Alltag mit Kniegelenksarthrose

Wie kommt man kniefreundlich durch den Alltag, wenn man an Arthrose leidet? Patientin Katja M. macht es vor.

von Elke Schurr, 02.08.2019

Katja M. ist eine Sports­kanone. Das ist bemerkenswert, weil die Tübinger Seniorin schon seit Jahren unter einer massiven Kniearthrose leidet, und das an beiden Gelenken. "Die Bewegung tut mir und meinen Knien gut", versichert die 76-Jährige. Doch neben der Freude am Sport hat ihr Aktivitätsdrang noch einen anderen Beweggrund: "Ich habe mit meinem Arzt vereinbart, dass ich alles tue, damit ich eine Prothese noch etwas hinausschieben kann." Ein Ziel, das sich erreichen lässt, weiß Prof. Thomas Horstmann, Gelenk­experte der TU München und Befürworter einer gelenkerhaltenden Orthopädie. Der Leiter der Rehaklinik St. Hubertus am Tegernsee ist überzeugt: "Es gibt niemanden, der so viel Gutes für Sie tun kann wie Sie selbst."

Gelenk bewegen ohne es zu belasten

Wer sich die alte Arthrose-Regel zu Herzen nimmt, sollte sich von Sportarten wie Jogging verabschieden: Mit ihren Stoßbelastungen kommen sie bei angeschla­genen Knieknorpeln weniger in­frage."Ich kann zwar nicht mehr Tennis spielen wie früher", bestätigt Katja Mesecke, "aber Nordic Walking tut mir gut." Ob Radfahren, Aqua-Gymnastik oder Gehen mit den Stöcken: Dabei lastet das Gewicht des Oberkörpers nicht so sehr auf dem Knie, gleichzeitig wird die Beinmuskulatur trainiert. "Das sorgt für ausreichende Bewegungskraft", betont Dr. Joachim Merk, Physiotherapeut und Kniespezialist aus Tübingen. "Und die hält das Gelenk in der Bahn und schützt den Knorpel."

Schmerzen behandeln

Arthrose ist eine chronische Gelenkerkrankung, die eigentlich nicht wehtut. Durch ein bisschen zu viel Gartenarbeit oder eine lange Wanderung kann sich die Gelenkkapsel kurzfristig entzünden. "Wenn ich zu viel auf den Beinen war, merke ich das schon", so Katja M. Während der Schmerzphasen hat ihr der Arzt empfohlen, nicht nur das Training zu drosseln. Es sei auch wichtig, Entzündung und Schmerz mit antientzündlichen Wirkstoffen zu bekämpfen. "Wie lange und wie oft ein Arthrosepatient sie einnehmen darf, hängt auch von seinen Begleitkrankheiten ab", betont Apotheker Rolf Flieg. "In der schmerzfreien Zeit sollte man ohnehin mit den Schmerzmitteln pausieren."

Regelmäßig Gelenksport treiben

Gelenksportgruppen in Kliniken, Sportvereinen und Rehazentren sind für Arthrosepatienten ideal: Der gesamte Halte- und Muskel­apparat rund ums Knie wird gestärkt, gleichzeitig die Balance trainiert. Das Gelenk bleibt länger beweglich und schmerzfrei. Auch Katja M. ist ein Riesenfan ihrer Tübinger Knie-Spezialstunde: "Danach bin ich zwar fertig. Aber über die vielen Jahre, die ich das nun mache, ist meine Beweglichkeit konstant gut geblieben." Die Teilnehmer gehen auf Fer­sen durch die Halle, balancieren auf halbierten Igelbällen, rollen mit einem Fuß sitzend einen Ball nach vorn und zurück oder werfen sich die Bälle zu. "Wir kommen ins Schwitzen, und ganz nebenbei therapieren wir Knie und Gleichgewicht", fasst Übungsleiterin und Physiotherapeutin Andrea Miller die Stunde zusammen. Vorteil gegenüber dem Üben zu Hause: "Ich kann korrigierend eingreifen!"

Kniefreundlich ernähren hilft vorbeugend

Beim Gehen lastet fast das Dreifache des Gewichts auf den Gelenken, beim Bergabgehen noch mehr. "Verständlich, dass dann jedes Kilo auf den Rippen zählt", erklärt Experte Thomas Horstmann. Doch Abnehmen fällt vielen Kniepatienten schwer – zumal anstrengende Ausdauersportarten schon wegen der Knieschäden kaum zu schaffen sind. Der Hunger aber bleibt. Was tun? Der Orthopäde schlägt vor, den Teufelskreis zu durchbrechen und die Ernährung umzustellen. "Wir versuchen es", sagt Katja M. "Jetzt gibtʼs öfter Gemüsegerichte, Salate und Fisch." Sie ist sich bewusst, dass sie aufpassen muss und ihren Kniegelenken zuliebe zumindest nicht zunehmen darf. Auf das Stück Kuchen zum Kaffee will sie aber nicht verzichten: "Ich geh ja viermal zum Sport!"

Im Stehen das Knie entlasten

An der Haltestelle oder Kasse, im Bad vor dem Spiegel, im Haushalt beim Bügeln oder Kartoffelschälen: Im Alltag steht man häufig. Doch der statische Druck ist Gift fürs Knie – und das hat Folgen für den Gelenkknorpel: Ohne Bewegung wird das Knie unzureichend mit Nährstoffen versorgt. "Dieser Dauerdruck lässt sich aber vermeiden", erklärt Kniespezialist und Buchautor Merk. Er schlägt vor, stetig kleine Schritte auf der Stelle zu machen. "Eine Erholungskur für die Gelenke wäre es außerdem, wenn Sie sich zwischendurch auf einen Tisch oder höheren Stuhl setzen und mit den Beinen frei pendeln würden." Wer sich wie Katja M. einen Stehstuhl für die Hausarbeit anschafft, entlastet zusätzlich die Knie.

Korrekt belasten

Das Gelenk nicht verdrehen, lautet ein wichtiges Prinzip – ob auf der Treppe oder beim Aufstehen aus dem Bett. "Das Zusatzgewicht beim Treppabgehen ist immens", warnt Merk. "Es ist eine der größten Alltagsbelastungen." Sein Rat fürs Runtergehen: "Stellen Sie sich vor, Sie müssten die Treppe hinunterschleichen. Man darf Sie nicht hören. Dann setzen Sie jeden Fuß bewusst und ganz weich auf. Ein sehr gutes Training für die Muskulatur."

Gut fürs Knie: Lasten gleichmäßig verteilen

Um schwere Taschen anzuheben und zu tragen, weicht das Knie oft von der Beinachse nach außen oder innen ab. Diese Verdrehbewegung ist schlecht fürs Gelenk: Deshalb sollte man seine Einkäufe nicht einseitig nach Hause schleppen, sondern Rollwagen oder Rucksäcke benutzen. "Mit meinem Trolley kann ich sogar ein paar Treppen überwinden", versichert Katja M. "Das Ausladen aus dem Auto übernimmt mein Mann."

Pausen machen

"Bei einer Arthrose ist Ein­seitigkeit schlecht", betont Horstmann und erklärt: "Nur bewegen, nur stehen oder sitzen? Für jedes Gelenk ungünstig!" Der Orthopäde ist überzeugt, dass allein in der wohldosierten Mischung die Wahrheit liegt. "Gönnen Sie sich und Ihrem Gelenk immer wieder eine Erholung vom Druck!" Solche Entlastungspausen weiß auch Katja M. zu schätzen. Viermal Sport in der Woche reichen ihr. "Am Wochenende ist mehr Ruhe angesagt!"