrige, sondern auch manch Jüngeren aus seiner Lethargie.

Viele fühlen sich angeregt, es ihnen gleichzutun. Ähnlich anspornend wirkt umgekehrt die Jugend aufs Alter. Ein sozialer Jungbrunnen, den vor allem aktive Senioren schätzen. "Senioren, die häufig mit jungen Menschen zu tun haben, sind mit ihrem Leben zufriedener, gesünder, oft geistig fitter und haben vermutlich sogar eine höhere Lebens­erwartung", fand Professorin Daniela Jopp von der Uni Lausanne heraus. Die Psychologin führte mehrere Studien mit Menschen um die 100 durch. "Diejenigen, die besser beieinander waren, waren oft auch die, die gezielt Kontakt zu Jüngeren suchten."

Begegnung ermöglichen

Gelegenheiten für solche inspirierenden Begegnungen sind jedoch rar. Das Konzept Großfamilie, in der Groß­eltern, Eltern und Kinder unter einem Dach leben, findet immer weniger Anklang. Oft wohnen sie sogar Hunderte Kilometer voneinander entfernt. Umso mehr zählen Kontakte außerhalb der Familie, wenn man es mit dem anregenden Zusammensein von Alt und Jung ernst meint.

"Kita-Besuche in Seniorenheimen zu organisieren ist zwar ein Anfang", sagt Alters­forscherin Ehret, "aber für unser Anliegen zu wenig." Zusammen mit Professor Andreas Kruse vom Gerontologischen Institut in Heidelberg fordert sie mehr öffentliche und soziale Räume, um den Austausch zu fördern: der Dorfplatz ­etwa, auf dem Alter und Jugend gemeinsam sitzen; die ­Gemeinde, in der es einen ­Ältestenrat gibt; Betriebe, die sich Senior-Experten als Dauereinrichtung leisten. "Dadurch schaffen wir mehr Chancen für kontinuierliche Kontakte", betont Kruse. Kommunen etwa sollten Mehr-Generationen-Zentren schaffen, wo sich verschiedene Generationen begegnen, um etwas gemeinsam zu beginnen. Auch zusammenzuwohnen sei ein Schritt in die richtige Richtung.  Noch gibt es Hürden – auch im Kopf.

"Die Jugend ist faul, selbstverliebt und handysüchtig." "Die Alten sind technikfeindlich und gebrechlich." Solche Klischees sowie negative Jugend- und Altersbilder besitzen eine schreckliche Kraft, weil sie wie selbsterfüllende Prophezeiungen wirken. "Irgendwann beeinflussen die ­­Klischees das eigene Selbstbild, und man verhält sich danach", warnt Professor Hannes Zacher, Arbeitspsychologe an der Uni Leipzig. Der beste Weg, Vorurteile gegenüber einer Gruppe ­abzubauen, besteht darin, den Kontakt mit dieser Gruppe zu suchen. Wer etwa mit älteren Menschen zusammenarbeitet, erhält ein sehr viel bunteres Altersbild, das die geistigen und emo­tionalen Kräfte von Senioren betont und körperliche ­Aspekte in den Hintergrund rücken lässt.

Aufeinander angewiesen

Beim Thema Wohnen entstehen quer durch die Republik immer mehr Mehrgenerationenhäuser. Verwandte leben beruflich bedingt oft weit verstreut. Mehr denn je kommt es deshalb auf gute Nachbarschaft an. Doch auch generationengemischtes Zusammenwohnen klappt nur, wenn gewisse Regeln eingehalten werden. "Intimität auf Abstand", empfiehlt Beziehungsexperte Höpflinger, "also nicht im gleichen Haushalt, aber im gleichen Haus wohnen." Warum viele Ältere trotzdem nur mit Älteren und Jüngere am liebsten mit Jüngeren zu tun haben wollen, hat meist psycho­­logische Gründe.

"Soziale Kontakte mit Gleichaltrigen haben eine wichtige Funk­tion", erklärt Psychologe ­Zacher. "Jüngeren gibt ihre Altersgruppe ein Feedback zu sich selbst. Sie lernen sich dadurch besser kennen." Ältere wiede­rum verbringen die Zeit, die ihnen bleibt, bevorzugt mit vertrauten Altersgenossen. Das ist verständlich, doch der Wunsch nach dem Zusammensein mit Seinesgleichen sollte den Weg zu neuen Entdeckungen im zwischenmenschlichen Bereich nicht versperren.

Neuer Generationenpakt

Wenn es um das Verhältnis zwischen Jung und Alt in Deutschland geht, ziehen Experten trotzdem eine positive Bilanz. "Auch auf der gesellschaftlichen Ebene treten die Generationen füreinander ein", bekräftigt Professor Clemens Tesch-Römer, Direktor des Deutschen Zen­trums für Altersfragen in Berlin. Die gesetzliche Renten- und die soziale Pflege­ver­­sicherung beruhen auf einer stillschweigenden Vereinbarung zwischen den Genera­tionen. "Dieser Gene­rationen­vertrag ist weiterhin hoch akzeptiert." Beste Voraussetzungen, um die unterschiedlichen Potenziale von Jung und Alt und ihren hohen sozialen Wert besonders für eine immer älter werdende Gesellschaft zu erkennen.