Stuhlgang, bitte!

Mit den Jahren häufen sich die Probleme mit der Verdauung. Warum es so wichtig ist, darüber zu reden – und was wirklich hilft, wenn auf der Toilette nichts mehr geht

von Barbara Erbe, 07.10.2019

Sie heißen "Darm mit Charme",  "Schlau mit Darm", "Das Glück  beginnt im Darm" oder, recht unverblümt, "Alles Scheiße!? Wenn der Darm zum Problem wird". Eine Welle von erfolgreichen Sachbüchern hat dem Verdauungsorgan in den vergangenen Jahren eine nie da gewesene Popularität beschert.

Boom im Reich der Mitte

Prof. Christian Trautwein freut sich darüber. "Das Bewusstsein dafür, wie wichtig der Darm für unser Wohl­befinden ist, ist enorm gewachsen", sagt der Gastro­enterologe von der Universitätsklinik RWTH Aachen, der auch Sprecher der Fachgesellschaft DGVS ist. Mehr noch: Menschen mit Beschwerden im Bauch gehen heute früher zum Arzt als noch vor zehn Jahren, beobachtet der Experte. "Auf die eigene Verdauung zu achten ist selbstverständlicher geworden, auch für ältere Menschen, die damit aufgewachsen sind, dass man ‚darüber‘ nicht spricht."

Das ist gut so. Auch der Darm kommt in die Jahre, wird träger und anfälliger für Verstopfung. Blutungen können auftreten, das Risiko für Tumore steigt. Vor allem bei ballaststoffarmer Ernährung entstehen im Alter oft Ausstülpungen des Darms, die sich entzünden können.

Auf Auffälligkeiten achten

Daher rät Trautwein besonders Senioren, mindestens ein-, zweimal im Monat den Stuhl anzusehen und auf Veränderungen zu achten: Ist er auffallend anders als sonst? Goldbraun wie immer – oder ins Schwarze gehend? Ist Blut zu erkennen? Allerdings sind heute viele WC-Schüsseln als sogenannte Tiefspüler konstruiert, bedauert Trautwein: Der Stuhl liegt nicht mehr auf, sondern verschwindet ohne Zwischenhalt im Abfluss. Umso wichtiger sei es, ab und an ein wenig Toilettenpapier über dem Abfluss auszulegen, um den Stuhl besser zu sehen, Auffälligkeiten festzustellen – und gegebenenfalls beim Arzt klären lassen zu können. Der Blick in die Schüssel ist jedoch kein Ersatz für die Darmkrebsfrüherkennung, zum Beispiel mit ­einem Stuhltest.

Wenn Apotheker Dr. Rolf-Günther Westhaus aus Essen von seinen Kunden um Rat zum Thema Verdauung gebeten wird, geht es meist um Verstopfung. "In neun von zehn Fällen sind es Frauen, die sich deswegen an uns wenden", beobachtet der Arzneiexperte. Männer würden das Thema eher meiden – obgleich auch sie gerade im Alter zunehmend von Verstopfung betroffen sind. Oft muss Westhaus Aufklärungsarbeit leisten: ein, zwei Tage keinen Stuhlgang zu haben ist kein Grund zur Besorgnis.

Mehr Bewegung dank Ballast

Streikt der Darm, kann das auch an Medikamenten liegen, weiß der Apotheker. So begünstigen manche Blutdrucksenker und einige Antidepressiva Verstopfung.  
Gern legt Westhaus seinen Kunden Hausmittel ans Herz, die die Verdauung fördern, "beispielsweise in Orangensaft eingeweichte Backpflaumen". Generell sei es wichtig, reichlich Ballaststoffe zu sich zu nehmen, etwa in Form von Vollkornprodukten, Nüssen oder Gemüse, ausreichend zu trinken und sich viel zu bewegen.

Wenn das nicht reicht, rät Westhaus zu Flohsamenschalen. Sie helfen aber nur, wenn man dazu viel trinkt. "Es müssen schon mehrere Gläser Wasser sein. Die Samenschalen quellen ordentlich auf. Wenn nicht genügend Flüssigkeit da ist, bilden sie einen festsitzenden Pfropf."

Neue Beschwerden? Besser zum Arzt

Ist die Verdauung nach drei Tagen immer noch nicht in die Gänge gekommen, können Abführmittel helfen. Präparate mit Bisacodyl oder ­Natriumpicosulfat kurbeln die Darmtätigkeit an, während Medikamente mit Makrogol den Stuhl weicher machen. Zwar sind die Verdauungshelfer im Allgemeinen auch für Senioren gut verträglich, doch warnt Westhaus vor einem unbedachten Einsatz: "Immer wieder begegne ich Kunden, die über Jahre und Jahrzehnte Abführmittel nehmen." Der Apotheker hilft, die Dosis Schritt für Schritt zu reduzieren und so den Darm von den Mitteln zu entwöhnen.

Tritt eine Verstopfung erstmals auf oder wird das Problem chronisch, ist der Arzt gefragt. "Das gilt auch, wenn der Stuhl abwechselnd sehr hart und weich ist oder Schmerzen auftreten", erklärt Gastroenterologe Trautwein. Begleiterscheinungen wie Fieber, Erbrechen oder Blut im Stuhl sind auf jeden Fall Alarmzeichen.

Ja zu Joghurt. Nein zu Humbug

Um den Darm gesund zu erhalten, rät Trautwein auch zu Sauermilchprodukten wie Joghurt oder Dickmilch. Die Milchsäurebakterien wirken gegen Verstopfung – und sind nebenbei, wie auch Ballaststoffe, gut für die Darmflora. An diesem Punkt allerdings sieht Trautwein die Hochkonjunktur des Themas Darm mit Skepsis. Zwar sei klar, dass eine intakte Darmflora wichtig für unsere Gesundheit ist. "Aber Produkte wie ,Bakterienkulturen gegen Stress‘ oder teure Labor­analysen der Darmflora sind Geldmacherei. Da ist nichts bewiesen."