Die Kraft des Erzählens

Erzähl, wie war das damals? Wer aus seinem Leben berichtet, gibt Erfahrungen weiter - oder versöhnt sich mit der eigenen Vergangenheit

von Christine Wolfrum, 28.01.2019

Auf dem Handzettel, der am Kiosk im Untergeschoss der U-Bahn Emilienstraße in Hamburg klebt, steht: "Ich höre Ihnen zu!" Als Christoph Busch den gläsernen Kasten renovierte, klopften Fahrgäste an die Scheibe und fragten: "Was soll das werden?" "Ein Platz zum Schreiben und Zuhören, was Sie zu sagen haben." Christoph Busch hat sein Projekt "Das Ohr" genannt. Der 71-jährige Drehbuchschreiber ist von Geburt an auf einer Seite taub. Mit dem guten Ohr hört er Passanten zu, die ihm ihre Geschichte erzählen wollen – Geschichten von Glück und Unglück, auch mal ein Wunsch oder nur ein Satz.

"Die unglücklichen Geschichten überwiegen", sagt Busch. Schnell merkte er, dass jemand, der gut zuhört, genau das ist, was vielen fehlt. "Kreist ein Mensch immer wieder um dasselbe Problem, sagen Freunde und Verwandte irgendwann: Hör doch endlich auf damit! Bei mir ist der gut aufgehoben. Ich bin kein Therapeut, sondern lasse mich emotional ein, gebe auch schon mal einen Rat." Was im U-Bahn-Kiosk erzählt wird, behält Busch für sich. "Zu einem Fremden zu gehen, sich ihm zu öffnen, dazu gehört Mut und Vertrauen, das missbrauche ich nicht", sagt er.

Das Leben verarbeiten

Erzählen und Zuhören ist ein Weg, die Welt genauer zu erfassen. "Doch Menschen sind sehr unterschiedlich, egal ob jung oder alt. Die, die schon immer gern erzählt haben, tun das meist auch im Alter noch", sagt Alternspsychologe Prof. Dr. Frieder R. Lang von der Uni Erlangen-Nürnberg. Wenn Menschen gerne von der Vergangenheit berichten, kann sich das positiv auf sie auswirken. "Wer sich mit der eigenen Biografie auseinandersetzt und bereit ist, darüber zu reden, dem fällt es oft leichter, das Alter positiv anzunehmen", sagt Lang. Beim Erzählen verarbeitet man das eigene Leben, lernt, sein Schicksal zu akzeptieren, und "entwickelt so etwas wie persönliche Weisheit und Reife".

Das klappt nicht nur beim mündlichen Erzählen, sondern auch, wenn man das Erlebte aufschreibt. Wem das liegt, schreibt etwa Tagebuch oder klebt Eintrittskarten von Ausstellungen oder Bergbahntouren in ein Heft. Die Rückschau spiegelt manchmal nicht nur das eigene Lebensgefühl wider, sondern auch das einer ganzen Generation. Sein eigenes Leben schreibend zu begreifen heißt auch, individuelle Muster zu erkennen und zu verstehen.

Von der Oma zum Enkel

Geschichten erzählt man sich oft zu Hause im kleinen Kreis. "Der Austausch von Erfahrungen zwischen Generationen findet meist ausschließlich innerhalb von Familien statt", weiß Alternspsychologe Lang. Vor allem Kinder unter zehn sind für spannend Erzähltes empfänglich. Umso mehr, wenn es dazu noch etwas zum Anfassen gibt wie bei Barbara Lichdi.

Kürzlich entdeckte ihr Enkel Til die alte Schreibmaschine im Regal. Sofort drückte der Siebenjährige auf die Tasten. Die Typen­hebel schwangen hoch zur Walze und fuhren klappernd wieder zurück. "Oma, ich habe Affe geschrieben. Wo kommt das Wort jetzt raus?", fragte er. Die 71-Jährige holte ein Blatt Papier, zog ein Farbband ein und zeigte, wie das Getippte sichtbar wird. "Auf dieser Maschine habe ich jahrelang abends Einladungen und Rundbriefe an Eltern getippt. Sämtliche offizielle Post, bis der Computer diese Arbeit erleichterte", erinnert sich die ehemalige Erzieherin. "Oft habe ich mich verschrieben und hasste das komplizierte Ausbessern mit weißer Deckfarbe." Wenn Familien alte Dinge aufbewahren, können die Kinder viel über das Leben von früher erfahren, findet Barbara Lichdi.

Allerdings wohnen heute Generationen meist nicht mehr Tür an Tür oder im selben Ort. Hinzu kommt, dass fast ein Drittel der Älteren kinderlos ist. Viele von ihnen können ihre Erfahrungen auch nicht mehr mit Geschwistern und Freunden teilen, weil die bereits gestorben sind. Zudem steigt deutschlandweit die Zahl der Singles, gerade in Großstädten. Mit mehr als 17 Millionen Einpersonenhaushalten geht diese Zahl kontinuierlich nach oben.

Sie wollen erzählen oder selbst schreiben?

  • Fragen Sie in Senioren-Zentren nach. Oft bieten sie dort auch Kurse zum biografischen Schreiben an. Die gibt es ebenso an Volkshochschulen und in Schreibwerkstätten.
  • Gezielte Fragen helfen, um passend zu antworten. In Ausfüllbüchern wie "Opa erzähl mal" halten Sie Erinnerungen für die Familie fest.
  • Kommerzielle Anbieter, die Ihnen Ihre Biografie schreiben, finden Sie im Internet.
  • Selbst veröffentlichen kann man etwa bei www.bod.de, www.tredition.de, www.xlibri.de, www.amazon.de.

Das Beste aus beiden Welten

Vielleicht sind generationenübergreifende Projekte deshalb gerade so gefragt. Zum Beispiel "Erzähl mal". Dabei bringt das Deutsche Rote Kreuz Alt und Jung in einer Begegnungsstätte in Berlin zusammen. Hier trafen sich Vorschulkinder eines Kindergartens mit Senioren einer nahe gelegenen Wohnstätte. "Eine Seniorin berichtete von ihren Wellensittichen, andere erinnerten sich an Lieder von früher", sagt Sozial­arbeiterin Maria Siegert. Daraus entstand das Projekt "Vogelhochzeit", das die Lebenswelten der Älteren und der Kinder mit Schattenspielen, Singen und Erzählen greifbar machte. "So erschließt man sich eine kleine neue Welt im Kiez", sagt Siegert.

Zuhören, ohne zu unterbrechen

Erzähl-Projekte gibt es auch in der Theaterbranche. Bei einer Aufführung einer australischen Theatermacherin in München sitzt jeweils ein Senior einem unbekannten Theaterbesucher gegenüber. Vor ihnen liegt ein Kartenspiel mit verdeckten Fragen, die sie sich gegenseitig stellen. Es geht darum, zu reden und zuzuhören, ohne zu unterbrechen. Jutta Möckemeyer aus Wolfenbüttel hat mitgemacht. Auf die Frage: "Welche drei Dinge würden Sie Ihrem jüngeren Selbst in diesem Moment sagen?", antwortete die 84-Jährige: "Behalte deine Freundlichkeit. Schaue positiv ins vor dir liegende Leben. Und nimm den Mann, der um dich kämpft."

Mit anderen ins Gespräch zu kommen klärt so manches. Christoph Busch, das "Ohr" aus Hamburg, sagt: "Mir kann sich jemand wie einem Freund anvertrauen. Aber – und das ist der Vorteil gegenüber einem richtigen Freund – man muss mich nicht wiedersehen."