Doktors Rat per Video

Telemedizin: Ob per Video, Chat oder Telefon: Immer öfter behandeln Ärzte Patienten aus der Ferne. Was halten Ältere vom digitalen Hausbesuch?

von Raphaela Birkelbach, 10.05.2019

Brummt das Handy in ihrer Kitteltasche, weiß Dr. Martina Hartmann, was los ist. "Jemand braucht einen medizinischen Rat", erklärt die Allgemeinmedizinerin aus Mannheim. Alles laufe wie bei einem ganz normalen Arzt-Patienten-Gespräch, "nur findet die Beratung in meinem digitalen Sprechzimmer statt".

Die Hausärztin aus Süddeutschland engagiert sich seit April 2018 mit 39 Kollegen bei "Doc Direkt", einem Telemedizin-Modellprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Die Idee: Bei akuten Gesundheitsbeschwerden können sich gesetzlich Krankenversicherte in Baden-Württemberg an ein Callcenter wenden, wenn sie ihren Arzt nicht erreichen.

Und so läuft das Ganze in der Regel ab: Geschulte Fachangestellte nehmen die Anrufe werktags zwischen 9 und 19 Uhr an. Manche Anfragen leiten sie an eine Rettungsdienststelle weiter, wenn sich im Gespräch herausstellt, dass es sich um einen Notfall handelt.

Ansonsten  übernimmt einer der telemedizinisch erfahrenen Ärzte aus dem Medizinerpool von "Doc Direkt" den Patienten und ruft ihn innerhalb von 30 Minuten zurück. Stellt Martina Hartmann beim Telefonat fest, dass eine Ferndiagnose nicht ausreicht, vermittelt sie den Ratsuchenden an eine Praxis, die mit "Doc Direkt" zusammenarbeitet.

Ältere Patienten sind skeptisch

Das Pilotprojekt zur Fernbehandlung kommt gut an. Experten überlegen nun, ob es sich bundesweit eignet. Auch im deutschen Gesundheitssystem ist die Hightech-Welt längst ein Thema. Sechs von zehn Ärzten halten Telefon- und Videosprechstunden außerhalb der Praxisöffnungszeiten für sinnvoll, um unnötige Ambulanzbesuche zu vermeiden. Das belegt der DAK-Digitalisierungsreport 2019.

Die Bundesärztekammer hat die Diskussion ebenfalls befeuert: Im Mai vergangenen Jahres gab sie grünes Licht, dass Mediziner in Einzelfällen Patienten per Chat oder Videotelefonie beraten dürfen, auch wenn sie die Menschen und ihre Krankengeschichte nicht kennen.

Ist das eine gute Entscheidung für die Patienten? Wie aufgeschlossen sind sie gegenüber digitalen Hausbesuchen? Eine repräsentative Umfrage des Senioren Ratgeber belegt: Vor allem Ältere tun sich schwer mit der Technik-Offensive. Rund 70 Prozent der ab 60-Jährigen bevorzugen ein persönliches Gespräch, wenn es um ihre Wehwehchen oder ernstere Krankheiten geht.

Eine Behandlung per Chat oder Videokonferenz kommt für sie nicht infrage. "Für viele Senioren ist Telemedizin noch mit Ängsten verbunden", bestätigt Dr. Amin-Farid Aly, Referent für Telemedizin und Telematik an der Bundesärztekammer in Berlin.

Ein Grund für die Skepsis ist die Technik. Nicht jeder über 70-Jährige verfügt über digitale Kommunikationsmittel; nicht jeder in die Jahre Gekommene kann mailen oder chatten. "Vor allem ist es für die Generation 70 plus ungewohnt, im Wohnzimmer zu sitzen und per Videokonferenz mit dem Arzt über gesundheitliche Beschwerden zu sprechen", sagt Aly. Diese Scheu dürfe nicht aus den Augen gelassen werden, warnt er. "Es darf nicht sein, dass manche Menschen bei Neuerungen im Gesundheitssystem einfach nicht mitgenommen werden."

Nicht nur für Routine-Checks

Gleichwohl lassen sich für die Fernbehandlung gute Argumente finden. So profitieren Patienten etwa bei Routineterminen, bei Verlaufskontrollen einer langwierigen Krankheit oder in Landstrichen mit wenigen Ärzten. "Das erspart Patienten lange Anfahrten und das Warten in überfüllten Praxen oder Notfallambulanzen", betont die Teleärztin Hartmann aus Mannheim. "Viele Fragen lassen sich auch am Telefon beantworten."

Mehr noch: Digitale Hausbesuche können ein chronisches Leiden positiv beeinflussen, zeigt eine Studie der Berliner Charité. So lebten Patienten mit Herzschwäche, die engmaschig per Telemedizin betreut wurden, länger im Vergleich zu herkömmlich betreuten Patienten.

Auch ein Modellprojekt aus Bayern unterstreicht die Vorteile: Vernetzen sich Schlaganfallspezialisten aus großen Kliniken per Telemedizin mit Kollegen in kleineren, ländlich gelegenen Krankenhäusern, verbessert sich dort die Notfallversorgung.

Solche Erfahrungen machen Mut. Dennoch: Der Teledoktor kann zwar per Video eine wunde Hautstelle begutachten. Doch er kann weder die Lunge abhören noch einen faulen Atem riechen oder eine harte Bauchdecke ertasten.

Die fehlende körperliche Untersuchung ist eine Schwachstelle. "Sie kann schnell zu Fehleinschätzungen führen", warnt Telemedizinexperte Aly. Umso wichtiger sei es, dass der digitale Doktor geschult ist, seine Grenzen kennt und weiß, wann ein Patient persönlich beim Arzt vorstellig werden muss. 

Über Datenschutz informieren

Letzlich entscheidet der Kranke, ob er das virtuelle Sprechzimmer betritt. "Bietet einem der Hausarzt selbst digitale Betreuung an oder verweist er auf andere Angebote, ist das eine vertrauensvolle Basis", meint der Referent der Bundesärztekammer. Steht Telemedizin aber nicht unter ärztlicher Aufsicht und verfolgt vor allem wirtschaftliche Interessen, rät er ab. Außerdem mahnt Aly, nicht blind dem Datenschutz zu vertrauen und sich vorab genau zu informieren.

Der erste Patient von Teleärztin Martina Hartmann war bestens im Bilde. "Er war 80, erstaunlich locker vor der Kamera und einfach froh, dass er nicht so weit fahren musste."

57% der über 60-Jährigen finden, dass eine Online-Sprechstunde gerade für chronisch Kranke ein sehr gutes Angebot ist, um ständige Gesundheitsdaten wie Blutzucker oder Blutdruck mit dem Arzt zu besprechen.*

93% der Senioren finden, dass Ärzte statt in Telemedizin zu investieren, lieber mehr Zeit für die persönliche Beratung haben sollten – und diese entsprechend honoriert bekommen sollten.*

83% ... der älteren Patienten befürchten, dass sie aufgrund der Fernbehandlung im Rahmen der Telemedizin keinen Einfluss darauf haben, welcher Arzt sie behandelt.*

71% … der ab 60-Jährigen würden sich niemals per Chat oder Videokonferenz behandeln lassen, weil sie persönlich mit dem Arzt sprechen möchten.*

53% ... der Befragten aus der Generation 60 plus finden, dass Telemedizin gerade in ländlichen Gebieten einen Ärztemangel sehr gut ausgleichen kann.*

*Repräsentative Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg im Auftrag
des Senioren Ratgeber, Januar 2019