Richtig dosiert dank Blisterservice

Medikamente richtig einnehmen ist gerade bei Älteren kompliziert. Pflegenden im Heim oder zu Hause macht es ­manche Apotheke leichter.

von Orla Finegan, 15.03.2019

Es knackt und knistert in dem großen, verglasten Raum über der Schweriner Apotheke von Helga Braun. Drei ihrer Mitarbeiterinnen sitzen dort über unzählige Medikamentenschachteln, Pläne und Plastikschälchen gebeugt an einem langen Tisch. Mit Mundschutz und Handschuhen drücken sie Tabletten aus Originalverpackungen – so viele und so regelmäßig, dass das Knacken des Plastiks wie ein Geräuschteppich über dem Raum liegt. 650 Bewohner von Pflegeheimen müssen einmal die Woche die Blister mit ihren verschriebenen Medikamenten erhalten. "Das Wort Blister kommt aus dem Englischen und bedeutet Blase", erklärt Helga Braun.

Ihre Mitarbeiterinnen verteilen die Tabletten der Patienten individuell in einzelne Plastikschälchen, die sogenannten Blister, in der Reihenfolge, wie sie eingenommen werden: bis zu viermal am Tag, morgens, mittags, abends und nachts.

Die Apothekerin hielt Vorträge zu Gesundheitsthemen

Als Helga Braun sich vor 21 Jahren selbstständig machte, ahnte sie noch nicht, dass sie sich einmal in der Pflege engagieren würde. Sie war 43, hatte drei Kinder, war arbeitslos und wollte eine Apotheke eröffnen. Startkapital hatte die Familie keines, und kurz nach der Wende war der Schweriner Stadtteil Großer Dreesch sicher kein Ort, der eine blühende Zukunft versprach. "Mit vier Mitarbeitern habe ich angefangen", erzählt sie, "heute sind es 19." Ihre blauen Augen funkeln durch die petrolfarbene Brille.

Mit Engagement und Innovation etablierte sich ihre Apotheke in einer Einkaufspassage – auch weil Braun den Kontakt zu den Menschen sucht. Die Apothekerin hielt Vorträge in Bürgerzentren oder Volkshochschulen zu Bluthochdruck, Diabetes oder Demenz und veranstaltete in Schwerin Gesundheitspodien mit Experten.

Die Versorgung von Pflegeheimen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Inzwischen nutzen sechs Heime in und um Schwerin und 50 Patienten im eigenen Zuhause den Blister-Service. Für jeden Patienten verteilen die Mitarbeiterinnen die vom Arzt verschriebenen Medikamente einzeln in kleine orangefarbene Plastikschälchen, alles von Hand. Für den Zeitraum von einer Woche erhalten Pflegeheime und Privatleute so ihre individuell vordosierten Arzneien im Voraus. "Länger dürfen Medikamente nicht außerhalb der Originalverpackung gelagert werden", erklärt die Arzneimittelfachfrau.

Im Blister-Raum löst Mitarbeiterin Sabine Frank weiter Tabletten mit den Wirkstoffen Omeprazol, ASS oder Moxonidin aus den Verpackungen. Dann füllt sie die Arzneien in die entsprechenden Fächer – immer 28 Fächer hängen für eine Woche zusammen. Um die Blister anschließend luftdicht zu verschließen, steht ein Heißklebe-Versiegler auf dem Tisch. "Wir arbeiten nach einem Vier-Augen-Prinzip", betont Helga Braun – in einem anderen Raum sitzt eine Mitarbeiterin, die nochmals die fertigen Blister überprüft.

Nicht jedem in der Branche gefällt der Service. Das Pflegepersonal verliere den Bezug zu den Medikamenten, so das Argument. Auf der anderen Seite soll es Verwechslungen bei der Medikamentengabe ausschließen: Angehörige sehen auf einen Blick, ob die Arzneien schon eingenommen wurden. "Sie glauben gar nicht, wie viele Probleme es gibt, weil Medikamente falsch eingenommen werden", sagt Braun und schüttelt leicht den Kopf. Für die Apothekerin überwiegen die Vorteile der Blister, vor allem aufgrund der doppelten Kontrolle: Sie gewährleistet, dass jeder Heimbewohner seine Arzneimittel korrekt dosiert zum richtigen Zeitpunkt einnehmen kann. Zusätzlich wird jeder Medikamentenplan auf Wechselwirkungen überprüft.

Für Angehörige sind die Blister eine Entlastung

Waltraud Hoppe, 66 Jahre alt, pflegt ihre Schwiegermutter schon seit 22 Jahren. Seit einem Schlaganfall vor zwei Jahren hat diese Pflegegrad vier. Hoppes Schwiegermutter ist eine der 50 Kunden, die ihre Tabletten privat verblistert erhalten. "Das Problem ist, dass sie nicht jeden Tag die gleichen Tabletten bekommt", sagt Hoppe. "Das war mir zu unsicher." Hoppe hat selbst jahrelang in einem Heim für psychisch kranke Menschen die Medikamente für die Patienten vorbereitet. Sie weiß, wie sehr man sich konzentrieren muss, um ja nichts zu verwechseln. Jetzt ist sie froh, dass die Apotheke ihr die Verantwortung abnimmt.

Wenn Helga Braun von ihrem Blister-Service spricht, scheint sie selbst von dem Erfolg überrascht zu sein. "Wir haben das Verblistern nur angefangen, weil die Heime es unbedingt wollten." Sie sei nicht gerade erpicht darauf gewesen, denn der zusätzliche Aufwand sei enorm. Aber die Apothekerin weiß auch: Blistern sorgt bei Senioren und Pflegenden für mehr Sicherheit bei der Medikamenteneinnahme. Das ist es ihr wert.