"Wir verdrängen das Nachdenken über den Tod"

Ein makaberes Experiment hat das Leben von Pfarrer Heiko Bräuning verändert und ihm wertvolle Einsichten beschert. Warum er jetzt bewusster lebt.

von Miriam Hoffmeyer, 01.01.2019

Herr Bräuning, Sie haben sich vor ein paar Jahren einen fiktiven Todestag gesetzt. Ziemlich makaber.

Mein "Deadline-Experiment" habe ich damals zum Thema einer Fernsehpredigt zum Totensonntag gemacht. Viele Zuschauer waren entsetzt und schrieben mir, ich sei verrückt, und solche Gedanken dürfe ich als Vater von vier kleinen Kindern gar nicht haben. Andere warnten vor einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Meine Frau war auch überhaupt nicht begeistert.

Warum sind Sie dabei geblieben?

Ich war schon öfter mit unerwarteten Todesfällen konfrontiert, nicht nur als Pfarrer, auch im Freundeskreis. Jeder kann plötzlich aus dem Leben gerissen werden. Wir wissen das theoretisch, trotzdem verdrängen wir das Nachdenken über den Tod. Doch nach und nach hat sich der fiktive Tag in Kopf und Herz festgesetzt. Irgendwann hing der Gedanke wie ein Damoklesschwert über mir: Du hast nur noch knapp vier Jahre Zeit!

Was hat sich dadurch für Sie verändert?

Mit dem Tod vor Augen habe ich anders auf mein Leben geblickt. Die Frage, was wichtig und was nicht so wichtig ist, stellte sich ganz neu. Ich wollte so leben, dass ich beim Sterben zufrieden zurückschauen konnte ohne das ungute Gefühl, was ich alles versäumt habe. Ich habe meine Arbeitszeit verringert und lieber meinen Sohn zum Fußballtraining begleitet, mir wieder mehr Zeit zum Musizieren gegönnt, mein altes Hobby Tischtennis erneut aufgenommen. Wenn es mal einen Ehestreit gab, bin ich viel früher wieder auf meine Frau zugegangen.

Das klingt alles gar nicht so schwierig  …

Und doch hätte ich diese Veränderungen ohne die Deadline nicht geschafft. Klug werden heißt für mich, nichts mehr auf die lange Bank zu schieben.

Heiko Bräuning hat als Pfarrer oft über das Sterben des Menschen gepredigt. Erst jetzt weiß er, was das für sein Leben bedeutet, und hat darüber ein Buch geschrieben.

Sie waren 42 bei Ihrem Experiment. Ist man irgendwann zu alt für Veränderungen?

Nein. Die Prioritäten anders setzen, sein Leben ins Reine bringen – das betrifft alle Altersgruppen. Manche hadern mit Verwandten, haben den Kontakt zu ihren Kindern abgebrochen, aber wagen den ersten Schritt zur Versöhnung nicht. Sich mehr Zeit für die Enkel nehmen, das Ersparte in eine schöne Reise investieren. Die meisten von uns schieben Entscheidungen hinaus, die sie glücklicher und zufriedener machen würden.

Gab es auch Kritik von Menschen, die wegen einer Krankheit tatsächlich nur noch kurze Zeit zu leben haben?

Ein Freund von mir hat einen Herzinfarkt knapp überlebt. Er sagt, dass sich niemand den Tod vorstellen kann, der nicht schon eine lebens­bedrohende Situation erlebt hat. Deshalb wollte ich mir die Deadline setzen, solange ich gesund bin.

Am Tag nach Ihrer Deadline sind Sie munter aufgewacht.

Die Sonne schien, und die Erleichterung war unglaublich groß: Das Leben hatte quasi neu angefangen. Mit diesem Tag hat sich ein großes Gefühl der Dankbarkeit bei mir ein­gestellt. Ich kann ein gutes Essen, ­einen schönen Urlaub viel stärker genießen als früher. Ich lasse die Zeit nicht mehr an mir vorbeifliegen. Was kann es Schöneres geben als geschenkte Zeit?

Aber wer mag schon jeden Tag an das Ende denken?

Die Endlichkeit zu bedenken, auch täglich, hilft, im Hier und Heute zu leben, wichtige Entscheidungen endlich anzugehen und das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.