"Ich bin sehr frei erzogen worden"

Schauspieler Ludwig Haas im Interview über die Rolle seines Lebens in der Lindenstraße und sein Fitnessrezept fürs Alter.

von Thomas Röbke, 03.03.2019

Senioren Ratgeber: Seit bald 34 Jahren verkörpern Sie den Dr. Dressler in der "Lindenstraße". Was sagen Sie zum Entschluss der ARD, die Serie 2020 abzusetzen?

Ludwig Haas: Es ist bitter, dass ein solches Format, das einmalig ist, einfach abgesetzt wird. Und leid tut es mir auch für die vielen Angestellten in der Produktionsfirma, die ihren Job verlieren.

Sind Sie der Rolle nicht auch überdrüssig?

Dresslers Geschichten sind noch immer schauspielerisch reizvoll, es wird nie langweilig.

Seit Folge 169 sitzt Dressler nach einem Unfall im Rollstuhl – mit Querschnittslähmung?

Eine Diagnose hat es nie gegeben: Niemand weiß, warum er nicht mehr gehen kann. Eigentlich war verabredet, dass ich wieder aus dem Rollstuhl rausgeschrieben werde. Aber das hat man vergessen, und irgendwann war es zu spät dafür.

Ist es eher lästig oder eher bequem, im Sitzen zu drehen?

Es ist eine andere Spieltechnik. Emotionen, die ich sonst im Gehen oder durch Mit-den-Füßen-Stampfen ­­ausdrücken würde, muss ich in den Rollstuhl verlegen. Außerdem ist Dressler so ein bisschen zwielichtig, und in seinem Rollstuhl wirkt und agiert er oft wie eine Spinne im Netz, das gibt ihm eine besondere Aura.

Sorgt es im Alltag noch immer für Überraschungen, dass Sie gehen können?

Oh ja. "Guck mal, da läuft der im Rollstuhl!", höre ich dann.

Stört es Sie, mit "Hallo, Doktor Dressler" begrüßt zu werden?

Das ist okay, wenn die Leute lieb und nett sind und nicht an meinem Jackett zerren. Aber in der Regel haben sie Respekt vor dem Dressler.

Was war Ihr Antrieb, Schauspieler zu werden?

Den Drang hatte ich schon als kleiner Junge. Da schrieb ich Theaterstücke und führte sie im Wohnzimmer auf. Nach dem Krieg strandeten viele Schauspieler in Eutin, wo ich aufwuchs. Meine Eltern waren beide Maler und scharten gerne Künstler um sich. Das fand ich natürlich hoch­ spannend. Und als in der Nähe der "Immensee"-Film gedreht wurde, durf­te ich ein bisschen Statist spielen!

Haben Ihre Eltern nicht gesagt: "Mach was Ordentliches, womit du auch Geld verdienst"?

Meine Eltern waren beide nicht materialistisch, sie waren schließlich selber Künstler. Sie sagten nur: "Mach, was dir Spaß macht." Ich bin sehr frei erzogen worden.

Sie haben in sechs unterschiedlichen Filmen Adolf Hitler gespielt. Ich wäre nie darauf gekommen, dass Sie sich ähnlich sehen ...

Das Markante an Hitler war nicht Schnäuzer oder Haartolle, sondern seine Nase. Er hatte eine große, spitze Nase. Die hat man mir entsprechend modelliert, dann war die Ähnlichkeit frappierend. Meine Frau hat mal Fotos von mir in der Rolle an eine Agentur geschickt. Die dachten, sie hätte versehentlich Bilder des echten Hitler geschickt, und baten um die "richtigen" Fotos.

Ihre Hobbys sind Malen und Bildhauerei?

Ja. Ich habe nie Langeweile. In letzter Zeit habe ich mich darauf verlegt, kleine Trickfilme am Computer zu gestalten, nur für den Hausgebrauch, mit einem Animationsprogramm. Damit habe ich schon ganz hübsche Sachen hinbekommen.

Also keine Scheu vor der Technik?

Genau! Und es ist gerade wichtig, im hohen Alter kreativ tätig zu sein. Sich nicht nur berieseln lassen, sondern selber etwas schaffen. In dem Moment, wo du etwas kreierst, kriechst du da so hinein, dass du dich und deine Wehwehchen vergisst. Das hält geistig sehr fit. Oft stehe ich nachts auf, weil mir etwas einfällt, und gehe an den Computer. Und dann schlafe ich wieder zufrieden ein.

Ist das Ihr Fitnessrezept?

Auch. Hinzu kommt: Als Schauspieler kann ich sehr gut in mich hineinhorchen und merke sofort, wenn ­irgendwas in mir nicht stimmt. Das lasse ich dann auch untersuchen. Vor sechs Jahren habe ich mir Bypässe machen lassen, ohne dass ich einen Herzinfarkt gehabt hätte. Aber beim Getränkekistenheben spürte ich einen seltsamen Druck auf der Brust. Der Arzt stellte dann fest, dass ein Gefäß stark verengt war. Die OP hat den Herzinfarkt verhindert.

Ludwig Haas

  • *16. April 1933 in Eutin
  • Schauspiel-Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg.
  • Wirkte in vielen Theater- und Filmproduktionen mit, zahlreiche TV-Rollen. Seine bekannteste: Dr. Ludwig Dressler in der "Lindenstraße".
  • Privat: Mit seiner dritten Ehefrau Marianne lebt Haas im Norden Deutschlands. Das Paar hat zwei Töchter.

Das muss man erst mal können: sich genau beobachten, ohne zum Hypochonder zu werden …

Ja, das bin ich gar nicht. Ich bin da einfach sehr sachlich. Ignoranz ist ein schlechter Ratgeber.

Sie sind im April 85 geworden, mit welchen Gefühlen?

In meinem Alter hat man jeden Tag Geburtstag, denn jeder Tag ist ein Geschenk. Mit 40 habe ich mich nicht anders gefühlt als heute, abgesehen davon, dass das Bücken oder Treppensteigen beschwerlicher geworden ist. Wenn man gesund und gut zuwege ist, ist die 85 kein Problem.

Wie steht es um die berühmte Altersweisheit?

Ich denke schon, dass ich milder geworden bin. Man wird toleranter, erkennt, dass man nicht groß etwas ­bewegen und ändern kann. Vielleicht wird man auch etwas weiser und sieht über Dinge hinweg, die eigentlich unwichtig sind. Was habe ich mich als junger Mensch mit vielem und mit vielen angelegt…

Was hätten Sie rückblickend gerne anders gemacht?

(überlegt lange) Man ist eigentlich so, wie man ist, und danach stellt man auch die Weichen im Leben. Vielleicht sollte man eher fragen: Wären Sie gerne anders?

Was würden Sie antworten?

Ich wäre gerne geschäftstüchtiger. Aber letztlich kann ich mich nicht beklagen. Ich musste mich nie groß bewerben, es hat sich immer entwickelt. Wenn mich ein Intendant gefragt hat, ob ich an sein Theater kommen will, und wenn es mehr Geld gab, habe ich Ja gesagt.

Und wie war es bei der "Lindenstraße"?

Der Produzent Hans W. Geißendörfer sah bei einer Agentur mein Foto und sagte: "Genau so einen Typ suche ich." Dann wurde ich eingeladen, habe vorgesprochen, und das war’s.

Schauen Sie sich manchmal alte "Lindenstraße"-Folgen an?

Es kommt vor, dass ich da reinschalte. Ich staune dann, wie schlank ich war und wie dunkel meine Haare waren. Wenn auch schon nicht mehr so zahlreich.