"Die Sehnsüchte bleiben die gleichen, ob du 17 oder 77 bist"

Männerhumor, Heirat, Älterwerden? Die beliebte Kabarettistin und Moderatorin Gerburg Jahnke im Gespräch mit dem Senioren Ratgeber.

von Thomas Röbke, 23.09.2019

Senioren Ratgeber: Stimmt es, dass Sie sich gar nicht lustig finden? "Eine zunehmende Melancholie überkommt mich", sagen Sie. Ist das Koketterie?
Gerburg Jahnke: Ich erzähle Geschichten, das ist etwas anderes, als wenn jemand alle 30 Sekunden einen Gag raushaut. In diesen Geschichten ergeben sich Situationen, die absurd sind oder witzig - oder beides. Meine Haltung ist oft eine ­gewisse Fassungslosigkeit über alles Mögliche, was einem passiert, was gesagt oder getan wird. Aber indem man darüber berichtet, ist diese Fassungslosigkeit wieder die Basis für Humor. Sollte dieses Geschichten­erzählen eines Tages aus der Mode kommen, bin ich raus.

Mit der Sendung "Ladies Night" wollten Sie die weibliche Comedyszene sichtbarer machen ...
"Ladies Night" hat dazu beigetragen, dass die Menschen auch bei Frauen hinschauen, die Comedy machen. Und manche Veranstalter trauen sich, mehr Frauen zu engagieren. Doch Frauen haben es nach wie vor schwerer, sich in diesem Berufszweig zu behaupten.

Aus Böswilligkeit der Männer?
Es liegt an den Grundhaltungen zwischen Männern und Frauen. Eine ­Satirikerin oder gar Zynikerin, die selber Witze macht, statt einfach über die der Männer zu lachen, entspricht nicht dem seit Jahrhunderten gewachsenen Frauenbild, ist also etwas beängstigend. Und das treibt an allen Ecken und Enden merkwürdige Blüten und führt zu Frauen, die sich als sehr dick verkaufen oder die bösesten Scherze über sich selber machen und damit ihre Seele veräußern.

Ist der Männeranteil in Ihrem Publikum heute höher?
Ja, immer mehr Jungs kommen freiwillig und gerne, allein oder in Gruppen. Es sind aber auch noch welche dabei, die von ihrer Frau mitgeschleift werden, um etwas zu lernen. Aber die werden im Laufe des Abends zugänglich. Ich sehe es auch nicht als meinen Auftrag, die Männer zu bekehren.

Zur Person:

Gerburg Jahnke

  • geb. am 18. Januar 1955 in Oberhausen
  • War auf dem Weg zur Lehrerin, als sie zum Straßentheater kam. Gründete dann 1985 mit Stephanie Überall die "Missfits".
  • Moderierte bis 2018 die Sendung "Ladies Night", in der nur Frauen auftreten. Seither Solo-Auftritte und Regiearbeiten.
  • Wohnt mit ihrem Partner Hajo Sommers in Oberhausen.

Wer kann besser über sich selbst lachen?
Frauen und Männer lachen sehr unterschiedlich. Frauen honorieren jeden Witz ihres Kindes, sei er noch so schlecht. Auch wenn der Mann meint: "Ich bin jetzt mal lustig", sind sie wohlwollend und lachen schnell. Männern musst du noch mal mit einem Nebensatz erklären, was du meinst. Frauen verstehen schneller die Abläufe, die Schwierigkeiten, die Beziehungsstolpersteine.

Hat sich Ihr Humor verändert mit den Jahren?
Ich habe zu viele Witze schon einmal gehört. Das Kabarett-Comedy-Rad wird alle fünf Jahre neu erfunden. Erst hatte ich damit Schwierigkeiten, bis mir klar wurde: Die Jungen er­finden das gerade für sich neu. Und die haben doch jedes Recht dazu! Stephanie Überall und ich hatten das große Glück, dass es für "Missfits" keine Vorbilder gab.

Sie betrachten "Humor als Zeichen von Intelligenz und Offenheit".
Weil dumme, opportunistische Leute keinen Humor haben. Humor ist auch etwas anderes als Witze-­Machen. Diesen Unterschied sehe ich auch bei meinen Kolleginnen und Kollegen. Es ist natürlich schön, wenn beides zusammenkommt.

War bei Ihnen schon früh klar, dass Sie mal in Richtung Kabarett gehen würden?  
Nein. Das ist eher aus Versehen passiert. Ich hatte auf Lehramt studiert und dabei an verschiedenen Schulen gearbeitet. Da bekam ich sehr viel ­Realität mit. Und nach dem Ersten Staatsexamen war mir klar, dass ich das nicht mein ganzes Leben machen will. Einen Plan hatte ich nie. Das sieht nur im Nachhinein so aus.

Haben Sie schon als Kind gehört: "Die geht mal auf die Bühne"?
Nein! (lacht) Man wollte, dass ich Melodika spielen lerne. Da hätte ich vielleicht mal vor meiner Familie gespielt. Selbst das hat nicht geklappt.

Sie sind jetzt 25 Jahre verlobt. Trauen Sie sich nicht zur Trauung? Hat Verheiratetsein etwas mit Mut zu tun?  
Für viele Menschen schon. Das war nie eine Option. Die Ver­lobung war das, was wir beide hin­bekommen haben, um uns auch öffentlich zueinander zu bekennen. Der Verlobte ist Präsident eines Fußballvereins, der ewig in den roten Zahlen ist. Uns ist die gegenseitige Wertschätzung wichtig, wir wollen uns nicht gegenseitig mit Verträgen oder Verpflichtungen belasten. Wir haben aber eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht aufgesetzt. Da kann man sonst böse reinfallen.

Teilen Sie seine Liebe zum Fußball?
Überhaupt nicht. Ich gehe ganz selten mit auf den Platz. Er ist ja nicht zurechnungsfähig während des Spiels, regt sich total auf, diskutiert mit den anderen Fans um ihn herum ...

Wie gehen Sie mit dem Älterwerden um?
Ich habe gar keine Chance, nicht da­rüber nachzudenken. Mein Körper entwickelt Baustellen, die vor ein paar Jahren noch überhaupt kein Thema waren. Gerade habe ich mir einen jungen Hausarzt geschossen, der ist 38. Mein alter Hausarzt ist 72. Jetzt fangen die Sachen an, wo ich denke, das könnte anspruchsvoller werden. Da hätte ich gerne jemanden, der mich möglichst lange begleitet. Auch für die anderen Fachrichtungen will ich mir eine junge Truppe zusammenstellen, bei der ich die nächsten Jahrzehnte gut aufgehoben bin.

Sehr pragmatisch.
Aber mir geht es gut mit dem Plan. Als meine Eltern ins Heim kamen, unterhielt ich mich mit den anderen Bewohnern, und mir fiel auf, dass vor allem die Frauen von innen ganz jung waren. Von den Sehnsüchten her wie mit 17 oder 22. Ist das nicht spannend? Du musst mit den Einschränkungen des Körpers irgendwie zurechtkommen, aber deine Sehnsüchte bleiben immer die gleichen, ob du 17 oder 77 bist.

Sie bedauern, dass es umso weniger schöne Kleidung zu kaufen gibt, je älter man wird.
Mir begegnet noch so viel Beige und Tarnfarbe auf der Straße. Es ist eine Gratwanderung, man will sich ja nicht überjugendlich kleiden. Aber es geht viel mehr, als sich die meisten trauen. Ich wünsche mir, dass ich das in zehn Jahren gut hinkriege und meinen Einkaufswagen etwas divenhaft durch den Supermarkt schiebe.